Clarke sahe meine Angst jedes Mal von weitem, mitten unter seinen geduldigen Lämmern, und ich verstand an seiner Bewegung recht gut, daß er sich todt lachen wollte. Ich bedauerte ihn, und dachte; Schafe hüten ist keine Kunst, aber Rindvieh. — Lisanna brachte uns das Mittagsessen in’s Feld, und sie tröstete mich freundlich, ob sie gleich nur mit Mühe das Lachen verbiß; die Thränen aber standen ihr in den Augen. Betrübt und ernst, wie ich wohl Ursache hatte zu sein, sah ich vor mich nieder und hätte auch lieber geweint. Dann wußte sie es zu machen, daß sie beim Hinreichen des Korbes meine Hand berührte, oder ich die ihre mit faßte — darauf enteilte sie. Sie ist ein Engel, der Engel Tobiä! sprach ich zu mir, während ich mich in die Blumen zum Essen setzte und ihr nachsah, und sah — wie sie neben Clarke sich setzte! und lange mit ihm sprach! Das war auch ein Jammer. Doch wenn ich unterdeß im Grunde des Körbchens noch Orangen, Feigen und frühe Nectarinen fand, die sie mir versteckt: so wußte ich nicht, was ich denken sollte. So lieb mir sonst Clarke war, so verhaßt und täglich verhaßter ward er mir nun. Traf uns Lisanna zuweilen beisammen, setzte sie sich zu uns, so sprach sie mit Ihm, sahe Ihn an, während der Wind ihr das schwarze Haar über die Wange wehte, oder ein Wolkenschatten über uns hinflog, und sie wieder hervorglänzte, als verkläre sie sich und schwebe. Das Alles mußt’ ich mit ansehn! Und sie bemerkte, ohne herzublicken, daß ich sie ansah; und doch sahe sie mich nicht an, und sprach nur desto holdseliger mit ihm, und lächelte so hold, so lieb! Wenn Clarke nicht dabei gewesen, wäre ich ihr vielleicht um den Hals gefallen — vielleicht auch nicht, wie die Russel sagt. Und doch verdroß es mich von Ihm, wenn er so unbescheiden war, ihre Hand im Gespräch zu ergreifen, ja ihr die Locken aufzurollen, wenn sie zwischen uns saß, aber immer näher an seiner Seite. Erbittert stand ich dann auf, und schlug nun erst das Rind, das zu Schaden fraß, wozu ich vorher nicht Zeit gehabt; so pflichtvergessen konnt’ ich sein! Dann aber blieb auch Lisanna nicht bei Clarke, und das war mein ganzer Trost. Kurz an meiner Eifersucht merkt’ ich, daß ich — daß ich — armer Lambton! Ich hätte das nie gedacht, ach — weil ich es nie gefühlt, ja nicht geträumt — das Wort, das umgekehrt Roma heißt! Mehr kann ich nicht sagen, ich schäme mich vor mir selber. Auch sucht’ ich mir nichts merken zu lassen. Aber Clarke hatte zu schlaue Augen, und lachte mich aus, wenn wir allein waren. Er versicherte mich, von Ihm hab’ ich nichts zu fürchten, und dabei sah’ er so ehrlich aus, daß ich ihm gern geglaubt hätte, wenn es ihm nur nicht wiederum auch lieb geschienen, daß ich eifersüchtig auf ihn war. Warum? war mir undeutlich. Er ist einmal ein eigner Mensch. Grade so wie er aussieht, liegt ein schöner marmorner Jüngling auf einem gesteppten Pfühl in Sir Horazio’s Bibliothek. Ich dächte, er nannt’ ihn einen Aphroditenhermes. So war’s doch; und so ist Clarke. Und hatte sich ihm Lisanna nicht halb vertraut? Denn er wußte und sagte mir: daß sie nicht Sir Samuels Tochter sei, daß sie der Frau Russel als ihrer Pflegemutter am nächsten angehe. Denn weder Findelhaus, noch Waisenhaus gebe es in Hobarttown. Was bedürfe aber eine Waise dringender, als Eltern, oder doch einer Mutter, so arm sie sei, und Pflege, Lehre und Liebe, so gering sie sei. So gäbe man Waisen an gute kinderlose Eltern, um Zweien so gut, wie möglich, zu helfen. Und mit schwerer Hand freilich, aber doch thu’ ihr Frau Russel alles Gute. Dagegen bleibe Sir Samuel so launisch gegen sie, daß sie ihn durch die größte Stille, den emsigsten Fleiß bis tief in die Nacht, doch nimmer zufrieden stelle. Es sei ihr drückend, daß er ihr Alles wie nur aus Erbarmen gewähre, ja zuwerfe — doch hasse er sie nicht! Er beweise ihr wiederum so viele, viele Güte, Zärtlichkeit, ja etwas Wehmüthigeres, als Liebe, ach, nur nicht lange! Er halte ihr Lehrer — und schicke sie wieder fort! Er lasse sie sticken und zeichnen — und verderbe ihre Zeichnungen und Stickereien! Oft schenk’ er ihr schöne Kleider, und sehe sie gern darin; dann müsse sie sich einfach, ja schlechter tragen als die malayischen Mädchen Talo und Ofa, und sehe sich bloß in die Küche verwiesen, und dürfe selbst nicht am Tische erscheinen, woran doch sogar der kleine arge Hobday esse, und Talo und Ofa, und nun Herr Clarke — und Herr Lambton! — — Das Alles that mir zu hören noch mehr wohl, wie weh! Denn wie sich zur Liebe für dieß schöne gute Wesen noch Mitleid gesellte, dann schmolz mich gleichsam ein wehmüthiges Gefühl; und hatte ich sie bisher schon geliebt, jetzt hätte ich sie fast angebetet. Aber Sir Horazio sagte, wenn er von den schönen Madonnenbildern in Italien sprach: „Ein Weib werde mehr, wenn sie nur ein Bild erscheine! Denn das Vollkommene sei sich allein immer gleich, und darum auch in vollkommener Ruhe. Darum erlangten die Todten auch schon etwas Heiliges und Göttliches über uns, die wir mit zitterndem Herzen vor ihnen stünden, sie beweinen — und ahnen: daß vollkommene Ruhe vollkommene Seligkeit sei. Und der Todte sei ein göttliches Bild, und ein Bild ein göttliches Todtes. Wenn nun ein Weib uns anders nahe, als in der Gestalt, in welcher wir sie zuerst geliebt; wenn sie nun auch gehe, esse, schlummere, rede, nur ein anderes Kleid anlege, dann werde sie gleichsam so vielmal verdoppelt, als wir sie anders in anderen Tagen gesehen, und es fehle ihr die eine, die selige Gestalt; Deßwegen bete man jene Bilder wohl an, weil sie nur Bilder sind.“ — Sonst glaubt’ ich Ihm das fast; jetzt — jeden Tag weniger, da ich an Lisanna sehe, oder an meiner Seele, daß die Liebe ein immer Neues, Schaffendes, Belebendes ist — und die Liebe ist ja das Vollkommene! und doch ist mir — mir Lisanna’s erstes Bild das liebste von allen, welche ich von ihr in meiner Seele, wie in meiner wahren ruhigen Wohnung aufstelle, oder wie in einem Rahmen an den Orten wieder erblicke, wo sie mir in andrer Gestalt erschienen. Und so habe ich schon eine Madonna mit dem Sympathievogel, eine mit dem Schnabelthier, eine mit dem Lamme, und eine mit Lambton; also vier Gemälde, so gut wie Sir Horazio, die ich mit seinen nicht vertausche; und vielleicht kommen noch mehrere hinzu — vielleicht auch nicht!


