Nun was meint Ihr, lieber von Hompesch, zu dem Angriff auf die Kirche? da das Volk damit den Geistlichen glaubt an die Seele zu greifen; denn ohne Kirchen keine Kirche, ohne Hausrath kein Haus, ohne Geschäfte darin kein Leben, „das“ ist keine ganz alberne Meinung; was meint Ihr, da Ihr gerecht und billig seid gegen Freund und Feind? So fragte ihn ein anderer vornehmer Patricier.
Ich meine, lieber Riedesel, erwiderte der stattliche gediegene Mann, unsere Geistlichen hier zur Stadt wie umher zu Lande sind mir bewundernswürdige redliche Leute, die ihre Pflicht, dem Volk zu helfen und zu allem Guten seine Diener zu sein, selbst mit Gefahr, dafür Leiden zu ernten, unverzagt erfüllen. Das zeigen sie klar daran, daß sie jetzt in den Häusern von dem Kinderkreuzzug abreden, in den Kirchen davon mit Thränen abpredigen, und wagen damit selbst ihr Verbleiben in der Stadt — damit nicht die wol zwanzigtausend Kinder[2)] aus dem Rheinland und drüben aus dem nächsten Deutschland, — den Vätern und Müttern zum Gram in weiter nichts als unermeßliches Elend rennen!
Da sind aber Andere, die obschon gläubigen, zahlreichen, mächtigen Wollenweber oder Tuchmacher und Tuchknappen, die klüglich und vernünftig selber ihre Kinder zu Vernunft prügeln, die sie einsperren, um sie nicht zu den Umzügen und Processionen der Kinder laufen zu lassen, die sie zu fernen Anverwandten und Freunden, selbst bis nach Holland, bis Nürnberg und noch weiter heimlich fortführen, bis der alberne Sturmwind vorübergebraust; und was thun erst Alles die verschlossenen, unkennbaren „Reinen“ oder Ketzer, von denen unsere Stadt halb voll ist — was thun sie? Sie ergreifen jetzt, für jetzt und für die Folge, die Gelegenheit, die so vernünftige Geistlichkeit überhaupt bei dem gläubigen Volke verhaßt zu machen, weil sie vernünftig sind. Ist so Etwas schon vorgekommen? Was meint Ihr dazu, unser alter Hardenberg.
Und der gelassene Alte sprach, aber leise: Ja! und wie verehrungswürdig und väterlich gegen alle seine Kinder, die ihm vom Himmel zur Erziehung anvertraut sind, erscheint da erst unser Heiliger Vater, der seinen Namen „der Unschuldige“ mit dreifachem Recht führt. Unschuldig war er am Kreuzzug. Hätte er ihn verboten, so hätte das Volk ihn für einen Türken gehalten, wol abgesetzt. Er dürfte noch keine Kirchthür an dem alten einfallenden Peter an einem Heiligentage verschließen, das Volk sprengte sie auf . . . nicht einer gemalten Muttergottes die Lichter vor ihrem Bilde an einer Straßenecke auslöschen lassen . . . nicht einem Büßenden sagen: „Lieber Freund, oder liebe Freundin, kein Mensch kann eine Sünde vergeben, und Priester sind Menschen. Geh’ reuig nach Hause und bessere dich — und Gott vergibt die Sünden unerforschlicherweise.“ Seine Vorfahren wurden und waren nur mit aller Menschengewalt bekleidet, weil sie das Alles leiblich und zeitlich, und örtlich und hörbar, und sichtbar und fühlbar vor- und darstellten, was das Volk wollte, daß sie wären, und was es zu bedürfen schien, ja so wie es war, es wirklich bedurfte in seinem rohen unbeholfenen Leben voll tausend Mängeln in tausend Angst und Noth. Einem solchen armen Volke die Priester nehmen, die heilige Messe austilgen, daß nicht Gottes lieber Sohn täglich für dasselbe geopfert würde und der Welt Sünden auf sich nehme, damit sie wieder fröhlich von frischem strebten, wie neugeborene Kinder, das war unmöglich. Ohne letzte Oelung gab es keinen getrosten Tod, keinen Himmel; sie hätten gemeint in das Fegefeuer zu stürzen, unerlösbar ohne Fürbitten, und sterbend auf ewig vom Teufel geplagt in der Hölle zu schmachten unerlösbar. Wie wohlthätig ist solchen armen Seelen, so lange sie solche sind, ein göttlicher allmächtiger Stellvertreter Petri mit den Schlüsseln des Himmels auf Erden — und wie wohlthätig ein mächtiger Pfarrherr auf jedem Dorfe, ja nur eine Kapelle, weit umher zu sehen auf ihrem Berge ins Land hinaus — nur ein Glöcklein, das Abends Frieden ausduftet über das Land — und ein Kreuz am Wege, Tags im Sonnenschein, beglaubigt vom blauen Himmel droben, und des Nachts im Walde im Mondenschein, den verirrten Wanderer anleuchtend wie mit Gottes Auge, das getreu ihm zublinkt: „Sei getrost — ich bin da!“
Das ist wol wahr und hört sich recht lieb, ja schön an; sprach ein anderer Herr noch leiser, ein Rathsherr, an seiner Kette mit dem Stadtwappen in Gold geprägt erkennbar; das Volk will Alles, was ihm in der Wiege der Erde inwendig einkommt in seinem Schlafe, auch auswendig in der Welt sehen, es will es greifen; es will in eine trauliche Kammer vernagelt sein; es will für die unendliche Zukunft ein Ende der Welt, ein Weltgericht, da es nichts ohne Ende begreifen kann — es will für alle Sünden einen Vergeber, für alle Uebel nur Einen Erlöser — für alle Begebenheiten, ja Träume, eine Zeit und einen Ort — für alle Heiligen je ein besonderes Bild — für alle besondere Noth einen besondern anrufbaren Namen — und für sein enges Herz die ganze Welt in der Nuß, in der Erdenpilgertasche — in der Scarsella. Aber Eins ist noch wahrer, noch entsetzlicher wahr: das ist die Trägheit, die Faulheit, die willige Versunkenheit, wie ein früh Erwachter wieder aus der blendenden Morgensonne unwiderstehlich in den seligen Schlaf sich begräbt. — Ein gewisses faules Leben gefällt Allen! Wozu sich übermäßig plagen? . . .
