Also wieder ein unschuldiges Kind! wie heißt es denn? —

Lambton! stammelt’ ich kleinlaut, meinen Namen unter so drückendem Verdacht zu nennen. Ich erzählte ihm darauf meine Geschichte, und Clarke wollte sie bestätigen. —

In der Ukraine, wie ich glaube, bemerkte ihm Roßborn, bedarf es Sieben Bauern, um gegen oder für einen Edelmann zu zeugen; hier ist noch mehr wie Ukraine! — Darauf wollt’ ich mein entscheidendes Zeugniß, vom Capitain, Steuermann und Stewart unterschrieben, hervorlangen, und suchte es dringlich, aber — vergebens! Das war wohl ein Jammer, und machte mich noch verlegener und verdächtiger! Der Capitain muß es haben, er wollte es noch untersiegeln! — entschuldigt ich mich ängstlich.

So warten wir auf den Capitain! morgen geht eine Golette ihn aufzusuchen; sprach Roßborn geduldig und ohne Bitterkeit. Wenn Sie Lancaster-Schulmeister sind, und nicht Canonieroffizier, Herr Lambton, kommen Sie uns wie vocirt! Wir wollen nicht hinter Georgtown, uns nördlich gegenüber, zurückbleiben, das schon seine Lancaster-, ja seine Sonntagsschule hat. Und wie noch keiner aus dem gefahrlosen Völkchen der Schneider hieher verwiesen worden ist, so fand ich auch noch nie einen einzigen Lancasterschüler, und deren Zahl muß doch Legion sein! Selbst nicht einmal vor Gericht erschienen ist noch je auch nur Einer. Sie sind also willkommen, Herr Lambton, und gehen indeß mit Herrn Clarke in das Haus des eben so angesehenen, als reichen Herrn Samuel. — Während er uns in seine Schreibtafel aufzeichnete, fragt’ er noch, wie alt ich sei. Ich sagt’ ihm: Sie erlauben, daß ich eigentlich erst 5 Jahr alt bin. — Das hieße richtiger 5 Jahr jung! Aber wie versteh’ ich das? sind Sie ein Riesenkind? — Das nicht, erwiedert’ ich; aber ich bin an dem raren 29sten Februar geboren, und Anno 1800 ist der Schalttag ausgefallen, so hab’ ich am letzten 29sten Februar 1816 erst meinen fünften Geburtstag gefeiert. — Sie sind also gegen 24 gemeine Jahr alt, nach gemeiner Menschen Rechnung! Ich wünsche Ihnen auch die Zahl der Lebensjahre gemeiner Menschen! Sie sind gewiß ein Glückskind! lächelte Roßborn. Alles Andere wird Ihnen Herr Samuel sagen und erklären, Arbeit und Gehorsam!

Er empfahl sich diesem, und wandte sich nun zur Versorgung der Andern. Tydal nahm mit Umarmung und Thränen von seinem Vetter Clarke Abschied. „Auf Wiedersehn alle Sonntage!“ versprachen sie sich. Darauf übernahm Herr Samuel mich und Clarke.

