Und sie, die durch mich in Eoo’s Herzen gestockt — wie brach sie nun aus! O was litt’ ich! Ich war in keinem brennenden Walde mehr — mir brannte die thörichte Schuld im Busen.
Ich war spät erwacht — Eoo war schon weit! doch sie war nicht allein, der treue Hund begleitete sie. Mir fehlte kaum eine Hand voll Lebensmittel. Okki begehrte nach der Mutter. „Sie holt Deine Schwester,“ sagt’ ich ihm lächelnd, ihn herzend und küssend — weinen durft’ ich ja nicht — und das machte ihn lächeln und in die Hände klopfen!
Mein erster Entschluß war, ihr schnell zu folgen. Aber war sie mir nicht durch irgend einen anderen Unglücksfall verloren? Ach, mein Herz zweifelte nicht, nur mein kühler Verstand. Mein zweiter Entschluß war, zu warten, bis sie wiederkehre. Aber ich mußte einen dritten ergreifen, denn von der rechten Seite herein ging der Wald jetzt in Feuer auf, und der Weg war mir abgeschnitten. Wie breit er brannte, wie schnell das Feuer an der Erde im Grase hinlief, an den erhitzten, Harz schwitzenden Bäumen hinauf leckte, wie lange es verweilte, um feuchte Stellen auszutrocknen und dann doch noch mit seiner Gewalt zu entzünden, wie weit Eoo schon eilte, war nicht zu berechnen! Ueber ihren Weg hinaus blickend, athmet’ ich tiefe Züge ein, als wollt’ ich den Wind zurückziehen und die Luft einathmen und halten, damit sie sicher eile! Ja, wie der Mensch ist, mich beruhigte fast der Qualm — weil er Alles verhüllte! Kein Anzeichen der kranken Natur forderte mich auf, ich durfte Alles dem göttlichen Walten — getrost überlassen.
Mich hatte eine Furcht befallen vor der Natur, die — natürlich war und schmerzlich an Wehmuth grenzte; noch mehr aber bannte mich Staunen und Kummer, den tiefer Verdruß mir bitter machte. War mein Okki, mein einziges Kind nicht verloren, wenn ich mich opferte? War das Leben mir irgend noch werth, wenn ich ihn auch nun verlor, nur beschädigte! Ich saß auf dem Berge und wiegte ihn fast den ganzen Tag auf meinen Knieen, mocht’ er nun wachen, oder schlummern an meiner Brust umarmt, seine Händchen um meinen Hals geschlungen. Ich schien mir kein Mensch mehr — denn um mich war nicht mehr die gewohnte Natur und das Leben, das uns zu Menschen macht. Speise und Trank war vergessen. So saßen wir. Mir dämmerte es nur im Sinn, ich empfand mich nur in der Liebe zu diesem Kinde, wenn es mich Vater nannte. Wie wenig ein Vater, ein Mensch ist, wie wenig er leisten kann — das drückte mich nieder. Ja, soll ich mein Herz ausschütten, so sag’ ich: Der gewöhnliche alte, uralte Gebrauch der Welt, der immer und allen in Unglück und Tod schließende Lauf des Lebens war mir jetzt doppelt verhaßt; die Trennung von unseren Lieben, die es seinem alten Gesetz nach gewiß mit sich bringt. Die Eltern sterben, wenn die Natur dieß Gesetz nicht noch schrecklicher umkehrt, eher als ihre Kinder, also von ihren Kindern; — alle Kinder verlieren die Eltern, wenn es noch gut geht! und in derselben Stunde verliert jeder, jeder Vater zugleich sein Kind, denn auch der Sterbende kann noch verlieren, nicht der Lebende allein — er sieht sie in ihren eigenen einsamen künftigen Tagen nicht, er überläßt sie der weiten, gefahrvollen Welt, jedem Schicksal, zuletzt auch dem Tode! Sein liebendes Auge möchte bei allem dabei sein, sein Herz es wissen! Und so wünscht’ ich jetzt mir in diesem gefährlichen Zustand bethört die verkehrte Freude, daß wir Alle zusammen umkämen in einer Stunde! in demselben beglückenden Augenblick!
