Armer Alter! bedauerte ihn Herr Roßborn; und in die Vorstellung des Geschworenen eingehend, sprach er zu seiner Beruhigung: Freilich sind viele Gesetze nur versteinerte Meinungen alter, vorlängst versteinerter oder gleich steinharter Menschen; und nach Meinungen sollte man nicht verdammen, und auch Meinungen nicht; denn sie ändern sich. Kein einziges Verbrechen in der Welt, seit sie steht, ist zweimal begangen worden; jedes war anders: denn die Menschen waren immer Andre, die sie begingen; also die Gesinnung, und was den Hauptunterschied macht: die Veranlassungen, die Umstände! Es sind also noch nicht Gesetze genug; jeder Fall verlangt also ein neues — oder Alle verlangen: geschworene Richter! Sie haben also einer ehrwürdigen Anstalt gedient — dabei nahm er seinen Hut etwas ab. — Aber, warf der arme Mann ein: der Richter ist vergebens weise, mild, menschlich, und ein Christ, wenn er nach alten, nach grausamen Gesetzen richten muß! — Dafür ist die Gnade des Königs, das einzige wahre Gesetz, das Gesetz der Liebe — sprach Herr Roßborn, und hier um uns sind hundert lebendige Beweise davon! — Dabei nahm er wieder seinen Hut einen Augenblick ab, und da er Zeit gewinnen zu wollen schien, und sich manchmal wie nach der Wache umsah, fragt’ er einen Blinden, warum er denn hieher gekommen? —

Fragt meinen Vater, Herr! antwortete er. —

Der bin Ich! sagte ein untersetzter starker Mann; ich, Meister Cornbull, der Fleischhauer. Mein John wollte sich das Stehlen nicht abgewöhnen lassen, so oft ich ihn auch nur durch schweres Geld gerettet. Und da ich Thor glaubte, die Augen verführten nur zum Bösen und fehlten nur, so macht’ ich — den Fehler gut! Dafür bin Ich nun hier! Bin ich nicht unschuldig? half ich nicht zur Ordnung? hatt ich nicht noch fünf Kinder, die mein Geld besser brauchten? Aber mein durch mich blinder John hörte noch den Klang des Geldes, und fühlte das Gewicht, und stahl wieder, das Rabenkind! und darum ist Er hier. Aber hätt ich ihm auch die Ohren abgeschnitten, und die Hände salvirt, so hätt’ er noch Pech an die leeren Aermel gestrichen, die Zunge zum Diebe gemacht, oder einen Hund abgerichtet, wie wir einen mit haben, als Deportirten, indeß sein Herr Diebsmeister zu Hause sich gütlich thut und uns auslacht! Kurz, er ist mein Sohn nicht mehr! und ich hoffe, daß auch Sie ihn nicht bessern, sonst sollten mir seine pfiffigen Augen erst leid thun! —

Zwei andere verwogene, noch rüstige Männer traten indeß Herrn Roßborn an, und forderten gute Behandlung. Ich heiße Hogg, und mein Camerad Woost, sprach Hogg. Wir im Alter erst geizigen, armen Schelme hatten uns wegen Theilung unserer Beute bei einem Fange auf der Straße vor Gericht verklagt, und der Richter ließ uns Beide gefangen setzen! Ist das erhört? Waren wir verklagt wegen Diebstahls? Hatte man Zeugen? Darf man in Altengland nicht mehr treiben, was man will? Ueber meine Person und Thaten bin Ich Herr. Thue ich gegen das Gesetz, das kann nur heißen: sehen mich die Augen des Gesetzes die 24,000, der 12,000 Auflaurer in London; ergreifen mich seine Arme, die Häscher; verdammt mich seine Zunge, der Richter: dann verfall’ ich seinem Arm, dem Henker. Aber kein lebender Mensch hat Macht über mich; nur der Buchstabe, der todte Buchstabe, sag ich! Himmelschreiend ist’s, daß wir verwiesen sind, so gut, wie das halbe Dutzend, welches der Sheriff angewiesen hatte, mitzustehlen, um eine Bande zu ertappen; aber da es mit ertappt wurde, war der Sheriff todt, und nur aus Gnaden ist es lebendig; da steht’s! —

Herr Roßborn schnupfte wieder, und fragte dann die Beiden: Auf wie lange seid Ihr verwiesen? Woost antwortete: auf 40 Jahr zusammen; einzeln Ich 20, und 20 Hogg. Wie alt seid Ihr? fragte Roßborn weiter? — 130 Jahr zusammen, antwortete Woost, einzeln 67 Hogg, und 63 ich Woost. Also ungefähr 10 Jahr nach Eurem Tode können erst Eure Verwandten Eure freien Gebeine sich holen, versetzte Herr Roßborn; hütet Euch vor Ketten; denn wer in Ketten nur eine Prise Tabak stiehlt, wird gehangen. Dabei ließ er sie gefällig aus seiner Dose schnupfen. So werdet ihr alles Andere bekommen, was ein Mensch bedarf, sagt’ er.

Indeß waren einige sehr wohlgekleidete Herren hereingetreten, welche Roßborn höflichst begrüßte. — Nun? fragte der Eine, werden Sie dieß Mal Bedacht auf uns nehmen können? —

Zu dienen! antwortet’ er, sehen Sie sich um! Wessen Sie sich annehmen, für den mögen wir nur bei Zeiten ein Stück des schönsten Landes abmessen! —

Nach einem Gange durch die Halle kam der ernste, hagere Herr wieder in unsere Nähe, und indem er die Blicke auf mich und Clarke mit Wohlgefallen heftete, wobei er jedoch, wie falsche Menschen thun müssen, mit den Augen blinzelte, schien er Roßborn nach uns zu fragen. Clarke’s Vetter, Tydal, der es bemerkt, und bisher geschwiegen, trat zu Roßborn, und sagte bescheiden: ich empfehle Ihnen diesen jungen Mann zu guter Behandlung, er heißt Clarke und ist ein Maler. Seine Armuth und seine Kunstliebe und ein in Strandstreet ausgehangener illuminirter Kupferstich von dem reizenden Hobarttown, haben ihn zu der Habhaftwerdung von so wenig Farben und Malergeräth hingerissen, als ihm besonders dazu nothwendig waren, seine Deportation hierher zur Folge zu haben; sonst ist er unschuldig!

Clarke erröthete hoch. Und Sie, redete Roßborn mich lächelnd an, Sie haben gewiß auch nichts begangen? —

Ich? in der That aber gewiß nichts! erwiedert’ ich verlegen. —