Hm! Schicksal! sprach Sr. Gnaden dazu. Aber wenn Ihr aus Frankreich kommt, mögt Ihr uns endlich gründlich von den Kindern berichten, die von da in das Gelobte Land ziehen, um es zu erobern. Hm! Es sollen ihrer Dreißigtausend das Kreuz genommen haben.[4)] — Hm! Und hier am Rhein zu Berg und Rhein zu Thal und aus den Städten und Dörfern des reichen schönen Flußgebiets in Deutschland sollen ihrer Zwanzigtausend sein. Hm! Und hier allein aus unserm gottesfürchtigen Köln mit Deutz und Weichbild an Siebentausend.[5)] Hm!

Aber sie lassen sich nicht zählen, bemerkte Jost, sowie kein Fleischer die Ochsen und kein Schäfer die Schafe zählt, aus Furcht der Strafe, die über den König David „in drei Sorten“ zur Wahl verhangen worden; so läßt auch hier unser Herzog der jungen Kreuzfahrer, oder der Kreuzfahrjungen, der stolze verwegene Hirtenknabe Nikolas, seine Schafe nicht zählen. Vielleicht weil er nicht so selbstsüchtig ist, wie der vormalige Hirtenknabe David, der kopf- und lebensscheu die ihn nicht selbst treffende Strafe gewählt, sodaß der Engel ihm 70,000 Juden in einer Nacht erschlagen, welchem lieben Engel der Arm vor Müdigkeit fast abgefallen, indeß der David fein sauber in seinem Bette geschlafen, wie ein um sein Volk unbekümmerter, unbarmherziger König. Zweifelhaften Menschen ist nicht wohlgethan: die Wahl zu lassen oder Alleinmacht dem selbstsüchtigen kleinen David.

Und der fromme Kirchenfürst wiederholte sein Sprichwort oder seine Sprichsilbe: Hm! und drohte dem Jost mit dem Finger; frug darauf aber Herrn Raimund auf seine Ehre und sein Gewissen, ob die ganze Geschichte denn wahr sei? und ob er ein Heer Kreuzkinder, ja nur ein Kreuzkind mit Augen gesehen? Denn die Sache sei Allen so schnell über den Kopf und Glauben gekommen, der Winter habe solange gedauert, der übernatürlich gefallene Schnee habe alle Wege und allen Verkehr verhindert, daß er selbst sogar nur einen oder den andern Sendboten von dorther erhalten.

Und der Arzt berichtete ihm nun bedächtig: Ich mußte in Lyon drei Tage liegen bleiben, und als ich den ersten Zug dieser großen Wanderheuschrecken der zischenden, weinenden, singenden Lemminge sah, da wußte ich nicht mehr, wo ich hingerathen? was die grüne Erde für ein unsinniger Kopf geworden, den ein Riese so in der blauen Luft schweigend fortrolle! Die Sonne schien mir ein am Himmel ausgeschnittenes Loch, um in ein gewisses geräumiges Haus zu sehen, worin die absonderlichsten Spectakelstücke und uralte Attalanen aufgeführt würden. Aber das Einzelne, schaubare und hörbare Nahe, ja Ergreifliche erklärt das Wunderbare und macht es gemein und alltäglich. Eine Rose und ein Bienenstock erklären sich selbst am besten. Kurz also: es kam auf einem mit Teppichen behangenen niedrigen Wagen der Herzog der Kinder, sitzend oder thronend; der Hirtenknabe St.-Etienne, zu deutsch Stephan, von einer Ehrenwache bewaffneter Knaben umgeben; und andere Knaben zogen den Thron zum Thore hinein, durch die Straßen auf den Markt, und Tausende von Kindern, Knaben und Mädchen, folgten in geordnetem Zuge weinend und singend, und wieder weinend: „Gott, gib uns das wahre Kreuz zurück, und außerdem all all erdenkbares Glück“; und das Volk sang, ja schrie das barbarisch aus tausend Lebensnoth mit. Das war wol herzbrechend, himmelstürmend!

Hm! sprach Sr. Gnaden dazu; aber wer war denn der neue Heilige, der Knabe, wenn wir durch des Heiligen Vaters Barmherzigkeit auch schon Cardinäle von neun, ja von sieben Jahren gehabt haben?

Von dem wurde nun Abends in den Weinhäusern erzählt: Der Marschall der Kinder ist ein Hirtenknabe aus Vendôme.[6)] Da es den Kreuzfahrern in dem, nur den Juden und nicht den Christen von Gott gelobten Lande sehr schlecht ging, und die Christen zu Hause sie als verloren aufgaben, so hielten die alten Weiber und Priester Umzüge zur Auffoderung, das Heilige Grab zu befreien, als wenn das Grab elend und krank und im Sterben läge. Sie haben Bittfahrten gehalten, um die Hülfe Gottes zu erflehen. Denn, sagten Einige in den Weinhäusern, wofür man betet oder beten soll anbefohlenermaßen, das wird dem Volke wichtig gemacht, das soll ihm lieb und theuer sein, und andere Seiten- oder Gegenwünsche ihm gotteslästerlich gemacht. Deswegen sind falsche Fürbitten so gefährlich; setzten Andere hinzu.

Bei den Worten überfiel Sr. Gnaden ein starker Husten, wogegen ihm der Arzt ein Mittel aus seiner kleinen Büchse nahm: Stückchen krystallisirten weißen Zucker, den auch die Sarazenen, die Mauren in Sicilien erfunden hatten, so gut wie sie das Menschenauge kennend gesagt: die Engel und die Kreuze am Himmel wären nichts als Gestaltungen des Auges der Menschen, das seiner Beschaffenheit nach eine ganze Wand von niederträufelndem Regen nur als einen Bogen, und erst als einen farbigen bunten Regenbogen sähe, und sich begegnende Wolken als Kreuze und allerhand Wolkenbildungen als Heilige.

