Als aber nicht allein Hasen und Rehe, selbst am Tage, vor uns in der Rauchdämmerung wie Schatten vorüber flohen, sondern Hirsche, wilde Ochsen und Büffel; als die Bären brummten, die Wölfe heulten, als selber die schlauen Füchse kamen: da mußte der Waldbrand uns nahe sein, denn Feuer war nicht zu sehen. Als aber ein Elenthier sich gezeigt, aus dem nördlich gelegenen Wald; als Jemand einen Caguar, oder eine Tigerkatze, aus dem südlichen wollte gesehen haben: da mußte der Waldbrand groß sein! Als aber die Menschen aus dem westlich gelegenen Kirchspiel kamen, mit andern noch ferner von ihnen Wohnenden — als sie Menschen begegneten, die aus dem nächsten östlichen Kirchspiel geflohen: da schien es, als habe der Waldbrand uns schon umringt.
Wir hielten einen Rath. Die Nothglocke erscholl.
Wir versammelten uns auf dem freien Platz vor der Kirche. Die Fremden saßen und ruhten, manche selbst ohne ihre Bürden abzulegen, oder ihre Bündel aufzumachen. Unsre Weiber und Kinder vertheilten indeß still Speise und Trank an die Flüchtigen. Niemand dankte; so natürlich war Geben und Empfangen. Andere schlichen in die geöffnete Kirche, den Himmel anzuflehen, und knieten ermüdet, sanken hin und schliefen hart und fest.
In den brennenden Wald können wir nicht! sprach Einer. Aber nur ein Adler, oder ein Mann im Luftball könnte uns führen, wo er nicht brennt! O es giebt einen Ausweg, hundert — gewiß — aber wir wissen sie nicht und fehlen sie! —
Haben wir Lebensmittel genug, rieth ein Anderer, so suchen wir gerade den abgebrannten Wald auf! Die Stämme stehen, wie Ihr wißt, nach dem Waldbrand noch; alle Millionen Schlangen, alle wilden Thiere, alles Ungeziefer der Erde ist dort vertilgt, und nur die Baumstürze sind dort zu fürchten, denn die Wurzeln der Bäume sind mit verkohlt. Aber wie wissen wir den schwarzen Wald!
„Auf die Savannen!“ rief eine Stimme. — „Führe uns!“ erscholl’s aus der Menge. „Wer an den Lorenzostrom gelangte! Das wär’ ein gefüllter Wallgraben der Natur! Das Meer ist zu weit! Und selber die Städte sind vor solcher Feuergewalt nicht sicher. Man hat nicht genug gesengt und gebrannt — nun thut es der Himmel!“
Neue Klagen! alte Rathlosigkeit! Menschliches Wissen und Verstand war blind geworden, Klugheit verschwunden, wie es keine Wolken mehr gab. Und so folgte die ängstliche Menge nur Eingebungen, ja wahren Täuschungen — ihrem Glauben. Ein Häuflein ließ sich von einem lichten Streifen am Himmel, vom Winde dort aufgedeckt — nach Norden hin ziehen. „Dort ist es feuchter!“ trösteten sie sich. Sie nahmen kaum Abschied. Niemand sah ihnen nach. — Andre beschlossen, der Richtung der wilden Thiere nachzuziehen. — „Aber die begegnen sich ja!“ warfen Einige ein. „Das ist albernes Vieh!“ riefen Andre. So zogen sie fort. Ja die Meisten folgten einem alten Manne — bloß weil er Noah hieß! als führe er seine Söhne und sie und alles Vieh in die bergende Arche! —
Und doch lachte Niemand. Das war wohl entsetzlich!
Nun hatt’ ich bloß für mich nur zu sorgen, das heißt für die Meinen. Eoo saß zu Hause und weinte um ihre Tochter Alaska. Aber sie befolgte eilig, was ich rieth: Jagdkleider, wo möglich Alles von Leder, anzuziehen. Auch Hüte sollten uns gut thun. Wie sollten wir fortkommen, hätten wir viele Lebensmittel zu tragen? Fanden wir überall Wasser! — So war beschlossen, die milchende Eselin nur mit dem Nöthigsten schnell zu beladen. Alle Dienstbarkeit hatte aufgehört; kein Mädchen, kein Diener war mehr im Hause zu finden. „Ich gehe fort!“ meldete Eine, nur in die Thür tretend. „Geh’ mit Gott,“ sprachen wir. Eoo ließ die Kühe los, sie machte den Hühnern und Tauben den Vorrathsboden auf, den Papageien das Fenster. Ja sie ordnete Alles und stellt’ es an seinen Ort, als sollten hohe himmlische Gäste das Haus betreten! Und als sie nun Alles besorgt, was ihr Pflicht schien, trug sie uns zur letzten Mahlzeit den großen gebratenen Truthahn auf, dessen rother Kopf noch glänzte. Der kurzen Sicherheit froh, aßen wir still und hätten gern das Mahl noch Jahre wo möglich verlängert! Mich hieß die Wehmuth: den schönen menschlichen Zustand, im eigenen Hause, umgeben von meinen Lieben, ganz mir bewußt, noch recht zu genießen und zu erschöpfen! Aber es mußte geschieden sein. Eoo sprach mit Thränen ein inbrünstiges Dankgebet nach Tische. Sie fiel mir um den Hals. „Gott geb’ uns das wieder!“ fleht’ ich; „wieder so zu sitzen wie heut — nach überstandener Angst!“ Uns sahe ein Gott, er sahe selbst, wie der kleine Okki die Händchen erhob und weinte, weil er Thränen in unsern Augen sah — aber, ich hatte gefehlt — mein Gebet erhörte er nicht.
Ach, es fehlt uns Jemand! seufzte Eoo. Nur das treibt mich fort. Wir fänden den Tod hier so gut wie da draußen! Wir nährten hier die verlassen zurückgebliebenen Alten! wir pflegten die Kranken — o Gott, sie bleiben! Sie bleiben mit sich und mit Gott allein. Doch ich — ich muß fort!