Die Welt hat Zeit! . . . und die Plage hat kein Ende. Darum plagen wir uns im Schatten, auf dem Bauche liegend, und rufen wie die vormalige faulgewordene römische Jugend: „Ach wäre das doch arbeiten!“
Manche lachten und drohten ihm mit dem Finger. Und ein sehr klug aussehender bürgerlicher Herr aus dem weitern Rathe mit der nur silbernen Kette sprach: Draußen schon sagte mir unser alter kluger und schlauer Metternich, Herr auf Metternich: „Da ist wol auch ein anderer Einwurf mit in die Berathung aufzunehmen, warum die vorsorglichen frommen Herren den Kinderkreuzzug erst recht nicht wünschen, ja fürchten: denn reisen, weit und lange reisen, das macht klug über Das, was ist, was sein kann, und was nicht! Und nun gar unter fremden Völkern sehen und sich überzeugen, daß ein gewisser Gott sie segnet, daß sie Frau und Kinder haben, und seelenruhig froh und glücklich leben voll Hab und Gut, Aecker und Vieh wie andere Menschenkinder, und zuletzt alt und lebenssatt selig sterben auf ihre Art, ohne je das Alles oder nur Etwas davon zu glauben, was der Reisende für einzige Bedingung des Lebens gehalten hat . . . und bedenklich wird, sehr bedenklich, selbst über die Gräber, die so heilig im Scheine der Sonne, von Rosen und Jasmin umblüht, in Frieden stehen, und zu denen sichtbarlich-fromme schöne Menschen, Frauen und Jungfrauen, Männer und Kinder kommen, um diese ihm sonst entsetzlichen Todten, als menschliche Teufel erschienene Todten, endlich zu beweinen. Da bricht wenigstens die Duldung aus dem rohesten Gemüth, die Verwunderung aus dem unverdorbenen . . . und das Segnen aus dem für alles Schöne und Gute empfänglichen Menschen. Und nie kehrt ein Reisender unverwandelt wieder in seine Heimat; und Pilger sind auch Reisende! — und alle Heimgekehrten sollten unter Clausur gestellt werden, verordnete ich, um meines hergeschlafenen Lebens sicher zu sein, um keine Kirschen essen und keine morgenländischen Märchen, weitgläubig geworden, anhören und mich freuen zu müssen.“
Sage mir Einer was er will, setzte der alte Herr draußen noch hinzu: Alles ist Etwas für den Tag, und sehr viel für morgen und übermorgen. Die reife Aehre ist voll Körner. Und immer gibt es vorschauende Männer, die sich wenigstens nach den Wegen in dem Walde der Zukunft umsehen, und überhaupt doch ahnen, was die Menschen mit ihrem leeren und schweren Herzen gern hätten und wie sie gern lebten. Ich werde daher gleich in der Montagssitzung beantragen: den Bau der 300 Schiffe zu beschließen, die wir Stadt Köln, freie Reichs- und freie Hansestadt, zum Handel und zur Kreuzfahrerverschiffung um Gibraltar herum ins Werk setzen, womit wir zwei Fliegen zugleich schlagen: die geistlichen Herren in ihrem Werk unterstützen, und die mächtigen Wollenweber beruhigen, die nur mehr Gewalt in der Stadt und darum in den Rath wollen, um dann nur desto erfolgreicher dem Erzbischofthume zu widerstehen — blos weil es ihnen eine nicht besonders günstige und grüne, sondern wiederum aus seiner Pflicht oft stachelige starre Macht ist. Und ich sehe den Tag im Geiste voraus, wo die himmlischen Mächte, nach einer Kreuzschlacht aus der Stadt geschlagen, auswandern, oder wo die Wollenweber nach einer Weberschlacht mit zerbrochenen Weberbäumen und ihren ellenlangen, zerbrochenen, stählernen furchtbaren Tuchscheeren auf ihren Schifflein hinausschiffen müssen — aber ich sehe auch den Tag, wo sie dennoch wieder zurückkehren, die Stadt belagern und wenigstens sich die Aufnahme in den äußern Rath durch Unentbehrlichkeit und Reichthum ertrotzen. Dabei möchten denn viele Häupter des hohen Raths fallen![3)] Wir leben also Alle in gar keiner spaßhaften Zeit.
