Portsmouth aber war mein Unglück! Was mußt’ ich eher sehn, als den Hafen, die Schiffe, die, wie Aristophanes Vögel, das mittelweltische unbegrenzte Reich selbst gegen die Götter beschützen. Ich hatte den ganzen Tag vor Schaulust nichts gegessen. Gegen Abend trat ich in eine Taverne, worin fröhliche Matrosen und Makler an Tischen umher saßen und standen. An den Wänden hingen Anzeigen von Schiffsgelegenheiten nach Bengalen, Macao, Nord- und Südamerika; nach Zanthe, Neapel, Alexandrien, Smyrna, kurz, grad’ überall hin, und für ein paar einfältige Pfund, wer sie hatte! Ich durfte sie nur im Office auf den Tisch legen, in’s Schiff gehn, die Reise war nur wie ein Schritt! Denn das Meer ist hüben und drüben, der Wind rückt es gleichsam zusammen, führt die Schiffe fort, trägt die Küste her, und breitet das Meer dann wieder aus, wenn man hinüber ist.
„Drüben in Hamburg; drüben in Tanger; drüben in Boston!“ unterbrachen und erzählten sich die Matrosen. Mir war wie dem Juden in der Münze! Hundert Pfund hatt’ ich! Ueberall kam ich damit hin! Heim mußt’ ich doch kommen! — Aber das Geld war nicht mein! Ach, des Menschen Dichten und Trachten ist böse von Jugend auf, warf ich mir vor; ich habe ja nicht reisen wollen! Aber die Thränen waren mit näher; ich mußte mich setzen. Ich stemmte die Arme auf den Tisch, und verdeckte mir die Augen vor der nach Westen gesunkenen Sonne, die mich blendete. Denn sie schien prachtvoll aus der goldenen Ferne zum Hafen herein, und beleuchtete zauberhaft: Mohren, Chinesen, Amerikaner und Juden hier an einem Orte, daß mir die Welt ganz wunderbar vorkam.
Nicht lange, so stieß mich Jemand gelind an, zuzurücken. Ich sahe ihn an, er sahe mich an. Es war Crabbe. — Crabbe! rief ich vor Freuden.
„Ei, Herr Lambton, grüßt’ er mich, woher? und wohin? Was macht meine Schwester zu Hause bei Euch in ihrem kleinen Krame? Wird sie so reich wie dick? Ich bin immer noch Steuermann und kann eigentlich nicht höher steigen.“
— Wie so? fragt’ ich auf alle die Fragen. —
Es giebt nämlich gewisse Leitern für jeden Stand, sagt’ er, ich möchte sagen: Stockwerkstreppen, über die Keiner hinaus kann; sie sind oben wie in die Luft gelehnt. Ein Anderer, in einem höhern Stockwerk geboren, kriecht gleich als Kind von da aus, wo Unsereiner alt, lahm und marode aufhört! und wenn ein Hoher fällt, fällt er uns Niedern immer noch erst auf die Köpfe, wie die Fische, die man in’s Meer wirft, nicht auf den Grund fallen. Nun es geht Euch auch nicht besser wie mir; ein größeres Schiff, eine größere Schule, das können wir etwa erwarten, aber immer nur Schiff und Schule Zeit Lebens. Nun setzt Euch, Herr Lambton, zu einem Glase echten; Ihr seid hier in der Fremde.
Dabei — also bei dem oft eingeschenkten Glase Echten — trug ich ihm meinen Wunsch vor, ein Stück auf der offenbaren See zu fahren, und ein wohlgebautes Schiff zu sehn.
Nun da kommt Ihr mit in mein’s, sprach Crabbe. Schöner ist noch keins gebaut in Altengland! Es ist zwar ein Franklinischer Klapperschlangenkasten, den wir nach van Diemensland, nach Hobarttown bringen, aber schadet nichts, mein Schiff ist wie Eins, ja Keins! —
Ich stutzte wie billig. Er aber sprach lachend: Wir fahren nur Deportirte über, weiter nichts; und unser Schiff hat keine Fallthür, wie sonst die französischen, die das Exportiren der Exportanden ersparten!
Ich wollte wieder fragen, da unterbrach uns ein Kleinhändler, ein alter Mann mit grauen Haaren, fast wie mein Großvater; sie nannten ihn Oldham. Er handelte mit allerhand beinahe nur zum Schein, und nahm auch ein Geschenk, das ihm Dieser und Jener gab. Da, Vater! sprach ich, und gab ihm einen Leidenthaler. Ich bereute es aber sogleich, als wenn ich nur meines Großvaters wegen einem Armen geben könnte; ich ließ mir den Thaler nicht wiedergeben, nein, ich schenkte Ihm selber nun noch Einen. Aber das waren in einer Minute Zwei — und beide thaten mir leid um Woolwich und London! Der Alte aber sagte: „Ihr wißt nicht, wie viel ihr mir heut Gutes thut!“ So doppelt gepreßt von Scham und Mitleid, gab ich ihm auch noch den dritten und letzten Leidenthaler.