Aber Okki streckte die Hände nach Alaska. Zu schwach, ihn zu halten, ließ ihn die Mutter zur Erde; er lief zu der Schwester.

Die Mutter stand. Alaska richtete sich auf und saß knieend auf ihren Fersen und seufzte: „Du bist meine Mutter wohl nicht?“ — Okki wand seine Händchen um ihren Hals, die Mutter flog hinzu — der Vater zu Mutter und Kind, drückte die Geschwister an einander, die Kinder an die Mutter, die Mutter, von den Kindern umfaßt, an die Brust — und wir blieben noch bis in den Mai!

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Der Frühling war schön. Die Pfirsiche blühten rosig um unser Haus, die Apfelbäume prachtvoll, wie mit Rubinen geschmückt, im Baumgarten. Unsere Bienen trugen bis in die Nacht. Sie hatten nicht weit zu den blühenden Fichten, die wie eine grüne pallasthohe Wand den eingezäunten Acker umragten. Wir wohnten in einem endlosen Naturpark, den Ein unermeßliches hohes zusammenhängendes Walddach bedeckte. Und wenn ich am Saume des Waldmantels stand und einen Zweig faßte, so tauchte der letzte Zweig des letzten Baumes am Waldrand drüben ins stille Meer! So verschränkte sich Zweig in Zweig, und ein Eichhörnchen hatte nicht den kleinsten Sprung zu thun und konnte auf dem grünen Waldmeer hinlaufen wie eine Spinne über ein dichtgewebtes Kleefeld. Und welches Wunder war schon nur Ein Baum! Gerad aufgeschossen aus der fruchtbaren Erde wie eine grüne Flamme! thurmhoch, zweigevoll, vom Wipfel bis an den Boden; und die Zweige blüthenvoll an allen Spitzen wie von göttlichem Feuer angeglommen. Ein luftiger duftiger Pallast für ein Vögelpaar, ja geräumig genug für eine ganze Familie. Was für den Menschen eine Reise auf den Chimborasso ist, das war für eine Ameise ein Ersteigen des wie an die Wolken rührenden Gipfels. Ich beneidete manchmal das kleine Thier, das herabkam! denn so Etwas giebt es für Menschen nicht! So wohnt kein König, wie der Papagei in diesen tausend Schattenhallen! Und daß ich größer in Gedanken war, um das zu überschauen und klein zu finden — das machte mich klein, und man sage mir nicht, daß der Mensch alle Genüsse der Erde erschöpfen kann, daß die Natur nicht andere eigene Geschlechter gebildet, denen sie nicht eigene unnachträumbare Freude vorbehalten, ihnen andere Brunnen der Wonne geweiht, unverstanden und unverständlich ihrem Menschen, geheimnißvoll selig neben und um ihn, im Meer, Fluß, im Wald, in der Rose! im Wassertropfen! Ja, wenn ich das ahnte, sah ich die Gestalten des Wolkenzugs mit Erstaunen an, ich hörte mit stiller Bewunderung die Flamme im Holz auf dem Herde sausen und hielt die schimmernde Taubenfeder, die sich wie furchtsam noch vor der Adlerfeder krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte Samenkorn des Zuckerahorns, und den befruchtenden Blüthenstaub, ja die elastische Nadel der Sprusselfichte auf meinem Handteller — und nun erschien mir der unermeßliche Wald erst ein göttlicher Zauberpallast voll geheimen seligen Lebens, ein Wunderwerk der Fee Natur voll eigener Kraft und Herrlichkeit! Und dieß ahnen, dieß träumen — war meine — die menschliche Wonne.

Und dieß Feenreich wollte doch jetzt die Natur zerstören — vielleicht ihrem Menschen zu Nutz und Frommen! Was sollt’ ich denken? Denn nur durch Gedanken war diese Feuersündfluth zu beherrschen, zu deuten, wenn auch der Geist nicht erliegen, erblinden sollte, wie Leib und wie Auge!

