Herr Raimund ging mit Ramon, dem Arzt, mit Aussicht auf Rettung aus dem Palast, die aber noch große Umsicht, Leid und kecke Thaten erfoderte. Ramon verlangte durch das Judenquartier und durch das erbärmliche enge Bechergäßchen zu gehen, wo „seine Leute“ viele in verborgenem Reichthum, aber als verachtete Sklaven zusammen und übereinander geschichtet, aber im Herzen voll trotzig schweigenden Muthes lebten, wenn das den erlauchten und weltberühmten Namen „leben“ verdiente. Hier ward aber nur der Becher des Elends getrunken, worein die Propheten Kraft, ja Süßigkeit getröpfelt. Raimund führte ihn dann, um ihm seine heute sonntäglich stille schöne Vaterstadt zu zeigen, und dabei seine Jugend wie von den Todten aufstehen zu lassen, über die Plätze: den Johnsplatz, den Domplatz, und allmälig schlendernd über den Heu-, Alt- und Waidmarkt. Darauf ging er in das Quartier der Wollenweber, wo, wie er auf vieles Fragen endlich sicher vernommen, der berühmte Maler van Graveland in seines Vaters Hause bei seiner verwitweten Mutter wohnte.

Sie fanden ihn in seinem nobeln Morgenpelz, und als ihm Raimund seinen Namen genannt, ihm gesagt, daß er komme ihn zu bitten: seinen gestern gestorbenen Bruder Aldewin todt im Sarge zu malen; da bemerkte der Arzt, auf des klugen Narren Jost vertrautes Wort hin, doppelt aufmerksam und gespannt auf den schönen Mann mit edlem Gesicht, worin eine stille Wehmuth sich niedergelassen hatte — daß er erschrak, überrascht stand und vor sich hin sann, es dann abschlug, und höchstens vor vieler Arbeit das Bild nach vier Wochen zu malen vermöchte; wozu Raimund bemerkte: Mit Todten, die selbst ewig Zeit haben, ist es unmöglich, lange Zeit zu verlieren — oder ihnen mit der Staffelei in die Unterwelt nachzuwandern.

Der Maler zuckte die Achseln.

Da setzte Ramon hinzu: seine Witwe läßt Euch besonders darum sehnsüchtig bitten, auch zugleich ihre jüngste Tochter Irmengard zu malen; zum Andenken, da sie das schöne liebe Mädchen wahrscheinlich auf immer verliert; denn sie pilgert wie so viele Knaben und Mädchen der Vornehmen mit nach dem Heiligen Grabe. Es wäre am besten ein wirkliches Kniestück, wie seine Tochter vor dem Vater kniet und von ihm Abschied nimmt und er sein armes Kind segnet. Wie gesagt, die Mutter bittet innigst, es könne sie gewiß Niemand so lieb und herrlich machen.

Und Raimund bemerkte: Wir wohnen ja ganz nahe da draußen auf unserer Lindenburg.

Der Maler starrte vor sich hin, indem er mit der Linken sich das Kinn an dem Barte hielt, und den beiden Freunden fast lächerlich auch nur Hm! sagte; worauf Ramon nur bemerkte: Todte malen ist freilich eine schwere Sache; aber auch doppelt einträglich, und mein Freund hier bezahlt Euch jeden Preis, und die Mutter dazu. Dabei dachte er: es wird ihm schwer —; es ist richtig! und als armen Teufel mit Hörnern kann er ihn doch nicht vor Leuten malen. Aber der Mann, der Maler ist ja doch ein Beraubter! Schäme dich, Ramon! Und um was beraubt: um glückliche Liebe, Liebesglück und Schönheit und rechtes Leben, und wodurch: durch den albernen Stolz und den Hochmuth und die Ehrsucht der im Unterstock der Erde wohnenden Menschen, besonders der Weiber. Und welcher Vater sieht nicht gern einmal, gleich groß und lieb, sein Kind! und läßt sich von der in der Seele verworrenen, sich in ihrer eingeborenen Neigung gefangenen Tochter sehen! Das ist und bleibt trotz aller Verirrung doch schön und hold und eine Belohnung für Schmerzen der Schuld und des Betrugs. Und welche neue, unmöglich zu erfüllen geschienene Hoffnung thut sich ihm unerwartet auf! Die Menschen wollen und wenn auch spät erst — und er steht gesund und frisch erst in den dreißiger Jahren — doch immer noch ihr sehnlich gehofftes Glück erlangen und doch von nun an auf dem rechten Lebenswege wandeln. Wem ist diese edle That zu verdenken? Er kommt! er malt! Ich brauche ihm mit Raimund’s geheimer Stimme der Wahrheit erst keine Stimmung zu geben; da würde er sich schämen, und um vor Andern nicht schlecht zu scheinen, mit Trotz unglücklich oder doch unerquickt bleiben. Das Leben hat manchmal später Rath und Hülfe durch seine Weiterentfaltung, aber selten; darum verlassen die Menschen sich klug auf die Stunde, und thun ihr Gewalt an in frühern Tagen!