Da wir uns Beide, indem wir ihm folgten, noch oft mit bekümmerten Blicken nach den Zurückgebliebenen umsahn, was aus ihnen werden würde, tröstete uns Herr Samuel von selbst darüber und sprach: Seid ruhig, lieben jungen Freunde! Wer hier nicht in tadellose Familien als Hausgenosse und Arbeiter gegen einen mäßigen Lohn untergebracht werden kann, bekommt sogleich Mittel, das Geschäft, welches er versteht, anzufangen, bis er es auf eigene Rechnung vermag, und sein eigenes Hauswesen gründet. Arbeiten lernen, Menschen werden — ist ihre Strafe; durch Beleidigung Anderer sich nichts Böses thun, ihr Pensum. Wer so klug ist, das zu lernen, wozu doch wenig Kopf und Herz gehört, wird mit Ländereien belohnt, die er sich anbaut. Um ihm dabei an die Hand zu gehn, bekommt er Neuverwiesene zur Hülfe, die sich wieder bei ihm Haus, Ländereien und Gehülfen erwerben. Und das so fort. Die Uebrigen arbeiten für die Colonie. Aber man sollte aufhören, Uns immerfort neue — Colonisten zu schicken. Man schicke sie dem Lande. Jeder bessert sich selbst am besten. Die neuen Brauseköpfe stören uns nur zu oft. Wir sind friedliche glückliche Bürger, unsere Herzen sind ausgeheilt und fest, ja wir deportiren schon selbst in die Inseln, und allemal steigt uns die Röthe in’s Gesicht, wenn wir ein neues Kronenschiff beilegen sehn. Aber das gehört noch mit zu unserer Strafe! Denn damit Ihr Euren neuen Hausherrn kennt, sag’ ich Euch unverhalten, daß Ich auch ein Deportirter war. War, wohlgemerkt! Einer von denen, die zuerst hier ankamen, und das Alles erst mit einrichten halfen, was ihr fertig seht. Ihr werdet es unvergleichlich besser haben!

Fast am Ende der Stadt gewahrt’ ich einen schönen Brunnen am Wege, und sah hinein, indeß Herr Samuel vorausging. Was erblickt’ ich! Tief und geräumig ausgemauert und reinlich, enthielt er eine niedrige Pumpe in seinem Grunde; aus dem vorüberfließenden Bache fiel ein abgeleiteter Strahl in denselben hinab. In dem davon unten gesammelten Wasser stand ein junger Mann schon bis an die Lenden umspült; es schwoll allmälig höher und höher, und ich sahe vor Augen, er mußte zuletzt ertrinken, wenn er nicht pumpte! Er stand mit übergeschlagenen Armen. Besorgt um ihn, rief ich ihm zu. Er sah empor, und ich traute meinen Augen kaum, als ich unsers alten ehrwürdigen Rectors Sohn, den falschen Spieler auf Jamesstreet in London, an dem Gesicht erkannte, das von der hinabfallenden Helle des Himmels erleuchtet erschien. Verlegen begrüßt’ ich ihn ehrerbietigst, und machte einen Diener nach dem andern hinab, und entschuldigte mich, ihn hier drinnen gesehen zu haben. Er aber griff zum Schwengel der Pumpe, und pumpte gelassen und träg, wie ein vornehmer Herr arbeitet, nur aus Noth, nicht zu ertrinken, mit den Händen, die vorhin nur Karten gehalten. Herr Samuel, der mich vermißt hatte, kam zurück, und da er mich neugierig sah, sagt’ er: Das ist der Appelmannsborn! Herr Lambton, worin die vornehmen Sünder an Arbeit gewöhnt werden. Und nach einigen Monden Uebung werden die Hände gangbar und geschmeidig; jede andere Arbeit wird ihnen auf diese leicht, und darum werden sie dann auch willig dazu, und ihr Lebensglück ist gegründet! — Im Gehen erklärt’ er uns weiter: Ich verschrieb gleich im ersten Jahre Sämereien aus Holland, und statt des Samens ist der Zettel aufgegangen, in welchem sich jener befand, und trägt nun gute Früchte! Das Blatt war Seite 302 und 3 aus Philipps von Zesen Beschreibung der Stadt Amsterdam, wo 1595 unter den vier Bürgermeistern Reinier Kant, Balzar Appelmann, Bartel Krumhaut und Jakob Buhlensen das Clarissenkloster in ein Arbeitshaus verwandelt, und Isebrand Benne, Isebrand Harmann, und Heinrich Bauch zu Zuchtmeistern bestellt wurden, die alle verstellte Besessene, Taube, Blinde und Lahme von der Straße durch den segensreichen Appelmannsborn zur Arbeit brachten. Da war auch „das Zimmer der Unsichtbaren,“ als ungerathener Kinder und böser Weiber, welche der Mann zum Schein in das Bad schickte, die aber unterdessen hier gebessert wurden, ohne Schande davon zu haben. Ein solches Zimmer der Unsichtbaren ist nun zwar ganz van Diemensland, aber den Appelmannsborn können wir nicht entbehren, und mit gutem Gewissen ihn recommandiren!

Herr Samuel führte uns am linken Ufer des Flusses hinauf, während er uns die schönen Meiereien zeigte und ihre Besitzer nannte. Als wir unter Bewunderung der reizenden Lage bis dahin gekommen, wo der Derwent eine Wendung nach Morgen macht, wodurch gegenüber ein malerisches Vorgebirge entsteht, von den frischesten höchsten Platanen bewachsen, wendeten wir uns links in ein mäßig breites Thal, welches sich sanft nach Abend erhob, wie ein rückwärts hingelehntes Gemälde. Hier lag seine Meierei in einem großen Park. Ein klarer Kieselbach rauschte in mehrern kleinen Wasserfällen, die in der Sonne blitzten, uns entgegen, als wir den sanften Weg hinanstiegen. Unter blühenden Apfelbäumen standen kleine niedliche Tischchen, Bänkchen und Stühlchen, um welche viele kleine Mädchen und Knaben versammelt waren, eine kleine Schule voll, die unmöglich alle Herrn Samuel gehören konnten, und also Kinder aus der Stadt sein mußten, die hier spielten. Gleichwohl hatten sie sich allerhand herrliche Blumen und prachtvolle Blüthen abpflücken dürfen! Die Mädchen putzten sich mit den Granatblüthen, ließen einander — diese von ihrer Winterfeige, die andre von ihrer Orange essen. Die Knaben verfolgten sich mit blühenden Nectarinenzweigen; die größern liefen fliegenden Eichhörnchen nach; die kleinern kollerten abgefallene Cocosnüsse den Abhang hinunter, oder hämmerten daran. Jetzt kamen sie um Herrn Samuel und langten an ihm herauf, und hingen sich an ihn. Das ließ er zu ihrer Gnüge geschehen. Durch blühende Sträucher und üppige Baumgruppen, mit unzähligen Singvögeln und Papageien besetzt, kamen wir an eine Brücke, wo sich das Thal in zwei schmälere Gründe theilte, welche sich in der Entfernung immer weiter aus einander zogen. Aus jedem derselben rauschte ein Bach her, welcher sich hier mit dem andern in seiner Natursprache murmelnd begrüßte und, wenigstens doch vor seines klaren Laufes Ende mit ihm vereinigt, eilte, die Wasserfälle zu bilden, die uns geblinkt hatten. Jetzt betraten wir den mit einem sogenannten unsichtbaren Zaune umgebenen Ziergarten des Parks. Er nahm den Abhang der zwischen beiden Bächen hoch in der Mitte liegenden breiten Ebene ein, auf deren vorderem Raume ein einfach geschmücktes geräumiges Wohnhaus uns entgegen schimmerte. Als wir droben auf dem kostbaren Rasenstück vor demselben angelangt waren, wendeten wir uns erst, um die Aussicht zu bewundern. Denn wirklich war sie wundervoll. Uns gegenüber das Vorgebirge mit seinen Platanen; rechts und links zu unseren Seiten das fruchtbarste, sorgsamst bestellte Feld; vor uns im Thale der majestätische Fluß, in demselben hie und da kühn und hoch emporsteigende Felsen, wie Pfeiler einer uralten Riesenbrücke, oben mit überhangendem Gebüsch gekrönt, von girrenden Tauben bewohnt, und weißen Wasservögeln umschwärmt. Rechts weiter hinaus der Meerbusen von sanften Hügeln umlagert, voll immergrünender Bäume; in seinem Schooße die sicher ruhenden Schiffe von schwarzen Schwänen und Enten umsteuert; uns zu Füßen die wohlgebauete Stadt, jedes freundliche Haus in seinem Garten, in seinen Blumen! Und nun erst die röthlichen Ufer des Derwent hinauf; hier Cocospalmen, weiter hin einzelne Mahagonibäume, die, wie neugierige Kinder, sich bis an die steilen Abhänge gewagt, sich mit ihren Wurzeln anklammerten, um hinunter zu sehen; andere, die auf blumigen Hügeln, wie Wanderer vor Verwunderung, stehen geblieben zu sein, oder dem Fluße immer weiter entgegen zu gehen schienen, bis wo er in Nordwest aus Marmorfelsen hervorglänzt.

