Und das begeisterte Mädchen redete Worte aus ihrem Glauben: „wie Türkisch klingen müsse!“ redete, und befahl ihm mit ausgestrecktem Finger: „Ili, kutsch Ili! Ili, kutsch Ili!“ sodaß Alle lachen mußten und sie selbst.
Nun Alles sehr gut! belobte sie Savern. Aber nun noch die Hauptsache: Kannst du tanzen?
Und nun tanzte das mond- und türkenmondsüchtige Mädchen, reizend mit liebenswürdigem Gesicht und funkelnden Augen. Aber vor Lachen taumelte sie und warf sich auf das Bett. Und Savern besah ihre Finger und steckte ihr einen schönen Ring an, in dessen Glanz und Schein sie lange hineinsah — wie in das Morgenland.
Raimund ward zum Nikolas in einen „Rath der Hirtenknaben“ fort aus dem Hause berufen, und die beiden Männer, jeder für die Seinen zu jedem Opfer bereit, schieden auf Tod und Leben, ungewiß, ob sie sich wiedersähen.
Savern blieb in Gedanken sitzen.
Am Morgen kam Irmengard zu Raimund herübergestürmt und erzählte ihm ihren Schreck, daß im Morgengrauen sie ein schöner junger Page im Bette überfallen, ans Herz gedrückt und unter heißen Küssen ihr Gesicht und Brust naßgeweint habe, und frug ihn, wo Frohmuthe wol sei?
Er erröthete über das kecke entflohene Mädchen und über Savern, der sie als letztes Mittel, seine Schwester zurückzukaufen, mitgelassen, mitgenommen. Wollte auch er selbst ja, wie Jener, sogar sein Leben daran setzen, warum sollte Savern nicht nur eines Andern Wunsch erfüllen? Und „des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, sprach er, „nur ein verrückter Wille: ein Verrücktes“.
Vierzehntes Capitel.
Darauf zog er noch mit bis nach Basel. Dort war große Heerschau zum Zuge durch, ja über die Schweiz, nach Zürich, Zug, Altdorf und über den beschwerlichen und gefährlichen St.-Gotthard, nach Bellinzona. Schon jetzt waren Wunderdinge passirt; ein Seitenzug des Heers, mehre Tausend, die die Sarazenen schlagen wollten, hatten nicht gewagt, durch einen Wald zu ziehen, worin neun bis zehn Räuber hausen sollten, und schleunig um Schutzwache und Geleit von großen Männern gebeten. Es waren große Gewitter und in der That furchtbare Regenschauer gewesen; die Kinder hatten im Freien übernachten und naß am Morgen wieder hungrig weiterziehen müssen. So hatten Hunderte das Fieber bekommen und vor Angst doch eilend sich die Füße wund und blutig gelaufen unter entsetzlichem Weinen und Singen. Manche hatten sich Beine gebrochen, und so war ein meilenlanges Lazareth am Wege her entstanden. Dazu wurden sie von den fast unzähligen, nur auf Raub und liederliches Leben mit ausgezogenen Spitzbuben und Spitzbübinnen um ihre noch etwa übriggebliebene, für die äußerste Noth erst aufgesparte, an sich schon kleine Habe von ihrer Mitgift und ihrer Reiseausstattung gebracht, und die unter diesen Umständen mehr als grausamen Heuchler und Diebe und Diebinnen, die zu desto größerm Vertrauen gerade in Beguinen- und Beghardenkleidern mit dem Kreuz auf dem Rücken mitgepilgert waren, verzogen sich nun und entliefen aus gerechter Furcht vor dem Schicksale des Zugs so vieler Tausend auf einem meist häuserlosen Wege durch die Schweiz und über die Schneegebirge.
Raimund stand und übersah von einem Hügel das große weite wimmelnde Lager der Kinder, die im schönen warmen Sonnenschein wieder froh waren, und jedem besonders hohen Berge, als dem Berge des Pilatus, ein Zetergeschrei brachten. Er wollte morgen bei Tagesanbruch scheiden und die Scheidenden sehen klar und wahr. Neben ihm standen auch zwei Männer, ein Ritter und ein Priester, die das Leben unter dem Schwarme auch nicht mehr ertragen konnten, und den Zug verlassen wollten. Und der Ritter sprach verwundert: Wenn einem Heere von Rittern hätte ein Zug vorbereitet, geleitet, versorgt, ernährt und ausgeführt werden sollen, wie viel Millionen an Geld und viele nacheinander eintretende Tausende von sorgfältigen unermüdlichen Schaffnern, Aufsehern und Auf- und Nachräumern, und Heerden von Ochsen und Schafen und Pferden würde Das bedurft und gekostet haben — was hier blos aus Leichtsinn und auf Mildthätigkeit unternommen, und auch, wie bei uns Erwachsenen, zu nichts, als zu einem ebenso jämmerlichen Ausgange gebracht wird.