Hm! Hm! erklang dazu wieder die Sprichsilbe.

Und es machte dem Doctor innerliche Freude fortzuerzählen: Den folgenden Tag rückte der Major domus oder Generaloberst St.-Etienne’s, der Hirtenknabe von Chartres, in die Stadt. Von diesem erzählte man Abends dann neue Dinge.[7)] Als er von einer Uebungsprocession zurückgekommen, auf welcher seine Schar um die Gnade Gottes für die Gläubigen gebetet, gesungen und gekniet, also um Gottes Ungnade gegen die — Ungläubigen gefleht, da habe er gesehen, daß seine Heerde Schafe die Saatfelder indessen verwüstet, von welchen er sie verjagen und mit seinem getreuen Hunde Tiras forthetzen wollen; da habe sein Tiras geheult und nicht gehorcht, sondern mit dem Schwanze gewedelt; die Schafe selbst aber seien alle vor ihm auf die Knie niedergefallen und haben zu ihm um Gnade geblökt. Auf dieses Wunder hin sei er in den eigenthümlichen Geruch eines Heiligen gekommen, und aus allen Gegenden sind Hunderte von Kindern ihm zugeströmt, wirkliche Menschenkinder, die wirklich gegessen, getrunken, geschlafen und französisch gesprochen haben; nicht nur hohle Gespenster und gezauberte und bezauberte Puppen böser Geister.

Darauf haben sie mit großem Gepränge und mit vielerlei eigenthümlichen willkürlichen Gebräuchen in den Städten, Burgen und Weilern von Frankreich ungestört, ja bestaunt und beschenkt, feierliche und Bettelaufzüge unter Thränen gehalten, indem sie Paniere, Rauchgefäße, Wachskerzen und Kreuze unter Gesängen umhergetragen. Selbst junge Mädchen, Jünglinge, Weiber und Greise schlossen sich an diese Processionen an; die Arbeiter auf den Gassen der Städte und Dörfer oder auf den Aeckern und Wiesen verließen, wenn ein solcher Zug vorüberkam, die Ochsen am Pfluge und folgten den Knaben. Denn sie weinten entsetzlich! Und überall wurden dem Kinderzuge vom Volke Lebensmittel, Erfrischungen und andere Almosen gespendet, und sie aßen desgleichen entsetzlich.

Viele Bürger von Lyon stritten miteinander; diese meinten: weil die Kinder alle wie mit Einem Munde auf die Frage: wohin sie denn eigentlich wollten? „zu Gott!“ antworteten, könne man doch wol der Hoffnung Raum geben, daß also Gott durch die Jugend große Dinge auf der Erde vollbringen werde, wie denn immer nur durch neue Kinder alles Neue auf die Welt komme, nach dem Worte: „Kommt wieder Menschenkinder!“ Auch wären sie ja so vernünftig, sich nur für das Heilige Grab zu waffnen, darin Gott als sein Sohn geruht; denn sie sähen ja selbst mit ihrem Kinderverstande ein, daß es für den Heiland im Himmel weder nöthig noch möglich sei. — Andere behaupteten: nur ruchlose Betrüger hätten sie aufgeregt.[8)]

So in Zweifel, was er glauben und was er thun solle, denn das sei ganz verschieden, habe der erste Sohn der christlichen Kirche, der König Philipp August, der sich selbst solange als möglich von einem Kreuzzuge zurückhalte — erst das Gutachten der gelehrten Meister der hohen Schule zu Paris gefodert, in welchem der größte Theil der Geistlichkeit und manche Laien die Begeisterung der Jugend als das Werk boshafter Zauberer verurtheilt, worauf er — und noch erst, nachdem die Kreuzkinder schon aus- und fortmarschirt — „geeignete Maßregeln“ verfügt, um die Knaben von Ausführung ihres Vorhabens abzuhalten.[9)] — Wie klug, etwas zu spät thun!

„Der Herr sei gelobt!“ rief jetzt Sr. Gnaden dazu, daß wir dort einen solchen Vormann an dem Könige haben, uns Klerisei hier zum Schutz vor Rache, daß wir die Kinder von ihrem Zuge haben abpredigen wollen!

Der fromme menschenfreundliche Erzbischof reichte ihm die Hand zum Danke für seine ihm tröstliche Nachricht mit den Worten: Wer sähe nicht, daß Ihr ein Jude seid; aber auch ein menschennützlicher Mann, ja Mensch; und die Juden sollen bis an das Ende der Welt bleiben — was schadet da Einer mehr! das wäre lächerlich! Also: meine Hand von Rache für Unglauben, oder irgendeinen andern Glauben. Ein billiger Mensch erwartet ruhig den Sieg des Guten, ohne Schuld auf sich zu laden! Man kann Alles umgehen durch festen getreuen Sinn. — Und zu noch mehrer Sicherheit unserer guten Gesinnung fällt mir ein: daß ja der Patriarch von Aquileja sogar die erwachsenen Kreuzfahrer zurückhält, und sogar das Interdict nicht fürchtet, laut welchem den Städten und Dörfern jeder Geistliche, jede Messe, jede Vergebung der Sünden, jede letzte Oelung und jede Einsegnung im Grabe vorenthalten wird. Aber es ist bedenklich-gefährlich, die Menschen ohne Das leben zu lassen, indeß sie doch merken, daß Gott ihnen auch ohne Das gnädig zu bleiben scheint, indem und weil die Sonne ihnen frühe so fort so herrlich aufgeht . . . und Weib und Kinder so fort sie so lieben . . . und sie glücklich sind. Das ist gefährlich sie inne werden zu lassen. — Nur die Sachsen, das treue Volk, höre ich, sind fortgezogen nach dem Gelobten Lande, aber in der Fremde dahinten wo sitzen geblieben; auch die Kreuzfahrer sind in dem Konstantinopel so sitzen geblieben, wo diese unsere Römischen die Griechischen nunmehr als unsere Todfeinde nach und nach auszurotten oder zu bekehren brennen, nachdem sie mit ihrer verhaßten Hauptstadt das ganze griechische Reich und das starre Volk besiegt und klug gemacht zu haben — glauben; das heißt diesmal: wähnen. Und selbst der Heilige Vater, der an allem Unschuldige, seufzt nur: „Indeß wir Alle schlafen, rühren sich nur die Kinder!“ und will sie ziehen lassen, weil — er muß. So lassen auch wir sie denn ziehen! Gott segnet den Verstand und ist dem Unverstande noch gnädig. Es mag ein Schweres sein, die Kirche zu regieren, und gar erst die gespaltene wieder zu vereinen; und dem lieben Volke — seine immer neuen tausendfachen und tausendfältigen Fehler immer barmherzig vergebend, unermüdet lehrend, und aus seinen Irrthümern schonend, wie Kindern rathend und helfend, mit ungeschwächtem Vertrauen und neuem Muth auf den rechten Weg zum Himmel zu bringen!

Der redliche Greis ließ jetzt ein langgedehntes Hm! vernehmen, und betete dann still einen Psalm, wovon sie nur die Worte: „Ehe denn die Berge . . .“ und: „Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag . . .“ — vernahmen.

Darüber schlief er in Gedanken gar ein, und die beiden tiefgerührten Freunde schieden still von dem Narren, der dem jüdischen Arzt mit Hand und Lippen stillen Dank zollte, und dem Raimund stille Versicherungen und Versprechungen mit den Augen zuwinkte.

Siebentes Capitel.
Der Kinderherzog Nikolas.