„Lebt nicht Gott da drüben und waltet und rettet, wie er hier lebt und gerettet?“
O wohl! o gewiß! sprach sie; aber soll ich nicht retten, nicht eilen, nicht wissen! Ach, davon spricht er die Mutter nicht frei! Ich soll mir die Tochterliebe verdienen — nicht schmachvoll sie tragen!
„So wollen wir umkommen? und Okki?“ frug ich Eoo.
Sie sah zur Erde mit finstrem Gesicht. Der Wind riß in den Wurzeln verbrannte, gelöste Bäume im Thale auf einmal zu zwanzig, zu hunderten um. Sie krachten am Boden, sich wild in einander zerschlagend. Qualm stieg auf. Es leuchtete wieder. Dann brach das Gekrach als Nachhall in den Schluchten der Berge erst los! — Andere Sturze! Neuer Donner, Qualm und Funkensprühen — und neuer Nachdonner umher bis hinaus. — Furchtbare Schlacht der Natur mit sich selbst. —
Eoo hörte das unerschrocken, doch düsterer als zuvor. Ein unaussprechliches Lächeln, und in dem Lächeln ein heiliges himmlisches Lieben sprach aus ihr in mich! Sie zog sanft ihre Augenlieder über ihre Augensterne, und so stand das schöne sehnsüchtige Antlitz hinüber nach ihrer Tochter gewandt. Ja sie schien mit dahin gerichtetem Ohre zu horchen: „ob sie ihr rufe?“ Sie hielt die Hand halb erhoben und abgewendet von sich, mir Schweigen anzudeuten, als höre sie wirklich das hülflose Kind, und nicht das Flüstern der eigenen Angst um sie.
Sie sehnte sich, zu ruhen. Als wir zur Höhle gekommen, war es, als habe sie ihren Okki verloren gehabt und nun wiedergefunden, so freudig erschreckt von seinem Anblick, kniete sie zu ihm und küßte ihn munter und hörte ihn reden und drückte ihn an sich und zog mich mit in des Kindes und ihre Umarmung. Das verstand ich nicht!
Noch im Finstern, als ich glaubte, sie schlafe schon lange, drückte sie mir noch von Zeit zu Zeit die Hand, leis und leiser. Ich fühlt’ es noch, schlafend.
— Am Morgen war sie verschwunden.
* *
*
Ich stand erschüttert mit gefalteten Händen — ich betete — aber die Lippen bebten mir nur. Okki war da — er freute mich kaum! Ich holte kaum Athem! Vor meiner Phantasie war ein Abgrund aufgethan. Mir war klar — das Mutterherz hatte Eoo nach ihrer Tochter gezogen. Ich konnte in wachem Traume mir immer wechselnde Bilder malen. Bald sah ich Eoo verirrt! — bald erlag sie! — bald weinte sie nach mir zurück! — bald stürzte sie froh in die Arme der Tochter, sie war bei ihr, bei ihrem Kinde, denn das Kind in Noth, ja in ungekannter Noth, ist das einzige Kind, das liebste Kind dem Mutterherzen, so viel sie glückliche außer ihm hat! Ihre strebende hülfreiche Seele schien mir glücklich, das linderte meinen Gram. Ihre Liebe sah keine Schrecken. Und was vermag denn also die so gefürchtete Natur mit all’ ihren drohenden Werken und Wirkungen über die innere Gewalt der Seele des Menschen? — Nichts! Sie erhebt ihn nur himmlisch und stärkt ihn: sie selbst nicht zu achten! — Die Gefahr zog mein Weib zu dem Kinde; ihr Anwachsen trieb sie — zur Eil! die Flammen erleuchteten nur — ihr Kind in der Ferne. Aber was Eoo gethan, das that kein Weib, das that — eine Mutter. Denn von dem vielgetadelten, hoch gepriesenen, und oft mit Recht seit Sirach und Euripides mit harten Sprüchen beladenen weiblichen Geschlecht ist nur Etwas ehrbar — die Mutter! Nichts darüber! Nichts weiter! — Aber hab’ ich das übrige Geschlecht nun verurtheilt? Nein, erkannt! hoch, himmlisch hoch gestellt! — Jeder, der lebt, hatt’ er nicht eine Mutter? Will und soll jegliche Jungfrau nicht eine Mutter werden? Lebt die Matrone von etwas Holderem als den Gedanken, wo sie in der Lichtsäule des Lebens wandelte? Woher stammt die Liebe? in allen! wohin führt sie alle? Und so ist alle andere Liebe nur Vorklang, Nachklang und kindisches Wesen gegen Kinderliebe und Kindesliebe!