Aber um auf das Schiff zurückzukehren, erzählte Savern weiter: Der Goldlockenkopf mußte zu Bett gebracht werden, denn er bekam die Blattern und lag von seiner — Frau nur durch eine Bretwand geschieden, die seine gestöhnten Worte sogar hörte, aber nicht verstand. Er lag auf Bunden mit Straußfedern und Säcken voll Datteln, womit das Schiff beladen war.
Vor seinem Tod — denn auf den Kauffahrteischiffen sind nur die alten Matrosen die verwegensten Doctoren, die mit den unsinnigsten Mitteln curiren, die sie meist bedauern — nicht zu haben, — ließ mich der Sterbende holen, sah mich weichmüthig an, übergab mir einen Beutel voll Gold und bat mich, ja, er befahl mir, den Schatz seinen armen, fast verhungernden Aeltern in Konstantinopel zu schicken, deren Wohnung, Namen und hohen Stand er mir nannte. Ihnen zu Liebe habe er alles ihm Mögliche gethan, wie blind und herzlos gegen die ganze Welt. Er segnete mich mit den erschrecklichen herzdurchdringenden Worten: Behüte Euch Gott Euer Vaterland — das mir und uns die Römlinge genommen — denn ein Mensch ohne Vaterland ist wie welt-vogelfrei und zu allen Thaten fähig. Das merkt und sagt überall. Ihr habt es erfahren, und beruhigt damit meine Frau — Eure Schwester, die Schweizerin, ja! Da wird sie mich redlich beweinen, wie zuvor ihren — ermordeten Mann. Ich habe Euch Alles gestanden — nun ist mir wohl. Viel seien Eurer Jahre (πολλα τα ετιασας) und griff sich dabei in der Todesangst in seine viel tausend Haare.
Also, was war das Leid Alles gewesen? — Kindesliebe! Kindesliebe! also gewiß zu guten Aeltern. Welch ein Blick in die Welt und die Herzen aller Menschen! Ich lächelte mild zum Weltgericht. Als er gestorben war, und bald darauf schon im bloßen Hemd auf sein Leichenbret gebunden lag, um ins Meer für die Fische begraben zu werden, und auf seiner prächtigen Brust die darein gestochene und mit blau und rother Farbe eingeriebene Panagia erschien, und der Wind seine Locken hob, fiel mir mein Schwur ein, ihm das Haupt abzuhauen — aber der Schwur erlosch in Wehmuth. Aber Porcus gab mir ein Beil in die Hand und rieth mir: nehmt Euch ein Andenken mit! und ich nahm mir das Andenken! . . . Es geschah ganz kurz vorher, ehe Porcus angebliche Erde aus dem Gelobten Lande — auf der Ziegeninsel, der Capraja — für den großen Campo santo in Pisa betrüglich einladen ließ. Aber „der gemachte Mann“ sagte: Ihre Todten werden schon gut daraus aufgehen; sie streuen die Erde schon gläubig auf Brot und essen sie zu Buße.
So ward denn der ältern- und vaterlandsliebende Goldlockenkopfleib versenkt, den einzusegnen kein Geistlicher vorhanden war, und so erlaubte sich der alles für Scherz haltende Porcus mit einigen Seemannsflüchen ihn einzusegnen zu seiner Ruhe.
Die rührende Folge der Hauptserfindung aber war, daß Savern und seine Schwester noch Schmuck und Gold reichlich zulegten zu dem von Raimund noch strotzendvoll gefüllten Beutel, und ihn dem Hauswirth übergaben, um ihn durch ein sicheres genuesisches Haus an die Erben des Erblassers in Konstantinopel zu übermachen.
Savern hatte in Pisa, das viele hundert Kameele züchtete, sich sechs gekauft zur Landreise nach Genua. Diese theilten sie jetzt. Die Geschwister zogen mit dem Franzosenknaben nach Genf; Raimund und Gaiette aber nach Hause, Sie freute sich, als armes christliches Dienstmädchen geschieden, nun als Türkin auf einem läutenden Kameele, von einem Mohrenknaben geführt, in dem lieben Köln, unter dem Schleier lachend und weinend, doch seelenfroh einzuziehen — und jetzt sogleich . . . dann den ganzen Winter und Zeit ihres Lebens vollauf zu erzählen zu haben.
Siebzehntes Capitel.
Heirathen.
Zuletzt verlieren alle Menschen Alles,
Und mit dem Balle fängt das Kind schon an,
Mit seinem Flachshaar und den ersten Zähnen.