Und so geschahe nun eilig. Die Eselin war mit Tüchern für die Nacht, einem kleinen Bett unter Okki’s Kopf, und mit Bouillon-Tafeln, wie ich sonst mit auf Reisen nahm, und mit wenig anderem Geräthe beladen. Eoo war wie ein Jäger gekleidet — und schien gleichsam von sich selber Abschied zu nehmen; denn sie sah in den Spiegel, und sah über ihre Achsel mich; ihre Augen füllten sich — ich sahe das wohl. Doch Fassung war nöthig. Wir sahen im Zimmer umher — vergessen war nichts, als Alles. Okki freute sich zu reiten, und Eoo konnte dem kleinen eingeborenen amerikanischen Esel nicht wehren, der Mutter zu folgen, besonders da er schon abgewöhnt war, da beide, wo sie leben konnten, auch leicht ihr Futter fanden, und für Okki gesorgt war. Laufen konnte uns doch nicht retten!
Als wir nun schieden, trat ich noch einmal dicht an ein Fenster, hielt die Hände neben das Gesicht wie Scheuleder vor, um nicht geblendet zu sein, und übersahe noch flüchtig das Zimmer, den Aufenthalt von Menschen, die lange darin so glücklich gewesen! In der Mitte stand der Tisch von gesprenkeltem Ahorn! am Kamin der verlassene — Sorgenstuhl! Dort Eoo’s kleines Mahagonitischchen, darauf lag der halbfertige kleine Strumpf! Am Kamin stand Okki’s braungemaltes Wiegenpferd und machte ein schweigendes finstres Gesicht! und im Spiegel sah Jemand, mir gegenüber, herein — der Ich war, und der wunderliche Geist sah mich selber an und äffte mich still. O Unerforschlichkeit des Stillebens! des Scheidens! — Ich schied.
Aber nun selbst wohin in dem Labyrinth der Wälder? Nur nach Umständen konnt’ ich mich richten; sonst hatt’ ich den Compaß. Aber wie Jene dem Allvater Noah gefolgt, so folgten wir jetzt — Ariadne, dem Hunde, der glaubte: wir reisen wieder zu unsrer Alaska!
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Wer nun die Scenen dieses großen Naturschauspiels beschreiben könnte, der muß es nicht gesehen haben! Denn wer es erlebt hat, der konnt’ es nicht fassen, nicht überschauen, vor Größe, vor Schrecken, vor eigenem Jammer oder vor Mitleid; wie Jemand die Schlacht nicht, bei der er in Reih und Glied gekämpft.
So zogen wir hin! Und als der Weg ausging; als die Laschen und Mahle an den Stämmen sich auch verloren; als der Bach eine Wendung machte, war der Hund unser Wegweiser auf der Fährte des Wildes, und wir Menschen nahmen sie an. Es war ein tiefes Schweigen im Walde, und nur aus der Ferne hörten wir zu Zeiten einen verhallenden Schall von Fliehenden, die sich anriefen, um sich nicht zu verlieren im Nebel des Rauches.
So zogen wir bis an den Abend. Eoo breitete nun Tücher, hing Tücher über Zweige, und unsere Hütte war fertig. Wir aßen, wir schliefen, oder glaubten zu schlafen, wir wachten — und glaubten zu träumen, so verworren war unser Bewußtsein. Furcht jagte vielleicht uns schon in der Nacht auf, denn durch den Nebel brach ein sanfter Feuerschein und Glanz, wie wenn man im Flusse unter dem Wasser die Augen aufthut, wenn brennendes Abendroth auf ihm liegt. Nur oben rauscht’ es leis in den Wipfeln; drunten war schauernde Stille.
Am Mittag traten wir wider Vermuthen in einen Eichen- und Buchenwald, der ausgebrannt war. Abgebrannt ließ sich nicht sagen; denn die Bäume standen noch, aber die Stämme schwarz, unabsehbar, ein Anblick wie ein Trauergefolge aus Millionen Trauernden. Aller Unterwuchs war verschwunden; Kräuter, Gerank und Gesträuch; der Wald war eine schwarzgraue Wüste. Nur die Wurzeln oder die Rinde der Bäume glühte noch auf, wenn der Wind daherfuhr. Dann leuchtete und knisterte es tausendfältig. Auch das Laub der Kronen war verbrannt; manches geschwärzt, nur gebräunt, aber Alles versengt und dahin; und nur hin und her erschien eine jüngere Eiche noch mit einigem Grün, wie der Wind die Flammen getrieben und sie verschont, zu andrer Verderben. Graue Eichhörnchen, Füchse und Luchse hatten auf diese verschonten Bäume sich scheinbar gerettet, aber sie saßen still, als wir nahten — sie waren todt, von der Hitze darunter erstickt. Sie hatten die Augen zu — sie schliefen! Ja von dem äußersten Ast einer der Buchen hing, mit der Klapper angewickelt, verkehrt mit dem Kopfe nach unten, eine Klapperschlange herab; ihre schaukelnde Bewegung war nur vom Winde, und sie glänzte und troff von ihrem Fett. Weiterhin fanden wir ein auf dem weißen Gesicht liegendes Opossum, das sich todt gestellt, in der tödlichen Gefahr; aber die Glut war an dem, seinem rettenden Triebe getreuen, Thier nicht vorüber gezogen, ohn’ es mit ihrem Hauche zu tödten! Eins seiner Jungen hatte Athem schöpfen wollen, aber glühenden Tod geschöpft. Der Anblick der treuen Mutter, des armen Opossum-Kindes ergriff Eoo. Sie stand; sie blickte zum Himmel, der nicht zu erblicken war. Hierzu kamen die Fragen des Kindes, dem wir von allem Auskunft geben sollten, oder das uns bat, nach Hause zu kehren, es habe genug gesehen und sei so müde! Dann nahm ihn die Mutter vom Thier und trug ihn, bis er einschlief, und trug den Schlafenden; und wenn ich ihn nehmen wollte, wehrte sie still mir mit ihrer Hand und lächelte mich an. Fühllos aber sprang der kleine Esel mit seinem großen Kopfe tölpisch hinter uns drein. Ich gönnt’ ihm sein Glück.
