Zehntens, begrüße ich Euch: So seid denn aufgenommen durch die Gnade des Königs in diese große, freie Lancaster-Schule! Er läßt seine christliche Gnade über das alte heidnische Gesetz walten, an denen, die das Gesetz nicht, sondern die Menschheit beleidigt haben; in ihrem Namen hat Er Euch vergeben, und ließ Euch nicht an einem — wohlfeilen — Stricke in eine andere Welt fahren, nein, im Schiffe in das neue Leben, wohl versehen, wohl bewirthet, wohl empfangen und eingerichtet, in ein schönes Land wie Elysium, einen einsam gelegenen blühenden Genesungsgarten. Daß er Millionen kostet, bedauert Er nicht, da das kranke Kind dem guten Vater Ersparniß zum Verbrechen macht, da Ihr die Verwundeten im Kriege des Lebens seid, in dem das Menschengeschlecht wie ein unermeßliches Heer in ewigen Kämpfen dahin zieht, die eben so viele unsterbliche Siege sind. Daran erfreuet Euch hier, einsam genesend und lernend, aus der Ferne. Die Erde ist das echte Vorbild auch dieser Lancaster-Schule, wo ja Einer den Andern erzieht, lehret, pfleget, warnet, heilet, ernähren hilft, und wieder von ihnen beschützt, genährt und geliebt wird. — Die Erfindung lag so nahe! Aber sie war zu einfach und groß, und das Nächste ist oft das Fernste, weil reine helle Augen dazu gehören, es zu schauen, und eine vorurtheilsfreie Seele, von keiner Gewohnheit, von keiner Furcht, nur von Liebe eingenommen. Benutzt diese Schule wohl! Duldet, ehret, warnet, lehret, liebet einander. Gleicht nicht dem übrigen Menschenvolke, wo Einer den Andern vor einer ihm oder den Nebenmenschen schädlichen That nicht warnt, ihm zu einer guten nicht hilft, ihn durch Handel und Wandel, durch Streit und Rache in Krankheit, Armuth und Elend, in Haß und Verachtung rennen läßt, wenn er ihm vielleicht nicht die Grube selber gräbt! Welche aber das wissentlich thun oder auch nur geschehen lassen, denn die Sünde der Gleichgültigkeit gegen Böses und Gutes, und die daraus quillende Unterlassungssünde ist die unverzeihliche Sünde gegen den heiligen Geist — die wird der Gewissensrichter dereinst aus dem Himmel in die Hölle exportiren lassen, wie Diejenigen von Euch Deportirten, die unverbesserlich sich stellen oder scheinen — das sag’ ich der Menschheit und Gott ihrem Künstler zu Ehren — Exportirte werden, Verlassene, Ausgesetzte ohne Weib und Kind, ohne Rath und That, auf wüstem Eiland! Aber weil Gott will, daß Allen Sündern geholfen werde, darum —
Eilftens, stelle ich Euch Euer Ziel: Sittlich, und bürgerlich frei und selbstständig sollt Ihr werden — statt furchtbar: fruchtbar, statt ehrlos: ehrbar, statt nichtswürdig: vielwerth! Mein Gott! Ihr sollt ja Nichts, als Euch den Hudeleien der Menschen entziehen durch gehaltenes Leben; den Plackereien der Richter, Constablen und selbst der Gesetze, durch Schuldlosigkeit; den bösen Gläubigern und unbarmherzigen Mahnern durch Schuldlosigkeit; allen Zwischenhändlern zwischen Menschen und Satan, die das Himmelreich aufhalten sich niederzusenken, wie die glühende Wüste die fruchtbare Wolke über sich weg jagt, durch stillen Wandel nach menschlichem Ziel. Und verlangt keinen Lohn dafür: daß Ihr gut seid; der Strebende wäre unvernünftig und vorlaut, der richtig Wandelnde unbescheiden, ja frech, nicht klar über sein Glück im Herzen und durch sein Herz! O Himmel! der Himmel hört es und sieht es: Der schönste Lohn des Lebens ist das Leben, das reine menschliche Leben, und ferner sich liebend und glücklich zu fühlen. Das macht die Menschen geringe, wie man sie vielleicht haben will, legt sie an irdische Ketten, und prägt ihre unsterbliche Seele mit dem Bilde des Kaisers, nicht Gottes, daß sie wegen ihrer Pflicht gelobt und belohnet — abgelohnet — werden, und mit Dingen, die kein Lohn, sondern oft nur Fröhnung der Eitelkeit und Verführung des Sinnes vom Leben sind, zu stolzer Erhebung über den Bauer im Kittel, der statt des Ordens darauf, ein redliches Herz darunter trägt und mit herzlicher Gnüge arm und ungeachtet ist. Aber — ein Feld es zu bauen, ein Haus zum wohnen, ist nur der Ort und das Mittel zu leben und zu wirken, und das gönnet Se. Majestät Jedem von Euch, der es aus reinem Drange zu echtem Leben, bedürftig, der mündig ist, und frei vom Gesetz. Die es aber noch nicht fähig sind, diese leben bei Andern, welche sie getreu zu leben lehren. Das ist eine Strafe, die den Menschen besser macht, das ist ein Lohn, der dem Menschengeschlecht ertheilt wird in Euch. Denn was schaden denn eigentlich alle Vergehen und Verbrechen, warum sind sie so nachtheilig, daß man glaubte, sie sogar mit dem Tode, dem ganz außer Thätigkeit Setzen des Fehlenden bestrafen zu müssen? (denn dem zu schwer Bereuenden die Last des Lebens abzunehmen, ihm aus Liebe, aus Hülfe für seine zerrüttete Seele den Tod und den Himmel zu geben, ist wohl in keines Henkers Herz gekommen;) — Das schaden Vergehen: der Verbrecher raubt sich und Andern die Zeit und die Mittel zum wahren Leben, zum arbeiten, froh und gut zu sein. Denn die Zeit ist das unschätzbareste Material dessen wir bedürfen, und nichts anderes als Zeit, wenn wir es recht verstehen, bedarf die ganze Welt! und auch Ihr nur: Euch zu bessern, ich: Euch zu lehren. Wenn aber Andere meiner Amtsgenossen ein halbes Stündchen am Sonntag lehren, und die übrige Woche die Menschen wenig erbauen, und wie unsichtbar sind, so will ich alle Werkeltage über von Morgen bis Abend bei Euch sein, daß Christi Wort Euer täglich Brot wird, und am Sonntage wollen wir unser Herz und unsern Sinn erbauen, als den Tempel Gottes und der seid Ihr!