Sr. Gnaden sagten nichts dazu, sondern zerkrachte den Zucker mit seinen vortrefflichen Zähnen, lobte ihn, den heidnischen Zuckererfindern zum Trotz, und bat um weitere Auskunft, Und der Arzt gab sie ihm in Folgendem, wozu sein Freund Raimund, zufolge seiner Bauchrednerkunst, gern Anmerkungen eingeschaltet hätte; aber es waren keine weitern Personen, nicht einmal ein Bild da, dem die Hörer sie hätten aufbürden können.

Jost’s beide Knaben fingen an zu weinen, schmiegten sich zu beiden Seiten an den gnädigen Herrn ihres Vaters, der sie mit seinen Armen umschloß, und sie bedeutete, still zu sein und zu hören. Ihr Vater hatte Lust, sie an den Haaren etwas zu zausen, aber er konnte nicht hinlangen und rollte sie nur mit zornigen Augen an. Der Arzt erzählte jetzt weiter: Dem Knaben Stephan ist nun alle Noth und Schande des ganzen Abendlandes, das mit aller furchtbaren, ja wüthigen Macht Nichts ausgerichtet, auf sein Herz gefallen. Er hat eine Erfahrung aus seinem Traume gepredigt, daß der sehr schöne und sehr traurige Heiland in Gestalt eines armen Pilgers sich ihm offenbart, und ihn als Kreuzprediger für die unschuldigen Kinder bevollmächtigt; ja, er habe ihm einen eigenhändigen Brief an den König von Frankreich ausgehändigt an den noch lebenden Philipp August, den er den Kindern gezeigt und unzählige Knaben damit zur Annahme des Kreuzes gebracht. Vor den frommen König nach St.-Denis gefodert, und von ihm zur Prüfung befragt: was ihm die Nacht geträumt? habe er es dem Könige nur etwas leise ins Ohr geraunt, daß der König erblaßt sei. Auf die nunmehrige Bitte des Königs, ihm den Brief auszuhändigen, habe er getrost danach in seiner Hirtentasche gesucht, sich beklopft am ganzen Leibe und zuletzt mit dem ehrlichsten Gesichte voll Erstaunen und Zorn gerufen: Den hat mir der Teufel gestohlen! Und als der König die umstehenden Priester befragt: ob Jesus erscheinen könne, Diesem und Jenem, und wenn er wolle . . . und ihm schreiben, wie einst dem König Abgarius? . . . da haben sie über die entsetzliche Frage geschrien und auch dem Teufel die ja nur geringfügige Macht zu stehlen mit Ueberzeugung zugesprochen. Darauf hat der Stephan zu St.-Denis vor der Königin noch größere Wunder verrichtet; er hat durch Mauern gesehen, in die Ferne gesehen und gesagt, was die Leute da thun? ja sogar wie es Gestorbenen gerade jetzt in der Hölle geht? und Antworten der Kinder auf seine Fragen an sie im Himmel gehört, sodaß Alle erstaunt und verstummt sind vor seinen Engelsgaben.

Sein Gang und sein Bezeigen vor dem König und die Erzählung seiner Wunder umher im Lande, welche Erzählung eine wahre Thatsache geworden, haben dem frommen Hirtenknaben darauf ein solches Ansehen und seinen Ermahnungen und Feldpredigten eine solche Wirksamkeit gegeben, daß in kurzem sich eine zahllose Menge von ja sichtbaren und handgreiflichen Knaben um ihn versammelt, und nun drängend und treibend wieder auf ihn gewirkt. Andere Knaben sind in andern Gegenden als Kreuzprediger aufgetreten, die ihren Beruf auch durch Wunder beweisen mußten, und auch bewiesen, worauf sie das von Stephan begonnene Werk mit großem Erfolge gefördert. Alle lieben begeisterten Kinder, die das Kreuz genommen, betrachteten, wie ich mit meinen Augen gesehen, den Stephan von Vendôme als ihren Herrn und Meister über Leben und Tod, und waren fest überzeugt, daß sie unter seiner Anführung den furchtbarsten Sieg über die Sarazenen erfechten würden mit bloßen Händen . . . durch ihre bloße Erscheinung, oder höchstens obendrein durch den gesegneten Pilgerstab. Sie verehrten ihn als einen hörbaren, sichtbaren, zu ihnen redenden Heiligen, und jeder pries sich glücklich, der von seinem lebendigen Leibe schon eine Reliquie erwischen, erschleichen, ja erkämpfen konnte. In Lyon hatte er sich seine zu vollen, ihm aus gewissen kleinen Uebeln unangenehmen, wenn auch sehr schönen blonden Locken kurz abschneiden lassen, und ich habe den Kampf mit angesehen, den Knaben und Mädchen aus seinem Zuge um ihren Besitz mit wahrer Begeisterung führten. Unter meinen Reisemerkwürdigkeiten habe ich einen kleinen verworrenen Wusch Haare davon, die ich von einem kleinen dummen hungerigen Knaben für eine Wurst mir eingetauscht. Andere waren glücklich, die sich nur einen Faden von seinem Rocke verschafft hatten, oder schlugen sich um den Krug mit Wasser, daraus er getrunken und schlürften andächtig mit zum Himmel gekehrten Augen die Neige aus.