Raimund ging mit seinem treuen Diener nach der schönen Straße Balbi, nach dem Palast seines reichen Handelsfreundes Vivaldi, welchen er auch seinem Freunde Savern zum Ort des Wiederfindens empfohlen hatte. Unterwegs sah er nur einige abgerissene blasse Kreuzzugsknaben an den Thüren betteln; auch Frauenspersonen — Frauenzimmer war zu nobel für sie gesagt. Sie sangen deutsche Lieder, die ihm hier in der Fremde vor Unglück um Brot gesungen — die Seele zerschnitten. Er schämte sich zu fragen, sie anzureden. „Hier muß was vorgegangen sein!“ sprach sein leiblicher Geist.
Er ward wohl aufgenommen und prachtvoll logirt und bewirthet, denn der Handelsfreund war ihm schuldig! Raimund frug geschwind, ob nicht sein Freund, er heiße Savern, aus Aegypten angekommen sei, wolle Gott mit einem Frauenzimmer? oder, wollte Gott nicht: allein, und ob er gleich wieder weiter gereist?
Aber er hörte ein besorgliches Nein; daß aber zwei Schiffe in Pisa dieser Tage angekommen aus dem Morgenlande. Dagegen führte ihn sein Handelsfreund in den geräumigen Hof, und in einen Schuppen mit allerhand Kisten und Tonnen. Mitten darin stand eine gichtbrüchige Karrete, die ein Spötter einen Hundestall auf vier Rädern genannt haben würde. Und wirklich lag ein Hund darin, und wie die Vögel zum Schlafen oder zum Sterben, den Schnabel unter den Flügel gesteckt, so lag er zusammengerollt, die Schnauze unter das Hinterbein. Raimund schlug die Hände zusammen, und rief: Phylax! Phylax!
Phylax richtete den Kopf in die Höhe.
Raimund streichelte ihn, und der Hund leckte ihm die Hand; aber abgehungert und elend, konnte er nicht mehr aufstehen, und man sah nur, daß er mit dem Schwanze wedeln wollte. Raimund, vor Wehmuth außer sich, sprach mit tonloser Stimme: Nun, mein Phylax, erzähle mir Alles aufrichtig; denn es ist vor deinem Tode!
Und nun ließ er den Hund sprechen, und hörte andächtig den Worten zu:
Ja, ja, mein lieber Herr Raimund, lebt wohl! Ich, ich muß nun hier in der Fremde sterben, geschieden von meiner Heerde, die ich nie mehr wiedersehe auf Erden, und im Himmel erst recht gewiß nicht, wenn Schafe nicht auferstehen. Aber wir waren doch hier Schafe und Hunde, und gute! Grüßt mir meine Frau Diane auf ewig, und unsere sieben Kinder, besonders das jüngste, den geborenen Stutz; das wird ein Hund, so gut wie ich! Ich muß mir meine Leichenrede nur selbst halten! Nun sterbt Ihr auch einmal wohl! Einmal ist genug!
Darauf bellte Phylax wirklich selbst noch einmal, aber mit allen Kräften nur schwach.
Seine Wirthsleute mit ihren Kindern, Knaben und Mädchen, umstanden ihn, und die Knaben ergriffen einen Wagbalken, den verhexten Hund zu erschlagen. Aber Raimund wehrte ihnen und sprach: O, das ist noch gar nichts! Wie prophezeieten da erst andere Menschenkinder jetzt bei uns und überall. Es ist einmal eine Wunderzeit! Uebrigens ist das Erschlagen eines Todten beinahe überflüssig, sowie die todten Juden zu taufen — denn Phylax ist todt.
Er legte ihn sich zu Füßen, schob seine vor Schwachheit nicht angerührte Speise, eine Salamiwurst, beiseite, und setzte sich selbst in den Wagen, hielt auch dem todten Wagen die Leichenrede, und sprach: