Am Bord der Themis, den 1. April 1819.
Ich muß alle meine Gedanken zusammen fassen, daß ich bei gutem Muthe bleibe! Darum will ich schreiben; das hilft mehr, als sich abgrübeln. Sir Horazio, mein Principal, sagte immer, wenn er von Rom erzählte, daß die Bildhauer dort des Nachts im Finstern ein Stück Wachs in den Händen kneteten, während sie über ihren Entwurf nachdächten; und wenn sie lange und tief gedacht, hätten die Finger das Männchen oder Weibchen fertig, das ihnen so viel Kopfzerbrechen gemacht, und daraus würde dann das Modell in Thon und zuletzt die Marmorstatüe. Hab’ ich meinen Kindern nicht immer so die Geschichte verdeutlicht, daß ich sie auf den Punkt stellte, wo sie das Factum nothwendig fanden, z. B. selbst den allerärgerlichsten Fall für sie, warum Hannibal nach der Schlacht bei Cannä nicht rectâ sc. viâ, nach Rom marschirt? Und ich habe immer gefunden, daß man sich in jeder Lage leidlich wohlbefindet, wenn man sich deutlich den Weg nachdenkt, den man gekommen; wenn man das unausbleiblich, nothwendig, ja ganz natürlich findet, was Einen betroffen hat, und die Vergangenheit bis in den Augenblick fortführt, in dem man lebt, und in dem man weiter leben soll, man weiß nicht wie. Und ich weiß jetzt auch nicht wie. Darum geschrieben! Auch wer sich verirrt hat, ist einen sonnenhellen grünen schönen Weg gegangen, nur ist er nicht dahin gekommen, wohin er wollte. Aber bin ich denn nicht, wohin ich lange gewollt: im Schiffe! zu Schiffe auf der herrlichsten Reise! Auf einer Themis, deren schon Aeschylus gedenkt! O du mein Gott und Herr! — Aber Lambton, freue dich noch nicht, höre dich erst. Bin ich heut’ im Schiffe, so werd’ ich es auch morgen sein. Also freue dich morgen! heute schreib’. Ach, wie wollt ich mein Reisebuch anlegen — und nun hab’ ich nicht einmal ein Buch! Ich schreibe auf einzelne Blätter, geschenktes Papier, mit wäßriger Tinte, und mit welchem Stummel von Feder mit Zähnen! — so eine corrigirt’ ich keinem Knaben mehr, so arm er war. Ach, so ein Fest so unvorbereitet anzutreten und zu feiern! Die Freude kommt doch nie wo, und wann man denkt! Aber du wirst das Alles natürlich finden, meine Seele, mein lieber Lambton. Denke nur, wie du in’s Schiff gekommen! — Die Sache war so: —
— Doch Crabbe ruft mich; droben ist ein großes Linienschiff in vollen Segeln zu sehen! —
Ibidem, den 6. April 1819.
Die Sache war so. Unsere liebe Marion, die arme Waise in Schloß Rowlandhill, war auf einmal reich geworden, so reich, daß ich ordentlich vor ihr erschrack. Sie hatte 100 Pfund geerbt! Aber in Brigthon! Sie bat mich mit solchen schelmischen Blicken, solchen herzbewegenden Anspielungen, daß Ich reisen möchte, das Geld für sie zu erheben, und sicher zu überbringen. Sie nannte mich den ehrlichsten, hübschesten jungen Mann, den sie kenne! Konnt’ ich ihr es abschlagen? Auch Sir Horazio, der Baronet, wünschte es. Er hatte das arme Kind in’s Haus genommen, seit ihm sein Töchterchen auf dem Christkindelmarkte in London geraubt worden war. Er und Lady Theano hatten ihres Kindes Platz nicht leer am Tische sehen können, und wenn ein Mädchen, angezogen wie sie, mit schwarzem Haar wie sie, im Park umher lief, konnten sie doch von weitem denken, es sei ihre Tochter. Sie riefen Sie auch deßwegen Elisa, und sie hörte auf den Namen. Nur wir Andern, die wir von Elisa nichts wußten, nannten die nun Erwachsene nur immer Marion. Die gute Herrschaft hatte so viel an ihr gethan; was ich Ihr that, that ich den Pflegeeltern. Konnt’ ich es ihnen abschlagen? Kannten sie nicht meine Reiselust, und meinen leeren Geldbeutel? Ich glaube, sie wollten mir Alle durch die Reise nur einen Gefallen thun, und Lady Theano drängte mich ordentlich dazu. Aber warum verschweig’ ich’s? — Dacht’ ich nicht immer noch, das viele Geld auch mir zu holen in mein kleines Haus? Ein Spiegel im Wohnzimmer hätte nicht geschadet; er hätte es scheinbar noch einmal so groß gemacht; ein Schreibepult statt eines offenen Tisches, wäre mir viel brauchbarer gewesen; die alten, von der Sonne ausgezogenen Vorhänge wären mit Vortheil mit farbigen neuen vertauscht worden; den Teppich vor dem Kamin hätte jeder