Neigen sich die Bäumelein,

Singen die lieben Engelein:

„Ihr Todten, ihr Todten sollt auferstehn!

Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehn:

Wohlan, wohlan, auf diesen Plan

Der liebe Gott will uns Alle han.“

Alles Befehlen und alles Gehorchen war aufgehoben. Alles ging in den Häusern ganz ehrbar, ja feierlich zu, vom Aufstehen bis zum Zubettegehen. Die Suppe ward mit Andacht gegessen, als vielleicht die letzte Suppe; und wer am gerührtesten war, der legte zuerst den Löffel hin, oder ging gar vom Tische weg hinter den Ofen, und wer ihn am liebsten hatte, der ging ihm nach, und sie herzten und küßten da einander. Die Kinder thaten den Aeltern und den Geschwistern Alles zu Liebe, und die Aeltern ihnen. Jedem kleinen Kreuzfahrer ward noch sein Leibessen gekocht, gebraten oder gebacken; und eine alte Mutter oder ein alter Vater sprach wol zu dem Frieden und der Zufriedenheit: Könnte es bei uns nicht immer so sein? Ach, und wie bei uns, so lieb und treu ist es gewiß jetzt in allen hundert Städten und Dörfern umher im Lande! Schon deswegen, als Beispiel und Vorbild: wie schön unser deutsches Reich sein kann und kaum wol jemals werden wird, ist euer Kreuzzug gar nicht mit Geld zu bezahlen, ihr Kinder — ja, wenn auch hier und da eins von euch nicht wiederkäme, sondern unterwegs oder dort von Engeln zum Himmel getragen würde, Und doch sprach wol eine Mutter darüber zu ihm: „Vater, versündige dich nicht!“ und er zuckte die Achseln.

Der Rath Aldewin, der gute Vater seiner wahrhaft mütterlichen Tochter im Kerker, war ganz im Stillen in die Familiengruft beigesetzt, und er hatte durch sein Beispiel und seinen Tod den Vätern und Müttern aller Welt nur eine und zwar diese höchste Bitte verlassen: Steh’ deinen Kindern immer redlich bei, den glücklichen, und den unglücklichen noch mehr, in aller ihrer Noth, und erst recht in Menschenschande und in Sünde vor den Menschen. Wer weiß, was in der Sonne Schande ist? und was erst gar im Himmel keine Sünde ist vor Dem, der Alles vergibt und vergab; sonst käme der Heiligste selbst nicht in den Himmel. Er hatte sich geschämt, ihr erst zu vergeben.

Diese Worte hatte er zu seinem Weibe Irmentrud gesagt, und dann noch leise vor sich hin gesprochen: Auch mit den Weibern muß man es so halten. — Das war verständlich jetzt für Don Ramon.

Am Freitag, als am Tage vor der Hurd, war die Frau Rath mit Raimund nun zu ihrer Tochter in der Abenddämmerung in den Kerker gegangen, wo sie auf überraschende milde Weise auch ihren natürlichen Schwiegersohn bei ihr gefunden. Raimund lernte das sanfte, schöne, natürliche Weib da kennen und ehren, und er flüsterte ihr leise zu, was morgen durch die Weiber in guter Hoffnung und durch die Weiber der Katharer, die jede Todesstrafe verabscheuten, und durch die Weiber der Juden im Chor zu ihren Gunsten geschehen würde. Der Jost, einzig der Narr wußte noch Rath, sprach er. Er ist mein Jugendfreund, und der Erzbischof ist der Freund meines Freundes Ramon, des Juden, der fest bei ihm steht in Gunst; denn seiner staarblinden Augen wegen bedarf er ihn mehr als alle andere unwissende Christen.