Postscript:
„Jeder unehrliche Finder wird gebeten, diesen Fund von 100 Pfund ja abzugeben! den ehrlichen braucht man nicht zu bitten.“
„ut in litteris.“
Wenn das Schiff scheiterte oder versank, warf ich sie in’s Meer. Es kommen ja so viele Flaschen an den rechten Mann, warum nicht auch einmal Eine an die rechte Frau.
Als Tag und Nacht sich schieden, stieß unser Schiff wiederum so heftig auf, daß Jeder, nachdem er wieder aufgestanden war (denn wer saß oder stand, fiel um), nach dem Ersten dem Besten griff, um sich darauf aus dem Meere zu retten. Dabei hatte Clarke den wollenen Waschbesen der Themis erwischt. Ich wollte die Flasche schon werfen. Aber das Schiff ging seinen Weg! es war nicht geborsten. Im Gegentheil mußte das Leck, uns unbegreiflicher Weise, verstopft worden sein: denn die Pumpen wirkten von nun an sichtbar, und wir gewannen nach und nach höheren Bord. Der Sturm hatte sich in einen frischen Wind gemäßigt, die schöne grüne Küste zur Linken war nicht fern, und das öde van Diemensland bot uns den Vortheil, uns nicht zu verirren! Denn der erste Ort, den wir erreichten, mußte Hobarttown am Derwent sein! Wir suchten so gut, als möglich, einige Segel wieder brauchbar zu machen, und der Maler Clarke war der Erste, der nähte, und die andern Weiber dabei anwies. Er war höchst dankbar, daß ich im Schiffe geblieben, und machte mich jetzt mit seinem Vetter, Herrn Tydal, auch einem Maler, bekannt und pries mich ihm als des Schiffs-Meisters Assistenten, den er immer neben dem Steuermann Crabbe am Rade gesehen. Ich dachte zwar bescheiden an das „vom ältern Ochsen lernt der jüngere ackern,“ aber Ich und ein alter Seemann, Herr Wardrop, zuletzt ein Juryst mit dem Ypsilon, waren doch die einzigen Steuer- und Compaß-Kundigen. Nur des Nachts wollte der Geschworne seiner Ruhe pflegen, und ließ Themis Themis sein; denn er sagte: ich bin so grausam in der Welt behandelt worden, daß ich ihr nur Böses schuldig wäre, wenn wir Rechnung machten, und mein Leben kümmert mich nicht, ich werde erst froh, wo es aus ist —
Am fünften Abend erblickten wir die Mündung eines Flusses, und er mußte der Derwent sein. Der Rauch stieg aus Hobarttown auf! Mit großem Ungeschick warfen wir den schweren Anker aus; aber er wurzelte doch, und eben so gut, als wenn ein lahmer Gärtner einen Ahorn setzt. Mich wunderte es ordentlich; aber Alles in der Welt, und die Welt selber ist und wird schon so eingerichtet, daß sie, wie das Sprichwort sagt: mit weniger Weisheit regiert wird. Und erst als wir sicher waren, fiel mir die Heimreise wieder auf’s Herz, Rowlandhill, die Schule, und meine verlassene Taube, die Anna! Ich glaube, ich weinte gar.
Bis spät in die Nacht hielten die Deportirten Rath, ob sie nicht eine Colonie auf eigene Hand anlegen wollten. Mit leerer Hand? fragte Clarke’s Vetter, Herr Tydal. — Oder mit Gemeinschaft aller Güter, wie die am Wabash? setzte der Sprecher fort. Und Tydal widerlegte ihn wieder: Wo Keiner nur etwas Gutes um und an sich hat, da ist auch keine Gemeinschaft der Güter! Nichts läßt sich schwerlich theilen und gemein haben. — Aber wir sind doch frei! fügte ein Dritter; der Capitain hat uns mit sammt dem Schiffe aufgeben müssen, und ob er gleich sich selbst und die Seinen uns zum Frommen als Ballast auswarf, so hat uns doch nur ein Wunder erhalten. — Richtig! schnarrte einer mit heiserer Stimme, mein Hals steht noch schief vom Hängen; aber ich ward wieder lebendig, und keine Seele, geschweige der Henker durfte mir wieder an den Hals. Aber du bist doch hier, Limmerik, warf ihm ein Bekannter ein. — Leider! schnarrte Limmerik, aber für etwas Anderes! Auf Halssachen ließ ich mich nicht mehr ein, sondern speculirte nur auf solche, worüber ich mit drei oder vier Jahr „auswärts“ weg kam. Versuchen wollen wir doch, sprach Herr Tydal, Clarken die Hand reichend, ehrliche Leute zu scheinen, und so Gott will, zu bleiben! — Darauf wird doch keine Strafe stehen! schnarrte Limmerik. Alle lachten, und billigten den von Tydal vorgelegten Plan: sich für Colonisten auszugeben, die nur das Unglück gehabt, Geld, Pässe und Capitain zu verlieren. — Wenn der nur auch wirklich verloren wär’! bemerkte Limmerik. Das Bedenken aber wurde im Punsche vertrunken, über alle Lebensmittel das Testament gemacht, und wir beerbten uns selbst bei lebendigem Leibe, und zehrten Alles rein auf wie vor dem jüngsten Tage.
