Sie verbanden ihm noch den Mund, zu ruhigem Anwachsen der Zähne in ihren Kapseln, und begaben sich wieder nach dem Hansesaal im Rathhause, wo es räumlicher und stiller geworden und worin sehr Viele vor Hitze ihre Carnevalmasken abgenommen hatten. Die beiden zurückgekehrten Männer brachten Hoffnung und Trost über den theuern Jost wieder; aber wunderlich genug: auch das schlug Mehren ihre Freude an einem Narrenbegräbnißzuge nieder, den sie sich unterdeß ausgesonnen, ja schon zum Theil hingemalt, und die Rollen den Personen zu- und ausgetheilt hatten. Das ward nun Alles muthwillig sogleich untereinander gewirrt und verschoben, und mit neuer Begeisterung sogleich ein Maskenzug zum Scheiterhaufen, zu der Hurd, im Ganzen und in den Theilen festgestellt, damit das Ganze sehenswürdig sei und ihnen Ehre mache, ja die tausend Zuschauer erheitere! Denn, sprachen sie, unter der Maske ist nichts mehr wahr und ernsthaft, wie kein Schauspieler mehr in keiner Rolle, nur ein sogar sich selbst bewußtes Gespenst, und alles zum Spiel Erhobene ist Spiel — ist Welt!

Raimund fand von seinen alten Bekannten noch mehre, und diese hinwieder machten ihn mit den andern bekannt, so viele der heimlichen Katharer, oder von den Reinen da waren, die Niemandem gestatteten, Jemanden ums Leben zu bringen, also auch dem Scharfrichter und Henker nicht. Alle Unterdrückte haben von jeher eigene Zeichen, daran man sie erkennt; Unterdrückte zeigen zur Erde hängende Köpft, zornige Gesichter, zu Zeiten geballte Fäuste und langes Wartenlassen auf Fragen. Andere haben Zeichen, um den Gleichen sich erkennen zu lassen und zu erkennen zu geben. Raimund’s Glaubens- und Lebensbrüder gaben sich zu erkennen und erkannten sich verdachtlos an einem besondern Anblicken und an einem schnellen, Andern kaum bemerkbar, also unverdächtigen Bewegen der Lippen. Und so war er bald von einer entschlossenen Schar gleichgesinnter Männer umgeben, und fühlte sich froh in ihrem Kreise wie in einer Mauer von Lebendigen. Der jüdische Doctor aber war wiederum seinen Leuten wie auf das Leben empfohlen, und sie unterstützten die beiden Angekommenen redlich dabei, als die Klage darauf gekommen, daß der Stadt und Umgebung und dem ganzen Lande weit und breit so viele Kinder, Knaben und Mädchen der Vornehmen und Geringen, der Reichen und Armen, auf dem für sie unsinnigen Kreuzzuge umkommen, verdorben werden und den Aeltern kaum zurückhaltbar verloren gehen sollten! Selbst die Juden, die doch frei von dieser Kindersteuer sich fühlten, und deren Kinder gesteinigt worden wären, wenn sie sich unterstanden hätten, sich auch nur im Scherz ein Kreuz auf die Schulter zu heften, sie auch lobten die so menschenfreundlichen, väterlich gesinnten redlichen Geistlichen, die sich so unschuldig die Rache nur herrschsüchtiger Menschen zugezogen. Die andern Gläubigen aber gelobten Geld über Geld einem Doctor, der die wahnsinnig gewordenen Kinder von ihrer Thränensucht und ihrer Seelenkrankheit heilen könnte, aber noch schleunig in Zeiten! Raimund deutete auf den Arzt und erbot sich gleich von morgen früh an auf sein Schloß hinaus Alle für die Cur hinauszunehmen, so viele Mütter oder Väter oder Schwestern und Brüder ihm solche geisteskranke Kinder bringen würden.

Die hochwichtige Angelegenheit wurde dann unter ihnen vertrauensvoll und geheim näher besprochen und Alle schieden von Hoffnung beseelt. Die beiden Freunde kehrten nach ihrem Hause in der Stadt zurück, woraus Raimund’s todter Bruder, Aldewin, Irmentrud, seine Witwe, ihre Tochter Irmengard und Frohmuthe hinaus auf die für den Sommer wohleingerichtete Lindenburg schon fort waren. Und sie folgten ihnen um Mitternacht, nach diesem überraschend schweren Tage voll kaum glaublichen, aber wahrhaften Leides.

Fünftes Capitel.