Auch wir schienen jetzt im Sichern. Nur der Boden war heiß, und uns war, als zögen wir unter scheitelrechter Sonne. Die Richtung des Windes hatte uns gestern gerettet! Ach, die Menschen wünschen sich so unbedenkend „guten Morgen!“ — „guten Tag.“ Das ist eine große, nicht verstandene Erinnerung an die Natur, die all’ unser Leben regulirt! Eine unerkannte Ahnung von dem Wetter, was sein könnte! von den Stürmen der Natur, die in ihren uranfänglichen Tagen brausten — die heut noch herein brausen können über die Welt! Und so sagen die Menschen unbewußt froh: wir haben heut schönes Wetter! und freuen sich der Natur, die so ruhig, so freundlich um sie leuchtet wie ein Stillleben! Und wer bedenkt genug, daß wir Alle vom Wetter leben! Ein Regen bestimmt und ändert der Menschen Geschäfte; ein Sonnentag versetzt’ uns so recht ins menschliche Dasein; ein blauer Himmel macht uns heiter; am trüben Tage stockt das Leben in uns. Eine Wolke macht reich und arm; ein Hauch kann uns verderben! Ein anderer Wind bringt allemal anderes Wetter. — Uns stürmt’ es zur Rettung vor uns dahin, und wir wandelten wie auf einem gewonnenen Schlachtfeld, traurig, aber froh des eigenen Lebens! Wir ruhten, schon im Abenddämmern, auf dem hohen Felsenufer eines dampfenden, wahrscheinlich jetzt heißen Sees. Denn die noch wenigen Bäche führten fast siedendes Wasser ihm zu. Um seine Ränder und Buchten hatte die Waldung gebrannt. Die Sümpfe umher waren sehr eingetrocknet, ihr Wasser hatte sich bis tief in den Grund erhitzt. Die Fische hatten nicht entfliehen können, aber . . . . . Wir hörten jetzt von Ferne es brüllen, wie dumpf eine Heerde Büffel brüllt; nur klang es ängstlicher, und ängstlicher vom Echo wiederholt. Es näherte sich uns. Wir saßen still. Ich hatte das Feuergewehr auf dem Knie. Indeß fürchtet’ ich nicht so sehr, denn vor eigener Angst schonte der Todfeind jetzt den Todfeind. Jetzt sahen wir es springen wie Kälber von Kälbern, mit tölpischem Sprunge, dann ruhte, dann brüllte, dann sprang es wieder! Und so eine Reihe entlang, wie Gespenster, die sich kauernd und springend nahte. — „Ochsenfrösche!“[*] sagte mein Weib mit Lächeln erst, dann mit Thränen im Auge; „sie suchen frisches Wasser!“ — Aber sie irrten entsetzlich! Denn durch unser lautes Anrufen „ho! — ho!“ das sie zurückscheuchen sollte, machten sie nur einen Bogen — und nicht weit von uns sprang die grünliche Schar desto schneller vom Fels in den See, und das Brüllen verstummte — aber sie schwammen nach und nach aufgetaucht, alle ausgestreckt, von dem heißen Wasser verbrüht, auf der Fläche umher. So hatte ihr Trieb sie doch nicht ganz getäuscht — sie waren nun ohne Qual und ruhig. Jetzt sahen wir erst: — bräunliche Biber saßen, aus ihren glühenden Bauen vertrieben, auf den Felsen umher und schienen auf die Fläche des Sees zu starren, die von zahllosen Fischen bedeckt war, die auf der Seite lagen und schimmerten. Große gelbliche Wasserratten krochen darauf umher, und Wasserschlangen suchten matt und mit halbem Leben an den erhitzten Felsen empor zu klimmen und stürzten im Falle geringelt zurück. Ein Flug von Wasservögeln wollte sich an einer freien Stelle in den See stürzen; aber die klugen Führer versuchten das Wasser und schrieen kläglich über die Verwandlung ihres Elements und schwirrten weiter hinauf im Dampfe dahin. Wir aber brachen auf, die Höhe des Berges zu erreichen. Eoo trieb. Denn von droben war die hoch und frei gelegene Meierei meines Freundes, gleichsam meines Kindes Stiefvater, meiner Frau zweiter Mann, von Ferne — eine Tagereise weit — zu sehen, wo unsere Tochter lebte. Lebte? —