Die Hausfrau führte die neuen weiblichen Gäste in ihre besten obern Zimmer. Raimund ließ abpacken und unter andern Sachen eine nur kleine, geschnitzte und blumenbemalte Kiste zu den Frauen hinauftragen. Dann ging er mit seinem Freunde Savern in sein eigenes Zimmer nach. Da warf er sich auf einen Divan; Savern ging vor ihm auf und ab und erzählte ihm Alles kurz, aber aus dem Kern, und sprach:
Ich bin glücklich in Aegypten, an seiner flachen weißsandigen Küste angekommen. Zu unserm Glück war der vielbeweinte Statthalter Maschemuch gestorben, was auch im Morgenlande, ja im Gelobten Lande, in Jerusalem, Bethlehem, und darum von jeher nirgend etwas Unerhörtes gewesen, noch jetzt sein soll! Ich habe den Leichenzug mit den vielen heulenden, weinenden Weibern gehört und gesehen, und seinen Sohn gesehen, dem als Sohn, wie jedem Sohne, des Vaters Harem heilig ist, ausgenommen dem Absalon damals auf dem Dache des Palastes David. Durch Vermittelung seines aufgesuchten und gefundenen, und wohlbeschenkten und bestochenen schwarzen Haremswächters konnte ich meine ausgemerzte Schwester desto eher für ihr doppeltes Kaufgeld, und ohne die leichte Gaiette opfern zu müssen, wiederkaufen, besonders da meine arme Schwester die ganze Zeit bei seinem Vater vor Traurigkeit, Kummer und Schmerz über ihren verlorenen, soi-disant ermordeten Gatten zum Schatten geworden, krank gelegen, und elend, blaß und mager ihm keinen Blick, kein Schnupftuch abgewonnen. Sie ward mir in meine Wohnung getreulich zurückgeführt, ja „mit Bürgschaft“, die mich doch erfreute, sodaß ich dem schwarzen Gebieter dafür einen Ring zu meinem Andenken verehrte. Das Wiedersehen mit meiner erlösten Isidore war herzentzückend und seelezerreißend. Sie lag ohnmächtig in meinen Armen und doch wankend zum Umfallen, und die schwarzen Hände des Mohren hielten sie mir mitleidig.
Während dieser Verhandlung habe ich mit meinen Augen die schönen französischen Knaben und Mädchen überall in der Stadt und auf den Märkten zum Verkauf ausstehen sehen, die der christliche Seeräuber Ferreus in den fünf großen Schiffen von Marseille glücklich geraubt und davongebracht. Und ich habe mir einen, einen jungen vornehmen Knaben aus Avignon, eines Geistlichen Sohn, für deren Mutter im Hause er die darauf gelegte Haushälterinsteuer bezahlt, zu Zeugen meiner Aussage daheim losgekauft, und einen schwarzen Knaben dazu, als sachverständigen Fütterer und Führer meiner Kameele. Die andern, hier und in Bugia unverkauften, prächtigen und noch beherzten lustigen Knaben — die vor Uebermenge bis zum Preise eines fetten Schöpfes gefallen waren — sind für den Khalifen von Bagdad an Wiederverkäufer an den Küsten von Kleinasien ausgeladen worden.
Ach, aber nun kommt das Gefährliche! das auch mir Entsetzliche! Ich hatte meinem Diener und dem Mohrensklaven — den ich schändlicherweise gekauft, aber keinen Aeltern entführte — den Auftrag gegeben, uns Alle zur Fahrt nach dem Abendlande, nach Genua, auf dem nächsten dahin abgehenden Schiffe einzukaufen, ohne zu handeln; denn es griff hier nach uns Allen. Meine Schwester sehnte sich, jetzt vor Hoffnung weinend, nach Vater und Mutter, nach der Heimat am schönen Genfersee! Die Diener hatten das besorgt. — Wir steigen zu Abend ein. Die Frauen verbergen sich unten. — Früh gehe ich auf dem Verdeck umher, um von der wundervollen, unvergleichlichen gelben und grünen Morgenröthe und von der Sonne Aegyptens, der alten Jungfer mit ihrer Lampe, und Sklavin des Landes, Abschied zu nehmen — wer steht da, hinaus nach Abend gewandt? — der Goldlockenkopf! meiner Schwester angeblich ermordeter Mann! Und wer ist der Herr des Schiffes? Wie mir der fränkische Knabe ins Ohr zischelt: dort der Mann am Steuerruder, das ist der Ferreus! . . . Wollen wir über Bord springen? oder soll ich ihm, wenn er sich über Bord lehnt, die Füße aufheben und ihn ins Meer stürzen?
Ich faßte mich und war gefaßt auf ein Aeußerstes; denn meine Schwester, die er elend gemacht und die ihn, als angeblich Beklagenswerthen, noch liebte, sie saß in Frieden unten. Die Lage war selten und schändlich, wie je eine von Menschen auf Erden.
Wie ich und der Goldlockenkopf gegeneinander gehend auf uns treffen, bleiben wir Beide wie angewurzelt voreinander stehen. Er legt die Hand an sein Messer im Gürtel. Ich, ich hatte mir gelobt, ihm den Kopf abzuhauen, und sei’s am Altare! . . . Aber ich legte ihm meine Hand auf die Schulter; denn er sah erbarmenswerth blaß und krank aus, weil er es war, und seine Augen ruhten gelassen auf mir, so, als wenn Ich und Er Beide keine Menschen mehr wären. O Mitleid! o Unglück! Aber gar erst du, du Mitleid der Unglücklichen mit den Unglücklichen! — Er fürchtete seinen Verrath durch mich nicht mehr.
So weit hatte Savern mir erzählt, als im Nebenzimmer der Frauen ein entsetzlicher Gall geschah. Denn wirklich, es war eine Herzensthat. Wir eilen herum. — Da hat meine Schwester die kleine Kiste aufgemacht, den vom Rumpfe gehauenen Lockenkopf ihres geliebten Mannes gesehen, an den Locken herausgerissen, und hält ihn hoch, wie allen Heiligen hin. Sie zittert und bebt, ihre Zähne klappern. Und ich springe sie zu umfassen, zu halten.
Endlich lange athmend fragt sie: Wer hat das gethan?
Und ich sage ihr, wie man solche Worte nur sagen kann: Ich, ich hab’ es gethan! Ich, für dich! Höre und begreife: Du hast deinen armen Mann beweint, edel! Nun beweine dafür deinen Räuber, deinen Verkäufer, und du bist nebenbei blos die Dritte oder Vierte! Das stärke dich! Wenn nicht heute, doch morgen, oder zu Jahre — wenn der Verstand und der Haß die Liebe besiegt hat. Oder, sollte dein Bruder dich nicht nach Hause holen, da er wußte: du seist, für ein liebendes treues Weib, in der Hölle eines Harems?
Sie faltete die Hände und sank zu Boden, und Gaiette biß die Zähne zusammen und stand ihr bei mit schamvoll geschlossenen Augen, aber ihre Wangen glühten, sie küßte Savern die Hände und aller Uebermuth war ihr verstoben.