Wie es von allen alten Thronen aller alten Könige, Pharaonen und Kaiser der Erde nicht Einen mehr gibt, sondern zuletzt bis auf den letzten vermorschten sie alle zerhackt und verbrannt worden, so steht nun hier todtenmüde im Gerümpelschuppen die ebenso heilige Karrete des Nikolas, in Grund und Boden zerfahren und zerrädert, mit ihrem in Fetzen herumhängenden Baldachin. Er war auch einmal in dem „1212“ gescholtenen Jahre eine flüchtige, nichtige Erscheinung von Holz gewesen, wie Sesostris’ von Königen gezogenes Fuhrwerk.
Er saß darauf ganz still. Die Thränen drangen ihm in die Augen, indem er an seine liebe Irmengard dachte; aber er getraute sich nicht nach ihr zu fragen, da er sich scheute, das Erbärmlichste, ihn Erbarmendste zu hören, am liebsten noch ihren Tod. Aber seine Wirthsleute, der Mann, die Frau und die Knaben umstanden ihn, und erzählten ihm den Aufruhr in ihrer Stadt diese drei Tage her abwechselnd in den Wagen hinein. Und die bewegte Frau sprach zuerst:
Was wir diese drei Tage her ausgestanden, das kommt in unsere Chronik! Schon lange summte es aus den Alpen: „ein unwiderstehlicher Kreuzzug kommt!“ Dann war er über den Gotthard! . . . Als er in Mailand sein sollte, ward unsern Herren Angst; sie schickten Boten über Boten; denn Niemand glaubte es, und der Schrecken habe sie nur Geister, und die Geister als Kinder sehen lassen! Aber unsere Waffenröcke besetzten dennoch die Mauern, und die Landthore wurden verrammelt. Unsere Herren hatten Ursache, sich vor den Deutschen zu fürchten. Denn wir hatten es mit dem Papst gegen den Kaiser Otto gehalten, und die Rache dafür konnte zugleich durch den einen Kreuzzug mit abgethan werden, wie in Konstantinopel; denn so ein Herr hat ein Gedächtniß für Jeden, der nur ein unangenehmes Wort gesprochen oder nur eine Faust in und mit dem Schubsacke gegen ihn aufgehoben. Gott bewahre! Aber was war es? Wer kam?
Ja, Mutter, erzählte ein Knabe darein, wir liefen auf die Thürme und sahen auf der Höhe, ganz nahe über der Stadt, ein Heer Kinder, Kinder alle auf den Knien vor Freude weinend und Danklieder singend, daß sie das Meer erblickten, das uns nur ein silbernes Waschbecken ist. Unser Rath bekam da Muth, lachte und stieg selbst hinauf zur Höhe, und einige haben die Kinder befühlt und endlich geglaubt, daß es wirkliche natürliche Kinder wären, nur verhungert, zerlumpt, als wenn alle armen Deutschen ihre Bettelkinder in die Fremde gejagt.
Ja, sprach der Hausherr, so zogen sie dann mit Erlaubniß der Barmherzigkeit zum Thore hinein, füllten die Straßen und Märkte und setzten sich; denn sie konnten nicht mehr auf den Beinen stehen. Und, du lieber Gott, da ließ der Herr Petrus über sie regnen — daß sie aus guten Gründen aufstehen mußten.
Ich hätte lieber Manna über sie regnen lassen, sprach eines der Mädchen, und die Sonne über sie scheinen, so warm, so warm!