Wir erwachten Alle erst, als die Sonne schon lange unsichtbar arbeitend am Himmel stand, und Stimmen von Außen uns zuriefen, aus einem Boot, das gewiß schon dreimal um unser Wrack gerudert war. Ich hatte die Schläge mit den Ruderschaufeln daran zuerst vernommen, und als ich mich ankleiden wollte, vor ehrlichen Leuten sehen lassen sollte, bemerkt’ ich den Zustand meiner Kleider, die durch Arbeit, Regen und Gewalt der Anstrengung verdorben, geplatzt, zerrissen, kurz recht jämmerlich waren. Clarke hatte ein wohlverwahrtes Pack mit einer neuen vollständigen Canonier-Offiziersuniform gefunden, mir längst schon hingelegt, und ich konnte nicht lange Bedenken tragen, sie anzuziehen. So nobel-militairisch gekleidet stieg ich auf das Verdeck. — Es war die Hafenwache von Hobarttown, die angeklopft. Nach und nach füllte es sich mit Deportirten. Nach einigen Begrüßungen und Verhandlungen, nahm sie so viele in’s Boot, als es faßte und fuhr ab, mit dem Versprechen mehrere Boote zu schicken. Ich stieg indeß in den Mastkorb, der wie ein Storchnest auf dem Hauptmast stehen geblieben war. Der Maler Clarke war mit seinem Vetter Herrn Tydal schon droben, sie sahen sich um und in das herrliche Land hinein. Mir klopfte das Herz! Wohin sollt’ ich die Blicke wenden, was zuerst begrüßen, nachher bewundern, worauf verweilen? Ich sahe nichts vor lauter Entzücken, ich fühlte nur die blaue Blendung des Himmels in den Augen, Frühlingswärme um mich her! Ich hörte ein Rauschen von den Bergen, ein Wehen in den Wäldern, ein Schwirren und Girren um die Felsen. Oben flatterten eilende Wölkchen, und auch drunten im Wasserspiegel; und der Fluß kam so ruhig mitten hindurch und störte das stille Gemälde nicht. Jetzt war Herbst in Altengland! Die Bäume hatten ihre Früchte getragen, das Feld seine Aehren; dort hing nun Reif um die Berge, Nebel in den Gründen; Spinnen hatten ihr unabsehliches Gewebe über die Fluten und Anger gesponnen, und Thau hing daran und flimmerte, und was kommen sollte, war — der Schnee auf den weißlichen Wolken, und die langen Abende und der kürzeste Tag! Hier kam ich gleichsam in eines andern Meisters Werkstatt, der eben Frühling machte, und doch war es derselbe Meister! Die Theemyrte grünte, die Sprossentanne blühte, junger Mais, selbst junger Lein, war schon so hoch, daß die Lüfte ihn bewegen konnten. Mit leichter Täuschung wähnt’ ich, hier sei es ewiger Frühling, unter den Cocospalmen, den Brotfruchtbäumen das Paradies! Und wie friedlich ruhten die Hütten der Menschen! Wie wuchsen die Kohlbäume, Papierbäume, Cedern und Pisang, da, wo der Mensch sie gepflanzt! Wie bewegte der Wind die Windmühlflügel, wo der Mensch sie ihm, wie einem himmlischen Kinde, zum Spiel hingestellt; wie führt’ er den Rauch von den Hütten, wie Kreisel treibend hinauf in den ewigen Himmel, wo der Rauch zum Wölkchen ward, und fortschiffte mit Wölkchen, still wie ein Lamm, das neu gekauft zu der Heerde läuft. Die Sonne bleichte Leinwand, wo sie die Mädchen hingebreitet und eben begossen, und der Hauch der Luft wehte mir ein Wort, eine Strophe aus ihren Gesängen zu, die mir vorkamen, wie das Athmen der Erde selbst, voll Wohlklang! Weiter hinaus aber weideten Heerden, und die Lämmer fraßen sich satt an Blumen, die Ziegen an Blüthengesträuch, und die Rinder wandelten langsam nach und verloren sich in den Thälern. Dort zogen Schützen in die waldbewachsenen Berge, und über diesen erhoben fernere Gebirge ihre beschneiten Scheitel, wie Greise über junges Volk hinwegragen. Glückseliges Land! rief ich aus. Ja wohl, glückseliges Land! sprach Herr Tydal; hier sind die Kinder Israel nicht in der Wüste umhergerannt, und doch wird Moses und David unter Euch wandeln! Hier haben die Juden Jesum