Andre, als ich, schon längst etwa zu einer Vogelscheuche im Gärtchen verwandt. Das Bett gedacht’ ich noch einmal so breit machen zu lassen, vielleicht wäre gar eine Wiege nöthig geworden — ach, aber das Alles, wenn statt meiner alten Magd, der tauben Anna, die ich fast selbst anfangen mußte zu bedienen, wenn ich ein Christ sein wollte, Marion mir die kleinen Sorgen der kleinen Wirthschaft abgenommen, und mich zum Manne gemacht hätte! Und das Geld machte mich zum Manne. Aber, aber wenn ich so dachte, stand mir der rothe Riese, des Pachters Sohn, der lange Daniel immer vor Augen! oder ritt mir vorüber auf seinem National-Tiger, wie er ihn nennt, der so mager ist, daß man ein Licht dahinter stellen kann, wie Anna sagte! als wenn man hinter das dickeste Pferd kein Licht stellen könnte, nur daß man es dann nicht durchleuchten sieht. Freilich, wer den Menschen hübsch nennt, thut ihm das bitterste Unrecht. Er mißbraucht die Erlaubniß, garstig zu sein, wie Lady Theano immer auf französisch sagte. Wenn er steht, ist er beinahe gleich mit der großen Wanduhr in der Halle der Rectorei, und sein Gesicht so klein wie das Zifferblatt. Aber wenn er sich setzt, ist er halb wie verschwunden oder eingeschmolzen; er kann die Ellenbogen auf die Schenkel stützen, und aufrecht sitzen bleiben, so lang sind seine Arme. Doch Gott behüte, daß ich ihn verspotten sollte! er ist ja Gottes Ebenbild! Schäme dich, Lambton; die Eifersucht spottet nur aus dir. Denn wie die Weiber sind! Zwei Jahr bemüht’ ich mich, so viel meine Schuljugend mir erlaubte, zugleich mit ihm um Marion; aber sie war und blieb unentschieden, bis ihm eine Frau Lieutenantin gerathen: sich eine Fähndrichsstelle zu kaufen, und in Uniform und Säbel vor seiner Geliebten zu erscheinen. So kam er denn aufgezogen, nur die Fahne fehlte noch. Wo blieb da Lambton, der schwarze Schulmeister mit dem Buche unter dem Arm! Das war wohl ein Jammer! Ich hätte mir damals aus Verlegenheit bald das Tabakschnupfen angewöhnt, wenn mein Gehalt die Ausgabe getragen hätte; auch sagten die andern Mädchen in Rowlandhill, ich sei noch zu jung zum Schnupftabak. Aber wie gesagt, das Wort der Lady, die mir wohl will, war bisher mein Schirm und Schutz, sonst war ich bestimmt verloren. Eine Gefälligkeit im rechten Augenblick entscheidet oft bei den Weibern, das hatt’ ich gehört; Brigthon, Portsmouth hätt’ ich gern gesehen, und wer Woolwich und Chatham nicht gesehen, der hat England nicht gesehen, sagen selbst die Engländer; nach London kam ich sonst in meinem Leben nicht — so beschloß ich die Osterfeiertage zu reisen. Und so reist’ ich denn in Gottes Namen mit meiner Vollmacht. Wer schnell reist, reiset wohlfeil. Wie viel Mahlzeiten hab’ ich dadurch erspart! Was helfen die freundlichen Wirthe, wenn man viel verzehrt; und die tiefen Bücklinge der Aufwärter für das große Trinkgeld, wo man doch in seinem Leben nicht wieder hinkommt! Es ist aber wohl nicht recht gedacht; ein Mensch sollte eigentlich keinem Menschen Schande machen! Doch die Reise ging ja nicht aus meinem Beutel; ich hatte freie Station, und dann muß ein ehrlicher Mann lieber darben, als schwelgen, und ein saures Gesicht — nicht ansehn. Es ist ein albernes Wort: „der Weg ist zwar nicht breit, aber lang“; — der Weg ist aber eben so albern. Wie schön wäre ein meilenbreiter Weg, oder ein Mensch, der wie eine Colonne in Fronte reisen könnte, wie bei einem Hasentreiben jede Merkwürdigkeit aufstöbern die ganze Breite! Denn wie viel Städte blieben zur Seite stehn, links und rechts! Und die Thurmspitzen winkten mir gleichsam herüber „hie bin ich“ — „und hier bin ich! — hier ich! was ziehst du denn dort?“ — So einen bloßen Strich durch die Welt zu machen, das ist wohl auch ein Jammer. Kurz, ich kam recht verdrüßlich, unzufrieden, und ganz durchnäßt auf dem Dache der Kutsche, wo ich selber in Nebel und Regen aus Schaulust geblieben, in Brigthon an. Was hatt’ ich mir unter Reisen vorgestellt? Und was war es? Eine Sehnsucht, ein Aufruhr aller Sinne, ein Flug, ein Traum, kurz: ein Jammer. Mir war so, als wenn mir jemand aus einem kostbaren persischen Teppich einen Faden herausgezogen und geschenkt hätte.