Du gutes Kind, sprach der Vater, sie an sich ziehend. Aber wir weisen Herren waren gnädig, sie in die Häuser einzuquartieren, damit sie sich einmal nach lange wieder satt äßen mit warmen Speisen. Das war vorgestern, Sonnabend, aber am andern Tage mußten sie gleich weiter ins Feld rücken, als gestern, Sonntag. Und was konnten die armen Kinder anders, als gehorchen, weinen und betteln. Sie betteln zwar nur deutsch — aber wer versteht denn nicht: Lumpen, blasse magere Gesichter, tiefliegende Augen, und Blicke daraus, die Einem das Herz im Leibe schmelzen. Wie froh wurden da unsere guten Kinder und Weiber durch Geben und danken Hören! Ganz Genua war ein „Ora pro nobis“ und ein „Benedictus qui venit in nomine domini!“ Aber fort mußten die Kinder! und sie fielen auf die Knie, als unsere Herren durch Herolde mit Trompeten ihnen das verkündigen lassen mußten.[18)]
Und da begab sich ein Schauderhaftes, so eine Art Heiliges, schaltete die Mutter ein. Nämlich die Kinder liefen ans Meer, und wie Moses an den Felsen geschlagen, damit Wasser herauskäme, so schlugen sie mit ihrem Pilgerstabe auf das Meer, damit es verschwinden, vor ihnen zurückweichen sollte, um trocken hindurchgehen zu können. Und wahrhaftig: das Meer wälzte sich zurück! Wir hörten das unermeßliche Freudengeschrei in der ganzen Stadt bis in die Keller. Aber was war es: es war nur die Ebbe gewesen! Und als sie bezaubert die Stunden daran gesessen, als die Flut zurückrauschte, und die Wellen ihnen die Füße bespülten, sie gehoben und fortgeschwemmt hatte, da sie wie verzweifelt, bis unter die Arme umwogt, drin sitzen geblieben und gesungen und endlich unermeßlich geweint, wie unermeßlich betrogen — o weh doch, so ein Jammergeschrei wünsch’ ich mir nicht mehr zu hören! Und sie mußten sich dazu bereiten, zu Lande weiter zu ziehen in die Ferne, durch Rom, bis nach Brindisi, oder nach Pisa, wo zwei große Schiffe bereit lagen, sie nach Joppe umsonst und wohlversorgt überzuführen. — Was essen nicht schon die Kinder in einem Hause! Und wir mußten in Genua eine Hungersnoth befürchten, denn es war schon jetzt kein Bissen Brot mehr in der Stadt. Da entschlossen sich Hunderte von Kindern, nach Hause, in die Heimat, in das wahre Gelobte Land zu pilgern, mit einem neuen, ihnen aus dem Herzen gequollenen Liede: „Fahre wohl, du Friedensstadt! Wir sind Welt und Alles satt!“ Da wurden nun, wie auf einem Sklavenmarkt, Knaben, besonders Hirtenknaben, auf die Meiereien um die Stadt herum gemiethet, denn ein Schaf ist überall ein Schaf und ein Mensch ein Mensch. Andere wurden von Handwerkern aufgenommen, die Kranken zur Pflege guten Leuten übergeben, die von selbst sich willig dazu erboten. Das Kinderheer war entsetzlich geschmolzen, da unzählige verhungert und umgekommen waren, krank auf dem Wege zurückgeblieben, einsam verkommen und am Heimweh gestorben. Andere schöne, feine, treuherzige Edelknaben wurden sogar in vornehmen, aber söhnelosen, ja in den höchsten Familien an Kindesstatt aufgenommen.[19)] Und so mußten denn die andern gesunden Kinder, nach dem reichlichen einen Sonntagsmittagsessen, alle wieder nothdürftig ausgeflickt und bekleidet, von unsern guten Genuesenkindern weit hinaus auf die Straße nach Pisa begleitet, wieder hinaus in die Welt auf die Eroberung des Gelobten Landes — mit neuen Pilgerhüten und Taschen voll Orangen!
Als Raimund so viel, für ihn wie nichts erfahren, da er über Irmengard nichts erfahren, sprangen die Kinder vor das Thorweg auf die Straße hinaus, wo indeß schellende Kameele gehalten, von denen schon zwei Männer abgestiegen und der eine schon in den Hof kam, der Niemand anders war als Savern.
Raimund erkannte ihn gleich, und hing noch an seinem Halse, als zwei von ihren Kameelen abgestiegene Türkinnen in das Haus geschlüpft vor dem neugierigen Volke, und in den Hof sich gleichsam retteten. Sie waren Beide in weiten gelbseidenen langen Hosen, mit Gürteln gegürtet, in gelben Pantoffeln, Beide in prächtigen Turbanen, die Stirn und den Mund mit kostbaren Tüchern verbunden, das Gesicht weiß verschleiert. Die weiten Mäntel mit viereckigen Kragen hatten sie draußen gelassen, und Raimund’s Wirthsleute schienen erstaunt, als die eine Türkin den Raimund umschlang und im Schleier ihn küßte, als habe er im Morgenlande eine Freundin gehabt, die ihn aufsuche. Aber die Verschleierte weinte nicht allein vor Freuden, sondern sie lachte auch dazu. Raimund erkannte daran Gaiette und rief: Nun Gott sei gedankt! Du bist wieder da! Und meine Irmengard wird auch noch kommen.