nicht gekreuzigt, und doch wird sein Evangelium zu Euch kommen! Hier ist Cäsar nicht ermordet worden, und doch werdet Ihr frei sein! Hier hat kein Mönch einen Kreuzzug gepredigt, und doch werdet Ihr Bäume, Künste und Gelehrsamkeit des Morgenlandes haben! So alles Frevels, aller Verbrechen, alles Blutvergießens überhoben, werdet Ihr die Ernte von Europa gesammelt, gedroschen, geworfelt und rein genießen! — Glückseliges Land, rief ich darein, sei gesegnet, wenn ein Schulmeister auch segnen, oder Segen erbitten kann. — Und ernster fuhr Herr Tydal fort: ich habe dich gesehen, Ulimaroa, das Land, wohin Alles sich hinüber retten wird, was bei uns gedrängt fliehen wird; wo auskeimen wird, was bei uns verweset. Nun ist mir schon wohl, und freudig kehr’ ich einst wieder selbst zu der vorher ausschweifenden, nun dafür zu Tode curirten alten Betschwester Europa, und sterbe noch im Vaterlande, und bleibe dort in die Erde gesenkt bei den Meinen! —
Clarke schwieg und hatte nur seine Freude an dem schönen begeisterten Mann, den er seinen lieben Vetter nannte, umarmte und zärtlich küßte. Auch ich war so begeistert, daß ich glaube, ich hätte hier müssen mein erstes Gedicht machen. Mir war in meinem Leben zuvor nie so leicht, so frei, so wonnig zu Muthe, und auch nicht so schwer, so beklommen; die Gedanken drängten sich mir gewaltsam auf, und nahmen mich ein — aber sie überwältigten mich. So ist der Mensch! Heut hab’ ich Mühe, sie nur nachzudenken; und wenn ich auch einige wiedererhascht, so fehlt mir schon das Gefühl, das sie begleitete; doch bin ich noch davon gestärkt. So wächst ein Baum von dem zurückgelassenen eingedrungenen Wasser aus sanften befruchtenden Gewitterwolken, die mit ihren Schauern, ihren Rosenblitzen längst entwandelt.
Nun kam das Boot, auch uns abzuholen. Wir wunderten uns nicht wenig, daß keine neugierige, müßige, lumpige Menge am Ufer stand, uns zu betrachten; nicht ein Kind! Ganz Hobarttown war still, wie eine Kirche. Auch das mußte mir gefallen. Als ich ausstieg, präsentirte eine Wache an einem schönen öffentlichen Gebäude vor mir das Gewehr, und ich legte die Hand verkehrt an den Hut — in meinem Leben mein erster Betrug! Ich war gewiß roth geworden, das Gesicht war mir warm. Meine Gefährten fand ich in einer Art Börsenhalle, umhergehend, und nicht recht wissend, was sie thun oder reden sollten. Ich hatte ihren Steuermann vorgestellt, und Ein Dienst, oder Ein Amt macht ja Collegen! Indeß die meisten einige Erfrischungen, ohne Zweifel auf Credit, zu sich nahmen, trat ein Herr aus Hobarttown unter uns, den ich nur von den Füßen aufwärts bis an die Herzgrube anzusehen wagte; aber auch so schon vermuthet’ ich, daß er ein heitrer rothbackiger Mann sein mußte, denn auf einem dicken Bauch steht ein fröhliches Haupt. Er hatte sich an einige Frauen gewendet und erfahren, daß wir mit dem Schiff Themis, Capitain York, gekommen wären. Er nahm einige Prisen Tabak hinter einander, während er einen bekümmerten Blick umher that, und sagte: Ja, den erwarten wir! Clarke klagte ihm mehr unser Unglück, als er es erzählte. Also der Capitain und die Mannschaft fehlen! wiegte der dicke Herr mit dem Kopfe — und die Deportirten! setzte ein sonst ehrwürdiger Herr hinzu, der uns Alle für rechtschaffene Auswanderer gehalten wissen wollte, indem er der Frage nach jenen, welche dem dicken Herrn auf der Zunge schwebte, vorzubauen gedachte. — Capitain York ist zwar ein höchst braver Mann, und verbirgt seine Menschenliebe gern unter seinem barschen Wesen; aber daß er die Deportirten eher geborgen, als Sie, verehrte Herren, scheint mir zu unhöflich von ihm, sagte er lächelnd; darf ich um ihre Pässe bitten? — Unsere Pässe! schnarrte Limmerik. — „Die meine ich, ja!“ —