Zwölftens bete ich: Der Herr segne Euch und behüte Euch! Er sei Euch gnädig, und gebe Euch Frieden!“ —
* *
*
Das war eine Casualpredigt, ganz ad homines! Zu Anfang einschneidend, wühlend wie nach der Kugel in der Wunde, nach dem Pfahl im Fleisch; dann schmerzlindernd, tröstend, erhebend, zuletzt Balsam aus Mekka, Wein aus Bethlehem. Es war große Bewegung unter den Deportirten! Der Geschworne, Herr Wardrop, gab Zeichen großer Herzensangst von sich. Der Fleischhauermeister Cornbull griff mit der Hand in die Tasche; sein blinder John rollte die Augensterne, und wollte gern den Prediger sehen! Limmerik nannte ihn einen Mammuths-Pfarrherrn! Herr Tydal blickte gerührt auf meinen Hund Phylax, der auch nicht fehlen wollen. Alle waren bewegt, nur die Weiber waren — geputzt; wie die Weiber sind.
In der Kirche hatte Clarke seinen Vetter, den Maler Tydal herausgefunden, und sie gingen dann beide Hand in Hand hinaus in die Gefilde, um die schönsten Aussichten für ihre Landschaften aufzusuchen. Sie wollten sich nach acht langen Tagen wieder genießen, und ihre Leiden klagen, sagte Herr Tydal mir lächelnd, worüber Clarke die Augen niederschlug. Ich konnte dawider nichts haben, und blieb allein mir selbst überlassen; aber es that mir weh. O, was ist ein Freund in der Fremde für ein Schatz! Mittheilung des Neuen, Erinnerung des Alten, Vergleichung der Heimath und der Fremde, und jeder Genuß wird durch ihn erst recht lebendig. Einen Freund in der Ferne neben uns — und wir sind nicht entfernt, nur wie entzaubert auf einen Tag! Und wieder in der Heimath haben wir an ihm die Fremde! Er hat ihren Duft eingesogen, wie die Veilchensteine auf den Gebirgen; er glänzt von ihrer Sonne, wie der Bononische Stein. Er hat gesehen, was wir gesehen; und wenn wir ihn daheim betrachten, können wir wähnen, er sehe das Alles noch, und wir stünden nur abgewendet, mit dem Rücken gegen die sonnige Landschaft. Aber mit einer Geliebten reisen, dächt’ ich, müßte dasselbe, und noch ganz etwas Seligeres sein, vorzüglich, wenn sie dann in der Heimath unser Weib ist. — Armer Lambton! es giebt so viel reine Seligkeit in der Welt zu genießen, die so heimlich, und doch so gewiß vorhanden ist — wem sie gewährt wird. Aber die Gesegneten beschreiben sie nicht einmal uns andern armen Menschen — sie genießen sie nur. Ich denke immer: noch kein Glücklicher hat ein Buch geschrieben, höchstens einen Brief. Darum machen die Bücher auch nicht glücklich, sie zerstreuen bloß die Gleichgültigen oder Unglücklichen; nur das Leben beseligt. Wer nur recht leben könnte! Oder wem nur das beste Glück des Lebens gewährt würde — wenn Ich es nennen sollte, ich nennt’ es nach meiner Art: Lisanna! Hätt’ ich dann nicht Alles, was Ich mir wünsche? und ich weiß ja die Stelle auswendig:
Der, wer des Lebens beste Güter hat,
Begehre nicht die kleinen auch zugleich!
Im Großen und im Ganzen segnet’ ihn
Ein Gott; und macht die Sonn’ ihm hellen Tag,