Ebenso lange als der Arzt dies dachte, hatte sich der Maler bedacht, und sagte jetzt zu. Ja, er wollte den Umständen, also dem Todten nach, alsbald hinauskommen, und seine Staffelei und seine Farbentöpfe und Pinsel sogleich fortsenden. Und jetzt empfahl er sich ihnen der Vorbereitung wegen.

Und der Arzt wandelte stumm mit seinem Freunde, dem als Unwissenden kein Weh bei alledem geschehen war, sondern erst künftig dadurch geschehen sollte; und eilte vor der Stadt eifrig, um seine Heilung fast mit Gewalt an den Kindern zu betreiben, welche er, diese von Müttern, jene von Vätern, auf dem Wege zur Lindenburg hinausgeleiten sah.

Laut zurückgelassenem Befehl hatte der Hausmeister Hagebald die guten Leute mit den Kindern in den Saal im Oberstock gewiesen, und sie waren schon über ein in Vorrath eingerührtes Frühstück her, dem nichts anzuschmecken war von gefährlicher Vernunft, die in dem beigemischten einfachen Mittel lag. Die Aeltern weinten den Arzt an und beschworen ihn leise um seinen Beistand, da sie zu arm oder zu beschäftigt seien in ihren Gewerken, um, wie andere Aeltern, die Kinder in fremde „gesunde“ Städte oder Dörfer, nach Franken, Würtemberg, oder nach dem immer gar nüchternen glücklichen Holland zu bringen; indeß andere, hier zu bleiben Gezwungene ihre Kinder auf künstliche Weise lahm gemacht, ja durch gewisse Mittel blöd auf die Augen, ja krank auf den Leib, furchtsam vor Räubern und Riesen und Ottern und Bären und Wölfen, ja sehr viele vor Abscheu vor dem Verhungern, dem Gras- und Krautessen, vor den Nächten ohne Bett und Nachtlampe, vor dem Alp und dem Teufel, der ihnen entsetzliche Gesichter und Faxen vormache und sie auf schaudernde Abwege verlocke, durch redende Kühe auf den Bergeshalden, und geschwänzte feuerbrüllende Drachen mit Krallen und Flügeln, und zuletzt vor ihrem eigenen Grabe voll Kröten und Basilisken und zwickenden Krebsen. Viele trotzige Knaben säßen mit Gewalt eingesperrt in den Kellern im Finstern, und weislich ohne Taschenmesser und Strick, Schnure, ja nur Bindfaden.

So gestanden sie ihm, und lachten und weinten dazu. Und als er die Mädchen alle in Ein Zimmer, und die Knaben alle in ein anderes hatte führen lassen, tröstete er sie auf ihren Zweifel: „daß es nur, ach, nicht möchte zu spät sein, ihnen zu helfen“, und sprach: Mit der Vernunft ist es niemals zu spät, und niemals zu früh, sogar nicht schon in der Wiege, wo sie dem Kinde leuchtet aus der Mutter Augen. Nur daß kein neuer Zünder, Raptus, oder neue Wuth sie überfällt! Denn die Vernunft, sie, die allgemeine Gesundheit der Seele und also des Leibes, will auch befestigt sein und ins Herz gebannt als der beste Geist, den Niemand bannt noch verbannt.