Sonntag Abend.

Unsere Englischen Geistlichen haben den Vers verkehrt verstanden: unser Herr Gott arbeitete sechs Tage an der Welt und ruhte Einen; sie arbeiten Einen und ruhen sechs. Nur den armen Schulmeistern hat man den Text richtig ausgelegt. Immer freut’ ich mich daher auf den Sonntag; und wenn ich ihn wieder herangelehrt und gekämpft, und noch müde vom Joche ihn früh für einen gewöhnlichen Tag hielt, bis ich den Küster hereintreten sah, den kind-hohen Kirchenschlüssel auf den Arm gehangen — dann ward mir gleich so wohl, so feierlich zu Muth! Himmel und Erde sahen mir auf einmal so geistlich, so geschmückt aus, und wenn es auch draußen neblig war, daß ich die Lindenstämme vor meinen Fenstern nicht sah. Heut’ ist mir wieder so wohl! Es ist Sonntag in der ganzen Welt, auch für Clarke und Lambton, und jeden geplagten Schulmeister, wie für die Ochsen und Schafe; und der Mensch läßt seinen frommen Sinn auch der Natur angedeihen, selbst dem fühllosen Pflug’ und dem bräunlichen Acker. So ist denn das Christenthum wahrlich auch denen gegeben, die es nicht verstehn! nur genießen — der ganzen Welt. Also Sonntag!