Zu Noah kamen Engel, die ihm den Untergang alles Lebendigen, um sich zu retten, verkündeten. Wer kam zu uns in die Wüste des Waldes? Doch nein, die Boten des Herrn kamen auch zu uns. Ein Komet! ein Zweiter! ein Dritter! — Wir Menschen verstanden sie nicht! Es ward Sommer; es war Trockene, Dürre, erstickende Hitze. Meine Pfirsiche, meine Apfelbäume hatten umsonst geblüht! Umsonst der ganze, königreichgroße Wald. Aber zum letzten Male, wie war er schön! Wer wird das hier wiedersehen? — vielleicht selber die Sonne nicht! die ihr Auge nicht zuthun muß wie der Mensch, vielleicht wie das Menschengeschlecht! das Auge, das sie vor ihm aufgethan! Wir konnten das Unheil uns denken! denn die von Gott uns gegebene Vernunft ist gewiß und wenigstens, dem mächtigsten immer uns gegenwärtigen, mit uns lebenden, schauenden, uns leitenden Engel ähnlich. Und so hat Jeder Einen, den Seinen! Das Getreide war vor der Zeit — ohne Körner gereift; die Brunnen versiegten, die Bäche vertrockneten ganz, die Flüsse rannen nur sparsam, das Wasser des Weihers war breit vom Rande zur Mitte gewichen. Die Natur lechzte und schmachtete. Selbst der die Nächte, wie Regen, sonst fallende Thau, der bis auf die Haut näßt, daß die Blätter der Bäume wie nach dem stärksten Gewitterregen perlen und tröpfeln, daß es im Walde des Morgens rauscht — er erquickte die Bäume nicht mehr. Die Stämme waren heiß, selbst des Morgens noch warm, die Zweige matt, die Nadeln bleich und welk, das Laub verfärbt wie im Herbst, fahl und kraftlos, es fiel ohne Herbststurm, ohne Lufthauch! Die Tannen, Fichten und Pechkiefern schwitzten Harz wie vor Angst; der Honig floß aus den hohen natürlichen Bäuten zur Freude der Ameisen. Das hohe Gras raschelte dürr, wenn ein Hauch es bewegte, wie Stroh. Ein Blitz konnte den Wald entzünden! ein Sturm die Wälder entflammen. Sollten wir ruhig sitzen in dem beschränkten Wahne: „Uns wird ja kein Unglück treffen! Wir, wir vor Allen, sind ja Gottes Kinder“ wie manche fromme Frau sagt — (auch meine!) wenn ein Gewitter am Himmel wüthet, und — den Nachbar todtschlägt, der auch so gesagt, und auch Gottes Kind war. — Sollten wir unser Leben dem Wahne vertrauen: kein Hauch werde vom Himmel wehen? Denn nur von dem Hauche und der Kohle eines Indianers hing unser Leben, das Leben von Millionen Waldbewohnern, das Dasein der Wälder ab, die zu Schatten, zu Staube wurden durch ihn. Aber der Mensch, jeden Augenblick von des Himmels Huld abhängend, vertraut ihm auch, wo er ihn warnte, so leicht, so sicher in seiner gewohnten Ruh bis zum äußersten Augenblick!

Er kam.

Eh’ wir noch Etwas sahen, verbreitete sich in der Nacht ein eigener Wohlgeruch; nach einigen Tagen zu herb, zu bitter, zuletzt brandig. Die Augen fühlten sich gedrückt, ja einige weinten, ohne zu wissen worüber, und lachten! Unabsehbare Züge der Tauben flogen, den Himmel verfinsternd und auf der Erde einen flirrenden, wie dahin rauschenden Schatten werfend, über uns weg. Und sie kamen doch sonst erst im Herbste auf unsere reifenden Felder zurück! „Wo ist denn ihr Taubenschlag?“ fragte Okki, der sie zum ersten Mal sah. Wilde, schwere Truthühner folgten ihnen tiefer; sie waren so müde, daß sie in unsre Gehöfte fielen, und die Menschen sie fangen konnten; sie duckten die rothen Köpfe an den langen schwarzen Hälsen auf die Erde und zogen vor der sie fassenden Hand nur das weiße Augenlied über das Auge. Jetzt war in Westen ein Rauch wie Hegerauch zu sehen, der in der Morgensonne erschreckend glühte. Lange, lange weiße Streifen flossen davon wie Ströme in die Thäler. Dünner, dann dichter, und dichterer Rauch überzog das Gewölbe des Himmels; die Sonne schien roth, dann düster und matter hindurch, bis sie ganz aus den Tagen verschwand.

Der Rauch, schwerer und schwerer, senkte sich tiefer und tiefer, bis er wie ein Nebel über uns fiel, Alles ausfüllte wie eine Flut und jedem nachwallte, der in ihm schritt. Alles Leben stockte; ein jeder ging müßig, und nichts mehr wurde gethan als noch gekocht.

Und Ich war der Mann, dem die Sorge für dieses verlorene Dorf anvertraut war! Aber gerade die Erfahrensten beruhigten mich. Neue Ansiedler konnten sich, wie alle Jahre geschieht, Plätze zu Wohnungen, Gärten und Feldern leer brennen, und brenne die Flamme auch weiter als ihr Gebiet sei, wen kümmere das? Zuletzt stehe der Brand an baumleeren Savannen, an Seen, Flüssen, Felsengebirgen; oder Regen und Frost lösche ihn endlich aus. Einer trage des Anderen Last!