„Kann ich Ihnen dienen,“ sprach er da freundlich, „mit Allem, was wir haben — und wir haben Alles, was wir immer haben, jetzt in Ueberfluß, so kommen Sie zu dem Wigwam, diesmal von Schilf. Ach, das schöne Paris!“

Er blickte noch zu seinem Tuch auf, beobachtete den Himmel und sprach: „Der Unterwind wäre gut! aber das ist immer der, dem der Athem ausgeht. Fällt aber der Oberwind, der Neugeborene, herab, und das kann morgen geschehen, dann weht er von dort — dann bringt er die Flammen! Doch eine Mahlzeit war immer erlaubt und ehrenvoll, selbst dem Leonidas. So wollen wir uns nicht schämen! Mein Bärenrücken wird gar sein. —“

Ich band den Esel an den Baum; Monsieur d’Issaly half mir, ihm dürftiges Futter hinzutragen. Dann nahm ich mein Kind, und wir traten in den herzbeklemmenden stillen Kreis.

Wir stiegen in eine Vertiefung hinein, offenbar in den untersten Kessel eines von Sommerhitze ausgetrockneten mäßigen Sees. Der Ort war weislich gewählt, schützte vor Wind und Rauch und erlaubte, gefahrlos Feuer anzuzünden. Wir mußten an dem großen hellen Nachtfeuer, das in der Mitte brannte, vorüber. Ich stand einen Augenblick.

„Die betagten Frauen hier brauen Arznei für die Kranken, die Hustenden und Halbblinden,“ sprach d’Issaly. „Nur die Häuptlinge, die Tai’s, führten, für die Anderen sehend, lange Reihen der Männer und Weiber, die sich leicht an einander anhielten und mit zugeschlossenen Augen hinter einander, wie blinde Enten, folgten. Glaubt’ es oder nicht, unser allergrößter Schmerz ist in den Schläfen und Kinnbackenmuskeln vom beständigen Aufblasen der Backen, um den Rauch zu verscheuchen. Andere sehen kaum mehr. Die Todten haben wir heut mit Gesang bestattet. Die jungen Leute aber haben heut alle nur möglichen Hochzeiten gemacht! Da ruhen sie nun in den Hütten umher!“

Auf einmal hob sich das Feuer empor, fast mannshoch, und der Boden mit ihm, wie ein umgestürztes Boot. Das brennende Holz und die Kohlen rollten auf beiden Seiten herab und fielen uns fast auf die Füße; dann borst die Erdrinde, von einer unsichtbaren Gewalt gesprengt, die alten Weiber flohen und schrieen die Männer auf. Und ein weit geöffneter, nach Luft schnappender Rachen eines Alligators streckte sich aus der Gruft, dann brach er, noch Brände auf seinem Rücken, mit einem Sprunge hervor. Aber er ruhte halb schlaftrunken und lag geblendet von auflodernden Flammen. Das gewaltige Feuer über seinem Rücken hatte ihn aufgeweckt aus der Tiefe des Schlammes und Mergels, worin er sich hier in der Hitze des Sommers vergraben, und der getrocknete Mergel hatte eine feste Kruste über ihn hingewölbt.

Ich gab mein Kind einem erstaunten Mädchen. Wir ergriffen einen brennenden Pfahl, stießen ihn tief in den zähnestarrenden Rachen, der sich vor Schmerz noch weiter öffnete. Herbeigeeilte Männer halfen uns stark und schnell, selbst Knaben griffen an, und so lag der ungebetene, todesgefährliche Gast auf dem Rücken und dampfte, schlug mit dem Eidechsenschwanz in die glühenden Kohlen, daß sie umher flogen, und ehe er wußte, er lebe, war er schon todt. Das Feuer ward um ihn geschürt, und die große Krokodilgestalt schrumpfte zusammen und hob, wie um Erbarmen bittend, die Schildkrötenpfoten gleichsam gefaltet zum Himmel! Die berauschten Hochzeitgäste waren nüchtern vor Schreck, die berauschten Begräbnißfeirer schlichen wieder fort; nur einige Knaben blieben, und die alten Weiber stellten ihre Arzneien wieder in die Kohlen.

Mein Okki war, mit dem Gesichte auf der Schulter des Mädchens, eingeschlafen. Ein Kind sein ist unschätzbar, unkaufbar. Selbst die Mutter hatt’ er vergessen. Wir gingen vor Hitze glühend. Ich bettete ihn in d’Issaly’s Hütte. Der Kleine fühlte nicht Hunger und Durst — er schlief. Ich aber aß, mehr um dem Sohne den Vater gesund und stark zu erhalten für die bevorstehenden Beschwerden, als aus Lust an Speise, die Schnitte von d’Issaly’s Bärenrücken, den dasselbe Mädchen geröstet. Dann streckten wir uns hin auf die Decken, die Flasche mit Rum stand zwischen uns, und die Pfeifenköpfe glimmten bei jedem stillen Zuge im Dunkeln auf.

Da erst fragte mich mein Wirth nach meinem Namen, woher und weß Landes ich sei? Ich nannte ihm Deutschland, Hannover, Lüneburg — meinen Namen: Hagen. Ach, und diese Worte nun hier in der Ferne, der Wüste, in alle dem Elend auszusprechen, kam mir so ungehörig, ja widernatürlich, so fremd und unglücklich vor, als wenn wir sonst in der Iliade lasen vom göttlichen Hektor, von seinem Todtenhügel, und der alte Rector wie vom Himmel dabei herunterrief: „Troja ist heut zu Tage türkisch!“ Ich theilte ihm meine Schicksale mit, ich erzählte ihm unsere Flucht, — meiner Eoo That und Verlust — vielleicht ihr Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf das Herz! Selbst das Mädchen, das still an der Hütte gesessen, schien zu weinen, ja sie stand zuletzt leise auf, und ich sah ihre Gestalt hinüber in der Dämmerung verschwinden.

Ich schlief in Thränen ein, die Wange an meines Kindes Gesicht. Ich war im Traum am Gestade von Tauris, ich hörte den Sturm, den Donner, und der Chor der Priesterinnen sang ihr verzagendes: