Nun kommt aber in’s Boot, Lambton! sprach Crabbe, sonst schenkt Ihr Alles weg. Es ist auch weg, erwiedert’ ich; nur mein Heimreisegeld liegt im Gasthof zum Fallstaff. Ihr braucht auch heut keins, sagt’ er im Gehen zum Boot; unsere Themis liegt ein halb Stündchen weit schon vor; aber das ist Euch ja eben recht! Morgen kommt der Capitain, und da kommt auch gewiß der Wind; das muß treffen; denn die Herren kommen eben erst immer, wann der Wind kommt. Da sollen sich nun die Matrosen wundern, wie das zugeht! Ich denke aber, wir werden im April immer noch einige Aequinoctien haben. —

Das heißt wohl bei Euch: Frühlingsstürme? fragt’ ich.

Freilich! antwortete Crabbe; das geschieht so zu Zeiten, aber vorzüglich, wenn die Sonne im Thierkreise steht, Manche sagen, in der Wage. Nun, wie die Herren wollen! Ich bin nur Steuermann. —

Ich beschuldigte heimlich Crabben, er möchte nicht mehr vom Thierkreise wissen, als die Bauern, die den Kreisthierarzt den Thierkreisarzt nennen. Die vier Matrosen warteten auf ihren Meister Crabbe. Wir stiegen in’s Boot und setzten uns. Die Matrosen nahmen Abschied von den Umstehenden, und sagten ihr Lebewohl, das „du guter Junge“ (good boy) auch zu steinalten Männern, und „guter Junge“ auch zu den Mädchen. Sie schieden, wie man sich zu Lande „gut’ Nacht“ sagt, und ruderten tapfer, jeder eine Beule im Backen, wie von Zahnschmerzen, sie war aber von Tabak. Viele Boote begegneten uns mit Vornehmen und Gemeinen, Herren und Damen, Weibern und Mädchen und Kindern, die von den Ihrigen, den lieben Deportirten mit Thränen Abschied genommen: denn sie weinten noch. Ich bedauerte, daß meine Reise schon halb war, als wir die Leiter hinaufstiegen an Bord des Schiffes.

Meister Crabbe übergab mich dem Stewart, mich überall herum zu führen, und alles Erlaubte mich sehen zu lassen. Mit dem Boote, sagt’ er, würd’ ich an’s Land gehen, mit welchem der Capitain an Bord käme. Er empfahl ihm diesen Punkt besonders, im Fall Er nicht daran denken könnte in dem Wirrwar beim Absegeln. So war Alles besorgt. Ich überließ mich wohl zwei Stunden lang meiner Andacht, bewunderte Alles im und am Schiff, wie es zu bewundern war; ja ich getraute mich zu behaupten: daß selbst die Arche Noah’s so schön mit Mahagoni-Meubeln, Spiegeln und stählernem Kamin nicht kann ausgeputzt gewesen sein; denn wann lebte Noah, und wann leben wir! Und ich kann als geistliche Person ohne Blasphemie sagen — da die Welt nicht mehr durch Wasser umkommen soll — daß eine Sündflut jetzt nur lächerlich wäre; wenn man sie vorher wüßte, nota bene! Der Herr hat damals schon die Engländer mit ihren Tausend Schiffen im Geiste gesehen, nota melius! darum hat er für die Zukunft nur von Feuer gesprochen. Nota optima! — Zuletzt blieb ich in des Steuermanns Cabin sitzen, und las in dem, auf dem ganzen Weltmeer berühmten „Schiffmeisters Assistenten,“ von dem auf dem Lande unbekannten David Steel. Der Stewart brachte Punsch, hieß mich trinken, und ließ mich lesen.

Daß ich dabei eingeschlafen war, bemerkt’ ich richtig beim Aufwachen! Ich schlug das Buch zu, stellte es an seinen Ort, und stieg auf das Verdeck. Auf der Treppe begegnete mir der Stewart, ganz anders, aber nicht besser, angezogen, mit einer Schüssel kleiner Krebse, mit Eiern, großen Theetassen und — Frühstücksgeräth. — Er ward ganz feuerroth, als er mich sah, und drängte sich mit niedergeschlagenen Augen auf der Treppe an mir vorüber. Wo ist Meister Crabbe? fragt’ ich ihn. Er blieb mir die Antwort schuldig. Ich schenkte sie ihm, und stieg aufs Verdeck. Hoho! sprach ich, die Sonne sitzt ja noch hoch! Es hat gute Weile! Aber sie müssen das Schiff gewendet haben; vorhin stand sie rechts, und jetzt links. Ich wendete mich um, nach der Insel Wight zu sehn, die mir die hängenden Gärten der Semiramis aus ihrem Staube hervorrief — ich rieb mir die Augen — ich war entweder von dem Punsche ein Myops geworden, oder Wight war untergegangen! Aber lieber, als so vieler Menschen Unglück, war mir doch meins! Doch — die ganze Küste war verschwunden! Es war doch Tag! es war kein Nebel — ich sahe rund umher — rund umher nichts wie Himmel und Wasser — das war die offenbare See offenbar! Aber wie war das möglich? Das Schiff stand ja und wankte nicht; nur ein leises Plätschern und Glucken glaubt’ ich zu vernehmen. Ich blickte auf dem Verdeck umher — da stand ein Mann mit einem Fernrohr am Hauptmast und sah schweigend in die Ferne; auf dem Hintertheile am Steuerrade saß Freund Crabbe, ernst und im Amtsgesicht, placidus ore, wie Neptunus, der verschollene Gott. Ich starrte in die Segel! sie blühten voll und zogen, wie Pferde; die Wimpel spielten im Winde — es war richtig! Ich saß wie der Bär, der nach Honig gestiegen, hinausgeschnellt auf der Wagschale, hinausgeführt in die Welt, ja hinausdeportirt aus der Welt! Die Sinne vergingen mir — Crabbe! Crabbe! ruft’ ich, und setzte mich in Ohnmacht. Denn das sah’ ich noch, wenn ich in Ohnmacht gefallen wäre, — scilicet: die enge steile Treppe hinab, — konnt’ ich mir Hals und Beine brechen! So saß ich, halb vor Schreck, halb vor Freude, wie meine Lampe voll Wasser und Oel; aber das Oel schwamm oben! — —

Was soll Crabbe! fragte mich eine unwillige Stimme.

— „Ach, jetzt soll er nichts, er kann ja nichts“ — — brach ich ab.

„Er ist ein braver Steuermann,“ hörte ich wieder; hinsehn mocht’ ich nicht: denn es war ganz eine Capitainsstimme; sie erscholl mir, wie das Echo meiner eignen von der Mauer der Kirche, wenn ich Schule hielt und zur Zeit der Lindenblüthen die Fenster hatte aufmachen lassen. Diese angenehme Erinnerung erquickte mich in so weit, daß ich seufzen konnte.

„Ist Euch unwohl?“ hört’ ich wieder. —