Doch auch der Wunsch war nun vergebens. Sollt’ ich hier harren, bis uns die Lebensmittel ausgegangen? wo selbst keine Beere im Walde mehr zu finden war? Und dennoch häuften sich in der Nacht die wilden Thiere im verödeten Walde. Ihr Geheul verrieth noch Angst; die Mächtigen schonten der Kleinen, Rehe liefen unverfolgt von Wölfen, der Albatros flog vor dem Adler sicher. Aber das mußte bald anders werden und schrecklich! Auch für uns! Beim ersten Dämmer des Tagscheines brach ich denn auf und richtete mich nach dem Compaß, um den großen Strom, den Cataragui, bald zu erreichen.
Ein beschwerlicher Weg! eine fast hoffnungslose Flucht! Kleine Bäche von Theer und Harz, halberstarrt, waren hier; Hügel von Asche, vom Winde zusammen gewirbelt. Feuchte, quellige Stellen dampften noch. Nur aus Felsenadern ein frischer Trunk. Brach ein Sonnenblick durch die wie niederhangende Wolkendecke, und sah ich unsern Schatten an der Erde hinziehen — dann konnt’ ich weinen. Da verschwand er wieder, aber die Thränen blieben stehen im Auge.
Endlich gelangt’ ich in frischen Wald von Weimuths- und Pechkiefern und Sprusselfichten, voll zahlloser großer Heuschrecken und Schmetterlinge. Es zirpte und schwirrte wunderlich und flirrte, wie Schnee flirrt. Ich hörte das an; es war unerforschlich, geisterhaft und verschwand nicht und hörte nicht auf! Ich zog wie im Schattenreich. Noch zwei Stunden, unheimlich — ich möchte sagen unweltisch, wie ich nie gelebt — und wir waren auf einer baumleeren Savanne. Ein raschelndes Grasmeer voll blühender, aber gewelkter Pflanzen in weiten Waldufern, und hin und her nur Gebüschgruppen, die wie kleine Fahrzeuge darauf zu schweben schienen. Aus einer beträchtlich großen Vertiefung sah ich Rauch aufsteigen; der Wind führte mir Laute aus Gesängen zu. Da waren Menschen! Ich eilte. Aber erst mit Anbruch der Nacht erreicht’ ich Ermüdeter ihren Rettungsort.
Ich glaubte Flüchtlinge aus den Kirchspielen und den verlorenen Dörfern zu finden, und, sonderbar hier, ich sah eine weiße Friedensfahne auf einem der ersten Bäume ausgesteckt! Sie war im Glanze der Feuer sichtbar. Alles schwieg.
Ich hielt. Mein Esel schrie lauter, als ein stürmender Nachtwächter bläst. Mir that es leid um die Ruhe der armen müden Menschen. Während meiner verständlichen Verweise raschelte es in der Krone des Baumes. Eine Gestalt wie ein Bär kam am Stamme heruntergegleitet. Sie nahm von frischem die Decke um die Schultern und reichte mir eine Hand und hieß mich herzlich willkommen. Des Mannes Gesicht schien röthlich im Glanze der Flamme, doch seine Züge waren europäisch. Er nannte sich mir Monsieur d’Issaly, und, hier in der Fremde, seinen Landsmann! Auch ich that so.
„Ich beobachte den Wind!“ sagte der ziemlich bejahrte Mann mir erklärend. „Denn jene Indianer haben ihre Rechnung geschlossen, und schlafen in Frieden, das Haupt vertrauend auf die mütterliche Erde gelegt. Sehen Sie da den letzten Rest des ganzen Volkes der Algonkinen!“ —