Dem alten treuen Hausmeister Hagebald war aufgetragen gewesen, auch die drei Faß spanische Rosinen mit hinausbringen zu lassen, und Raimund ging jetzt die Nacht noch mit ihm, eins aufzuschlagen, und aus dem darin geborgenen kleinen Fäßchen sich reichlich mit Gold zu versehen, wobei er den alten, fast wie zum Freund seines Bruders gewordenen Diener zugleich mit nicht erst zählender Hand beschenkte. Der spanische Doctor hatte indessen droben seine Medicin bereitet für die morgen erwarteten Kreuzzugskinder, und dabei sich der Hülfe der schlauen Frohmuthe bedient, der er erst kein Schweigen auferlegte, weil er wußte, daß so etwas gerade erst recht bei Weibern und Mädchen vergeblich ist, der Sache eine Wichtigkeit beilegt und gerade das Gegentheil wirkt; weswegen der Weiber größte Angst ist um Das, was sie gesagt oder wiedergesagt haben oder haben sollen.

Mit einem Verlaß auf Etwas schläft jeder ein, auf seine Kunst oder Wissenschaft, oder doch auf sein Grabscheit, ja auf Anderer Bedarf und Noth, und selbst dem zu Grabe Getragenen legen seine Begleiter noch einen Verlaß unter. Die beiden hülfreichen Freunde verließen sich aber auf kranke Kinder und einen berühmten Narren, einen Großnarren, weil er einem Großen diente, und schliefen Jeder in seinem prächtigen Zimmer, bis die Morgenröthe hineinflammte. Mit Sonnenaufgange standen sie fertig angekleidet; der Doctor spanisch, Raimund französisch-provenzalisch.

So gingen die beiden Herren die breite Treppe leise hinab, sahen rechts die Thüre des großen Saales offen stehen, den Todten im Sarge, und an dem Sarge mit gefaltenen Händen seine noch junge Witwe in weißem Kleide. Der Todte war aber unaufgedeckt, sodaß sie noch vor Furcht oder Schmerz, oder irgendeinem andern schweren Gefühl, die weiße breite Decke über seiner Gestalt und seinem Antlitz unaufgehoben gelassen.

Sie traten leise zu ihr; Raimund winkte ihr mit den Augen guten Morgen, schlug die Decke zurück und sah sich den todten Bruder an, den die aufgehende Sonne mit ihren über die grünende Erde daherschwimmenden, wie in Blumen und Blüten watenden Strahlen beleuchtete.

Armer Bruder! stöhnte er; armer Vater, den die große Tochter so betrogen hat! So unausstehlich, daß du es nicht ausgestanden doch überstanden hast.

Doch hat sie Gott nicht betrogen, und Gott sie nicht, nur eine Welt fabelhafter Menschen! sprach der Doctor tief erschüttert, aber erhoben. Und wie halb fluchend, halb betend, sprach er mit Sonnenglanz verklärtem Antlitz: „Richte die Menschheit, die Erde zum Himmelreich an, herrsche auf jedem Dorfe ein gütiger weiser König, besitze sie alle Weisheit und Kunst, aber bleibe sie in einer Abscheulichkeit in der höchsten Sklaverei stecken: «Sei ihr die Liebe nicht frei, und die Ehe zwischen Liebenden nicht frei», dann hat sie noch mit aller Gewalt und allen Sinnen an dieser einzigen, so leichten und so natürlichen, allen andern Wesen unter dem Himmel und auf der Erde gegebenen Freiheit zu bauen, die die Lerche in der Luft und den Goldkäfer in der Erde ihr zum Vorbild und zum Ziele schon hat, und durch sich wie selig macht — denn die Ehe sich Liebender ist die Seligkeit. Und der heimliche Haß zweier sich nicht von Herzen Liebender ist das tiefste Elend, wenn die Liebe des Einen noch ihr Leben ertragbar macht. Aber das Leben und die Welt soll nicht ertragen werden, sondern gefeiert als schönstes blumiges Lauberhüttenfest!“ Und der Vater verlor die große Tochter durch den Unsinn und die Herzlosigkeit der Welt, indeß die Tochter liebesweise war, und schrecklich dafür bestraft, wie das gottgläubigste, frommste Kind voraus in der gewiß erscheinenden, Allen das Beste gönnenden Zukunft auf Erden lebte und liebte, ohne Ahnung einer Unseligkeit; denn reine Liebe ist der höchste Glaube, ohne gleiches Nebengut noch Nebenglück.