Die Schwierigkeiten waren bald beseitigt, das Geld — eine einzige Banknote — bald eingestrichen oder leicht — was man sagt: erhoben, und auf der Brust wohl verwahrt. Nun war ich mein! Auf Reisen muß man unermüdlich sein, keine Bequemlichkeit einreißen lassen. Was Einem, wenn man in der Nähe ist, Einen Schilling zu sehen kostet, das gilt Einem, wenn man zu Hause ist, das Geld für eine ganze Reise. Wer Frühaufstehn, Unruhe Tag und Nacht, Unbequemlichkeit, Entbehrungen aller Art scheut, der bleibe zu Hause. Warum ist er gereiset! und die Freude muß und wird die Mühe vergelten. Ich hatte Menschen über ihr Phlegma in der Fremde zu spät klagen gehört, und mir auf das Titelblatt meiner Reisebemerkungen den Vers eingetragen:
Sage, warum du hieher vom Vaterlande gewandelt?
Von London war der Schenkel des Dreiecks meiner Reise selbst noch ein wenig kürzer, als der von Brighton nach Hause; die Basis wollt’ ich aus meinem Beutel bestreiten. Meine Mutter hatte mir immer gerathen, einen Ehrenthaler, einen Freudenthaler und einen Leidenthaler zu sparen; dazu hatt’ ich drei Beutelchen. Diese nun hatt’ ich alle mit. Die Ehrenthaler hatt’ ich schon zugesetzt für Geschenke an meinen Stellvertreter, meine alte taube Anna, und die besten Schüler. Die Freudenthaler wollt’ ich in Portsmuth und Woolwich darauf gehen lassen, einmal ein Stück in die See hinaus zu stechen; und die Leidenthaler sollten mir die Freude bezahlen, London zu sehen, und Marion Etwas zu kaufen.
Den chienesischen Pavillon in Brighton besah ich mir am füglichsten des Abends im Mondenscheine. Ich war im Geiste in China. Die Chinesen, konnt’ ich denken, schliefen; ich konnte denken: der Kaiser denkt eben nach, welche Götter, wie Minister, er das nächste Jahr will herrschen lassen. Ich bildete mir ein, Er könne mich bei dem hellen Mondenscheine aus dem nahen Fenster erblicken, und als einen verbotenen Fremden, mit dem beliebten, jedoch nicht Zucker-haltigen Bambus-Rohr von etwanigem Podagra befreien zu lassen die Kaiserliche Gnade haben wollen — ich spürte wirklich, ich weiß nicht was, in den Fußsohlen — das Herz fing mir an zu pochen, ich machte, daß ich fortkam, und stieß auf eine Schildwache, die gerade abgelöst ward, und sich auf Englisch anrief. Ist denn China Englisch? frug ich mich selbst halblaut. „Noch nicht!“ antwortete sie, und lachte. Ich schämte mich; der Mann sieht mich Zeit Lebens nicht wieder — aber ich schämte mich doch, und beschloß, mich nicht mehr meiner Einbildung so völlig zu überlassen. Der Mann konnte wohl gar etwas Anderes von mir denken!