Neue Verlegenheit! In meinem Bubulcus-Gewande konnt’ ich doch heute nicht hinunter zu Sir Samuel gehen, und in meiner Uniform — schämt’ ich mich. So saß ich allein auf dem Bett in allerhand Gedanken; denn Clarke war schon, dacht’ ich, bei Lisanna — als Frau Russel herauf kam, mich zu holen. Denn es sei Pflicht, daß jeder Deportirte zur Kirche der Deportirten gehe, Herrn Patrik zu hören; übrigens sei der Sonntag unser. So erschien ich denn in Galla. Alle saßen bereit in Sonntagskleidern. Lisanna stand auf und holte das Frühstück. Wie ihr das Leibband nachflatterte! wie lieblich ihr der englische Hut stand! wie freundlich Sir Samuel war, als er sagte: Sonntag mag Euer Rock passiren, Herr Lambton, dann hab’ ich Respect vor Euch; wochentags verlang’ ich ihn vor mir. Das schien auszudrücken, daß, wie die heidnischen Römer bloß an den Saturnalien schon ihre Diener bedienten, Er als ein Christ alle Sonntage mich so gut hielt, wie sich, als wenn alle Menschen gleich wären! Gott segne ihn! Nur ob Lisanna nach meinem oder Clarke’s Bilde im Spiegel sah, das möcht’ ich wissen! Aber sie lehrte mich dadurch, sie unbemerkt anzusehen. Dann gingen wir Alle zur Stadt, und die malayischen Mädchen bewahrten das Haus. Denn sie beten noch den Donner an, aber Ofa nur dann, wenn es einschlägt; daher sagt Sir Samuel: sie haben keine Religion! Ich soll eine Sonntags-Schule anlegen, und Talo unterrichten, auch Lisanna soll zuhören! Wie wird Sie meine Seele erheben! —

Im Vorübergehn zeigte uns Frau Russel die Kirche, in die Ich und Clarke zu gehen hätten! Lisanna seufzte schwer — vielleicht über mich — wendete sich ab, und sah zu den Wolken. Doch mir ist diese gute List zu wohl bekannt: hinauf zu sehn, wenn man weinen möchte und nicht darf, und die Thränen Einem in’s Auge treten! sie verziehn sich dann, oder man kann sie der Blendung zuschreiben, oder niesen. Ach, wenn sie nur wüßte, nur glaubte, daß ich unschuldig bin! Brächte nur die Golette den Capitain York! das wünscht’ ich sehnlich.

In der Kirche fanden wir alle unsere Gefährten, die uns heimlich und freundlich grüßten. Ihre Gesichter schienen verwandelt, diese heitrer, jene ernster, aber alle gefaßter, ruhiger — sonntäglicher! Auch ihre sauberen Kleider erfreuten mich. Ich konnte mir gar nicht mehr einbilden, daß ich der einzige Unschuldige unter ihnen sei! Der englische Geistliche betete uns dann die Collecten, Psalmen, Bibelabschnitte, die Litaneien, die mosaischen Gebote und das Vaterunser mit Ausdruck zwar, doch mit unerhobener Stimme vor; denn er schien alle seine Kraft für die Predigt zu sparen, und dazu braucht’ er sie wirklich.

Denn diese „Verdammten-Predigt“ — (condemned Sermon) — die Uns zum Leben und nicht zum Tode bereitete, die ich mir darauf von Herrn Patrik in der Handschrift ausbat, und jetzt mir hier, hoffentlich zum Andenken, in mein Reisebuch einschreibe, lautete mit allen, von der Vernunft gezogenen himmlischen Glocken also:

„Meine Herren Deportirten! und Brüder in Christo! Vielleicht Handwerker, Pächter, Gentlemen, Esquires und was weiß ich . . . . . . aber gewiß: Spitzbuben, Mörder, Auferstehungs-Engel oder Teufel, falsche Spieler, Banknoten-Pfuscher, Brandstifter und Kinderräuber — — — — Ihr wundert Euch, daß ich Euch bei Eueren Namen nenne? Doch Ihr seid nur hier, weil Ihr Euch früher nicht selbst so genannt, noch ein Anderer! Darum muß ich Euch nun mit schwerem Herzen so nennen! Hier ist das Land, wo man die Menschen kennt, und Jeder sich selbst. Denn die Liste seiner Sünden kommt als seine Ahnentafel, sein offener Pathenbrief mit ihm in diese neue Welt. O daß er Euch so bei Eurer Geburt in die alte Welt wäre mitgegeben worden, Jedem so mitgegeben würde, dann könnten Eltern und Erzieher sich danach richten, dann kamet Ihr nicht hierher vor meine Kanzel! O Gott! o traurige Wallfahrt der Menschheit aus dem Paradies in das Himmelreich!

Nun laßt mich offen zu Euch reden! Und Ihr, höret mich offen an!