Und doch bot sich die schönste Aussicht uns erst hinter dem Hause dar. In bequemer Nähe lag der reinliche geräumige Meierhof in Frucht- und Küchengärten; noch weiter hinaus die Schäferei, und hinter derselben die fette grüne unabsehliche Trift in immer blasserem Schimmer bis hin an die sonnigen Berge, von Thälern und Schluchten durchbrochen, durch deren Lücken die fernern Gebirge hereinsahen nach der nie gesehenen, reizenden Pflanzstadt. —

So sieht ein englisches Kind von 15 Jahren aus! bemerkte Herr Samuel, immer noch mit Vaterlandesstolz, als wir in die schöne Rundansicht versenkt schwiegen. Hier kann ein Engländer England vergessen! rief ich aus. Wenn er muß, und dann noch nicht, erwiederte Herr Samuel mit leisem Tone. — Wenigstens Rowlandhill mitten im Lande, schränkt’ ich ein. — Rowlandhill! wiederholt’ er. Ihr seid von Rowlandhill? Lambton! frug er mit einem düsteren Blicke, der keine Antwort begehrte. Er setzte sich auf eine Marmorbank und zeichnete mit dem Stocke ein T in den Sand, machte ein Ausrufungszeichen dahinter, und verzog Alles wieder. Wen er aber mit dem H gemeint, welches er aus Punkten in die Erde gestochen, den schien er gleichsam durch tiefes Einbohren mit der Spitze des Stockes erstechen zu wollen. Als er darauf in sich versunken lange sitzen blieb, gingen wir, schüchtern gemacht, indeß auf das Haus zu. Aus der Thür trat uns eine reinliche, braungekleidete Alte entgegen, welche mit scharfen Blicken ohne Gruß an uns vorüber eilte, da eben Herr Samuel rief: „Frau Russel!“ Dieß war also ihr Name, der mehr sagt, als wenn ich sie beschreiben wollte, und sagen, sie war eine halbe Kalmuckin, rauh, ja roth, hatte dunkelrothe Backen u. s. w. Nachdem sie mit Herrn Samuel einige Zeit vor ihm stehend gesprochen hatte, kam sie wieder zu uns und hieß uns willkommen, indem sie einen Schlüssel aus dem ihr anhangenden Bunde suchte. Wir freuten uns erstaunend, sie zu sehen, scilicet mit Worten; aber im Herzen war die Freude noch zu ertragen. Doch muß ich ihr nachrühmen, daß sie so viel Sittsamkeit besaß, die etwas steile Treppe nicht vor uns hinaufzusteigen; sondern sie commandirte uns im Rücken wie ein braver Offizier: vorwärts! — links! — über den Saal! — rechts in das kleine Giebelstübchen mit einem Bett, — welches sie mir und Clarken anwies. Clarke wollte einige Einwendungen gegen das Schlafen in Einem Stübchen und in Einem breiten Himmelbett machen mit bevorstehenden heißen Nächten, Enge des Bettes; aber sie entschied: Miß Lisanna könne erst in 14 Tagen mit den neuen Betten fertig werden, welche sie nähe und stopfe, da ihr die Sorge für den Garten obliege; und sie selbst habe Haus, Küche und Rauchkammer zu versehen!