Und nach dem neuen Begeisterungsstürme fing sie nun an in Aller Namen den Müttern und Vätern der Kinder zu danken; dann für sie und für sich zu beten; dann großen feierlichen Abschied zu nehmen auf kurze Lebenszeit oder auf seliges Wiedersehen und selige Ewigkeit im Himmel.
Das war über die Kräfte aller Kinder und Aeltern. Da wurden viel Tausend Thränen geweint; denn wer hatte zu irgendeiner Zeit je solches gehört und empfunden. Irmengard war ganz starr und steif geworden; sie sank dem Geistlichen in die Arme, und die Freunde führten gleichsam eine Selige in ihr Vaterhaus, während Raimund bei sich sprach: „Nun ziehe ich mit!“ und Ramon beinahe sich schämte: „Wie schön ein Wahn sei, wenn er nur dauerte!“ Aber es fiel ein Stern wunderschön vom Himmel. Und er war wieder ein Mann, ein Bewohner der unermeßlichen Hallen der Welt, worin die Erde nur ein Fünkchen ist.
Neuntes Capitel.
Das Carneval.
Die Carnevalswoche war nun eben nicht verdorben, sondern die Verkleidungen, Masken und Maskenzüge, das Schneidern und Nähen, und Pappen und Kleistern, und Färben und Malen, Versuchen und Rüsten, das andere Jahre nach den verschiedenen Absichten kleiner und großer Gesellschaften sich richtete, hatte dieses merkwürdigste Jahr der Stadt Alles nur auf Einen Gegenstand Bezug — auf den Kinderkreuzzug; oder, als das Zweite: auf die brennende Hurd, die den Tag vor dem Jammer des Abschieds angesetzt war. Die Boten waren in die Städte und das Land weit und breit ausgesandt, und es ließ sich schon den Tag vor der Hurd eine große Menge Thränen- und Klagesüchtiger bis zur Ueberfüllung der Stadt erwarten, schon ohne die Scharen von Kreuzkindern und ihren Geleitgebern von weit und breit herum.
Auf der Lindenburg wurde Irmengard zu der langen Reise doch mit dem Nächsten, Nöthigen reichlich versorgt. Denn der Maler van Graveland hatte ihr eine prächtige goldene Halskette geschenkt, die Anverwandten hatten ihr alle Finger voll theuerer Ringe gesteckt, um in Mangel und Noth eine Zubuße zu haben. Uebrigens hatte sie sich wieder in vollen Glauben gepredigt. Sie nahm gar keine Speise und keinen Trank, als solche, die aus der Stadt oder aus dem Dorfe ihr von ihrer getreuen Frohmuthe besorgt ward; da das schlaue Mädchen des Doctors Medicinbrauerei bemerkt, belauscht, in ihren Wirkungen klar und deutlich an den vielen andern Kindern, und besonders an dem Don Angelus wahrgenommen und ohne Zweifel ihrer Irmengard verrathen hatte. Denn die Kinder verloren wirklich allen Appetit, selbst nach dem Unentbehrlichsten; am meisten schmachteten sie nach Ruhe und Schlaf, und ihre kaum zähmbare fromme Aufregung war zur Gelassenheit, Gleichgültigkeit, ja zu Lächeln geworden. Das war am meisten an dem langbeinigen guten Viaductor Angelus zu sehen, der sich es wohl sein ließ, und in Wahrheit nicht einmal den Weg von Köln nach Bonn wußte, oder nur zu welchem Thore man hinausgehen müßte. Er hatte der Eingebung vertraut, auch darauf, daß er zu Jedermann in der Fremde gleich in der Sprache desselben werde reden können wie Wasser. Des Nachts, so rühmte er sich, könne er alle Sprachen und unterhalte sich geläufig darin mit allen verschieden gekleideten Ausländern. Nur früh noch trete in ihm eine Stockung ein; es falle in ihm wie eine Thür oder Klappe zu; doch hoffe er mit Zuversicht, daß die wie sonnenscheuen Sprachen auch am Tage herausbrechen würden, und nicht blos wie Eulen des Nachts in ihm schlurfen; denn reden brauche man ja doch nur am Tage! So hatte er sich weder vor Italienisch, Griechisch oder vor Türkisch gefürchtet. Jetzt war er ganz still und gewissermaßen froh.
Der Maler war auf der Burg draußen geblieben, sodaß der todte stille Herr Rath bald fertig gemalt war. Nur um Irmengard predigen zu hören, war Raimund auch zu den Ursulinerinnen gegangen — aber er hatte sie gesehen, und als Engel gemalt mit Flügeln und Palmenzweig, und er sagte von dem Bilde, obgleich schnell gemacht, sei die Irmengard doch gewiß sein bestes, schönstes und seelenvollstes, wie lebendiges Werk; zu welchen so obenhin gesagten Worten der Jude dem Maler eine verbindliche Verneigung machte. Raimund aber war entzückt davon in reinem Herzen, besuchte wieder sein Goldtönnchen, versandte davon der Sicherheit wegen und auf die Reise für alle Fälle mehr als hinlänglich an sichere Häuser und treue Handelsfreunde in einige Städte des Südens, und stattete seine Börse damit reichlich aus. Den hier bleibenden Schatz befahl er dem alten Hagebald zugleich mit dem neuen Freunde Ramon, der sein Gold mit dazuthat. In der Stadt und in allen Häusern sah es aus und ging es zu, als wenn in einigen Tagen und endlich diesmal gewiß der Jüngste Tag hereinbrechen sollte; ja manche Kinder sangen wirklich den Vers!
Wenn der Jüngste Tag soll werden,
Fallen die Sternlein auf die Erden,
Kommt der liebe Gott gezogen
Auf einem schönen Regenbogen,