Jetzt meldeten hereingekommene „Funken“, daß es nun möglich sei, auf gewisse Weise den Freund aller Kölner, den theuern Narren Jost, nach Hause zu bringen, um verbunden und geheilt zu werden, oder doch ruhig in seiner Kindesheimat, dem Bette, bei Frau und Kindern zu seiner traurigen Freude entsetzlich beweint zu sterben. Die gewisse Weise bestand aber darin: die Funken hatten auf der Straße einen vorübergetragenen Sarg aufgefangen und brachten ihn herein. Männer Einer Brüderschaft in gleichen Kappen und Masken ergriffen das Mittel, fütterten den Sarg mit Teppichen aus, baten den Narren, sich gefälligst in den Sarg zu bemühen, hoben ihn sanft, legten ihn sanft hinein, deckten ihn zu, erhoben ihn nur halb bis durch die Pforte hinaus, erhoben dann den nach Gebrauch offenen Sarg ohne Bahre auf die Schultern; einer der Ihren trug den Deckel nach; mehre Andere bildeten sogleich einen Zug, dem zwei Fackeln vorleuchteten. Ein Sarg hat selbst für einen Betrunkenen eine gar wunderliche Einwirkung, schneller wie ausgepreßter Kohlsaft. Sie begannen eine Lamentation zu singen; die Masken auf der Straße machten Raum für den Zug, und begleiteten in plötzlich fromm gewordener Weise den angeblich Todten, dem ein leiser duftiger warmer Frühlingsregen in sein offenes Gesicht sprühte, und der endlich selber in rührendem tiefen Baß seine Stimme erhob, das „Tuba mirum spargens sonum“ begann und das „Requiem aeternam“ wundervoll sang.
Aber gute Seelen liefen voraus, um seiner Frau zu sagen, sie solle nicht erschrecken! Der jüdische Doctor, als überall hülfreich, wo er durch Beistand und guten Rath oder auch nur durch eine Warnung nützen konnte, und immer ein kleines Besteck bei sich führte, hatte dem armen Narren das Geleit hinauf gegeben, und sein Jugendfreund Raimund auch. Sie hatten eine liebenswürdige gute Frau und liebe Kinder gefunden, zwei Knaben und ein Mädchen, die von des Vaters heiterm, klugem und witzigem Gesichte belebt, jetzt um desto mehr weinten und klagten, da es sein Leben galt. Beiden Männern war der Narr ein unersetzlicher Schatz durch seinen Einfluß bei dem als gut und lobens- und liebenswürdig bekannten alten Erzbischof. Dem Arzte war der Narr theuer aus Glaubensverwandtschaft mit dem zum Feuertode verdammten Juden; — dem Kaufherrn und jetzt zum Patrizier und Vorsteher der Familie gewordenen Raimund aber durch Blutsverwandtschaft mit der verunglückten schönen Frederune. Die Träger und die Geleiter des klugen Leichenzugs zogen mit dem Sarge, von der Frau bedankt und beschenkt, wieder ab. Die Freunde aber blieben und schieden erst, als der Arzt Umschläge über die Nase gemacht, eine Ableitung auf die Brust gelegt, ihm Ader geschlagen und zuletzt ihm noch die beiden unversehrten Zähne auf frischer That wieder eingesetzt, und den Kindern, die bei dem Vater wachen wollten, gesagt: Kinder, sagt nur dem Vater immer: „Vater, beiße die Zähne zusammen!“ Und der arme Narr hatte den Freunden gesagt: Wer einem die Nase curirt, der hat ihm mehr als den Thurm wieder aufgebaut, der gen Damascus schauet; und mit den Zähnen hat er einen Stein, ja zwei Diamanten bei ihm im Brete — das heißt diesmal: im Munde. Uebrigens freue ich mich zuerst auf die blaue — dann auf die grüne — dann auf die gelbe Nase durch alle Dur- und Molltonarten der Maler, als Musikanten für die Augen. — Es wäre meiner Frau nicht lieb, wenn ich noch mit heutiger blutiger rother Nase im Sarge paradiren müßte; denn ich habe heute die Reden noch nicht vergessen und die Schläge von meinen weinenden Tanten nicht, daß ich meine alte Großmutter unversehens in ihren allerletzten Tagen etwas furchtbar mit einem spanischen Rohre über ihre große edle Nase geschlagen, die sie blau mit gen Himmel genommen. — Also morgen früh auf Wiedersehen, und hoffentlich meinerseits nicht auf ein einseitiges, ein bloßes Gesehenwerden.