O wie schön — und o wie fabelhaft traurig für den Vater! sprach Raimund dazu. Und nun soll er, oder doch die arme unglückliche Mutter hier, noch ihre jüngste Tochter verlieren! Wollen wir sie doch ihr malen lassen! — und den Vater!

Indessen stand Irmengard neben ihr und die Mutter bedeckte wie vor Scham ihr Gesicht mir beiden Händen und weinte dahinter.

In meinem Zimmer droben, sprach Raimund zu seiner Schwägerin, hängst du gemalt von einem vortrefflichen Maler, der noch leben muß; denn deine Frederune steht noch klein zwischen deinen Knien, und du flechtest ihr das Haar; und ein Maler vermag schwerlich jemand Aeltern in seine Jugend oder gar seine Kindheit zurückversetzt, als die heitere Unschuld, so treu und schön zu malen; das Bild scheint also etwa dreizehn Jahre alt. Wie hieß denn der Maler?

Und — sich bückend und dann wie davon röther geworden, antwortete sie halblaut: Er heißt van Graveland. Er war eines hiesigen reichen Wollenwebers Sohn, und webte selbst schon reizende Teppiche; ging aber nach den Niederlanden, ich weiß nicht warum, und ward Maler; lebt aber jetzt wieder hier, oder auch nur auf Besuch, und hat sogar vorige Woche höflich sich ausgebeten, sein Bild, als nämlich mich mit dem Mädchen, wiedersehen zu dürfen, um es zu prüfen und daraus zu lernen.

Ach, dem laß ich mich gern malen! rief die Tochter. Dem mußte man gut sein, und wie getreu und lieb er einem in die Augen sah!

Die Männer, und der Arzt nicht ohne besondere, aber verschwiegene Gedanken, versprachen den Maler aufzutreiben und herzubringen.

Sie gingen darauf, mit kurzen klaren Worten ihre Absichten besprechend, in die Stadt zu dem redlichen Narren im erzbischöflichen Palast. Er saß im Bett auf, die Kinder um ihn, deren jedem Raimund eine Düte schenkte, mit der sie zur Mutter liefen, die bald darauf selbst kam und ihrem Manne etwas in die Ohren flüsterte; er schüttelte gegen Raimund den Kopf, der ihm die Hand drückte und sagte: Es ist nichts schändlicher und despotischer, als ganz allein aus Hoheitsrecht andern dankbaren Menschen zu wehren, Jemandem oder mehren um ihn Verdienstlosen zu danken oder einen ihnen Feindlichen zu tadeln. Ich zerreiße dieses Garn, und bitte dich, Bruder Jost, auch noch diese Düte mit 2000 Goldstücken deinem guten Herrn in meinem Namen zu verehren, damit er der Stadt gewogen bleibe für gestern, und die schönen Fenster und die zerhämmerten Glocken auf den Thürmen wieder herstellen zu lassen — weil mich der Herr in der Fremde gesegnet und wenigstens mich gesund und lebendig hat heimkehren lassen.

Jost dachte darauf bei sich im Stillen nach, während ihn der Arzt neu verband und ihm ohne Nachwehen wieder seine Gesundheit mit kurzen Worten versprach.

Und wenn ich morgen stürbe, so würde heut’ doch meine letzte Bitte für Eure Sache bei meinem Herrn und Gnaden erst recht an schlagen, sprach Jost. Die letzten Bitten sind die einschlagendsten in ein gutes Herz, wie das meines Heiterkeit liebenden, Allen — beinahe schon ganz vernünftig — wohlwollenden Herrn, dem zu Liebe ich sogar meine Narrenkappe und Pritsche dem Erzbischof Siegfried zu Mainz überlassen, und dem zu Leide ich nicht in die Dienste des Bischofs Friedrich zu Halberstadt und nicht zu den Bischöfen von Lüttich, Bamberg, Strasburg und was weiß ich wohin gegangen. Ja, ja, seht mich berühmten Mann nur an! Aber „Heiterkeit bedürfen auch die Heiligen, und Wahrheit auch die Kaiser, und Freude die Engel“; sagt mein guter Herr — und nur gestern ist sie mir schlecht bekommen, fast zu schlecht! In ihrer Begeisterung stört nur eben ein alberner Narr die Bienen, kein kluger; nach der Begeisterung aber lassen sich die wildesten Pferde als wahre Esel in den Stall führen, und nachträglich durch eine Tracht Schläge und Hunger ganz zitternd vor Liebenswürdigkeit machen.

Darauf ging er gleich aufrichtig zur Sache über, und meinte . . . daß sich der schöne redliche junge Mann die vor Liebe unbedachtsame übereilte Jungfrau hat in der Fremde antrauen lassen gewollt, und deswegen mit allem seinem großen Vermögen mit ihr freilich heimlich wegziehen — das nutzt jetzt nichts mehr. Wenn der Herr Christ, der sich mit einer Türkin vergangen, das ihn sogleich rettende, aber uns abscheuliche Wort ausruft: „Es ist nur Ein Gott“, das ist hier nur fruchtlos. Daß er sich will taufen lassen, das rettet das Kind nicht; denn es ist noch aus früherm teuflischen Geist, und so die Mutter noch seine verteufelte Mutter. Die Hurd, nach der alle brennen, um hinter allen den frommen Städten am Rhein zu Berg und Thal nicht an Frömmigkeit zurückzubleiben, wäre nur aufzuschieben durch Eingreifen und Einschreien und Einschreiten barmherziger, außer sich gerathener „Weiber voll guter Hoffnung“. Und dann ist, was ich meine, das Beste, die Schuldigen zur Gnade oder Bestrafung nach Rom zu überweisen, was zu thun meinem gnädigen Herrn das redliche Menschenherz erleichtert. Viel Geld in die leeren Kassen zu Rom würde zuerst doch in den Kerker, und noch mehr Geld auch endlich aus dem Kerker bringen. Auf dem langen Transport zu Eseln nach Rom aber könnten sich die Schuldigen ja — vielleicht verirren! . . . von Räubern geraubt und in ein ander Land transportirt werden, und selig bis an ihr seliges Ende leben. Wirkt Ihr also auf der solchen doppelmitleidigen Weiber Herz — ich will eines braven Mannes Herz erweichen.