So oft beleidigen? — Nun fängst du selbst,

O Himmel, sie zu täuschen an, und schickst

Als Irrlicht gar das schöne Nordlicht mir?

Das war ein Schweres! Ja „Nordlicht“ ist es auch überschrieben. Aber ich stehe mit meinem Kopfe für Lisanna, daß sie ein Engel ist, an Reinheit und Liebe. Ach, ich hab’ es da selbst gesagt: an Liebe! Auch die Engel lieben, und sollen ja lieben! Wenn man nur nicht auch die Engel lieben müßte! — Doch dabei will ich ein redlicher Schulmeister bleiben, und ihr in der Sonntagsschule das sechste Gebot so treulich erklären, als wenn sie mein Weib werden sollte. Und wenn mir Gott Kinder und Halberwachsene genug zuschickt, nimmt mir Sir Samuel auch das liebe Vieh und die Kälber ab, wie Clarken die Lämmer, was wohl darum geschah, weil er sie immer nur hingejagt, wo schöne Aussicht war, bis auf die höchsten Berge, wo Tydal saß. Aber auch auf Clarke möcht’ ich trauen! Ich seh’ und hör’ ihn selber so gern! Er ist lange in London gewesen, und weiß tausend Dinge Lisannen und den malayischen Mädchen zu erzählen, und ich nicht einmal viel von Rowlandhill, wo ich nur erst zwei Jahre Schulmeister war. Was erfährt der in der Schule? Die Kinder wollen von ihm erfahren, und das Wenige, was ich von Lady Theano und Sir Horazio etwa weiß, hatte mir die Russel in einigen Abenden schon abgefragt. Ja Clarke gefällt auch den Männern durch sein feines Aussehn, welches sie ihm doch nicht beneiden! Er ist so gewandt, so angenehm, und mischt, mit ungewöhnlicher Höflichkeit von Mann gegen Mann, oft sogar kleine Schmeicheleien für sie mit ein. Freundlich gegen den Geringsten, hülfreich selbst den Weibern in der Küche, und Miß Lisannen beim Sticken einer Geburstagsweste für Sir Samuel, wozu er ihr Blumen gezeichnet, ist er der Liebling im Hause. So rohe Scherze wir anfangs von den Hausgenossen, vor allen aber von dem frechen kleinen buckligen Hobday über die Mädchen, und selber Lisannen, anhören mußten, und so sehr ich mich bestrebte, in ihrer unvermeidlichen Gesellschaft nichts aufkommen zu lassen, was mich als Schulmeister oft zwang, brummend fortzugehen: so muß ich doch Clarke die Ehre geben, daß Er durch seine glückliche Unterhaltungsgabe, durch die Gegenstände seines Gesprächs, durch Abbrechen desselben und Hinwerfen eines neuen, endlich — wenn auch nicht das schöne Gefühl der Schamhaftigkeit in Hobday und Consorten erweckt, doch eine gewisse Scheu in seiner Gegenwart ihnen aufgelegt hat, deren Gewohnheit sie bändigt, auch wenn er nicht da ist. Das freut mich um Lisanna’s willen, die ganz unglücklich wäre, wenn Sir Samuel und Frau Russel nicht beständig wegen ihr uneins wäre, so daß Eines von ihnen sie immer niederdrückt, wenn das Andre sie aufrichtet. Was ich mich nicht getraue, aus falscher Schamhaftigkeit, thut Clarke: er tritt auf ihre Seite! Dafür segnet ihn der Herr sichtbar. Er ist ordentlich dick und fett geworden, als sollt’ er hier Mayor werden. Ich würde es dem gesunden Klima zuschreiben, wenn Ich nicht hagerer und blässer würde! Aber auch Er sieht dabei blässer und bekümmerter aus. Auf einem dicken Bauch steht also nicht immer ein fröhliches Haupt. Er läßt sich auch verlauten, er wolle sich in der Stadt wo einrichten. Frau Russel, der er gefällt — und wer der Mutter gefällt, den soll gewöhnlich die Tochter heirathen — hat ihm, horribile dictu, Lisannen angetragen! Und er macht Ausflüchte! Sie ist ihm wahrscheinlich zu arm. Mir sollte sie das versuchen! Ach, und doch wie unglücklich würd’ es mich machen, wenn mich Lisanna liebte — dann ginge erst meine Noth an. — Sprachbemerkung: „Anna“ darf in Compositis niemals voran stehen, denn wie schön klingt Marianna! und wie häßlich Annamarie! wie hübsch, wenn Rose vorn steht, und Anna hinten: Rosanna! und wie garstig Annarose! Wie lieblich Lisanna, und wie abscheulich . . . . . ! und so ruft doch die Russel Lisannen, wenn sie ihre Laune gegen sie hat, und sie ist doch immer so schön, so geduldig, mit Einem Wort: Lisanna!


Osterfeiertage 1820.

Was ich heut’ einzutragen habe, das geht zu weit! und kann doch noch weiter gehen! Es waren Handelsschiffe angekommen, um Producte von van Diemensland zu laden. Da hatten wir denn viele Tage Schlachtvieh und Schafe herbeizutreiben und zu schätzen, Wolle zu wiegen, Häute zu zählen, Schinken und geräucherte Zungen aus der großen Rauchkammer zu holen und einzupacken, und Mehl zu messen. Darauf war Sir Samuel, der sich immer Geschäfte macht, um nur nicht an sich zu denken, auf den Seekalbfang in die Bassestraße geschifft; auch Tydal war mit seinem Schutzherrn fort, und Doctor Toland regierte das Haus. Clarke hatte eine bestellte Landschaft: die Gegend um einen Meierhof, und ich begleitete ihn Sonntags nach Mittage dahin, als grade wieder solche Beleuchtung war, wie er brauchte. Das Haus stand noch unbewohnt, rings umher war mit leichter Mühe und ohne Kosten der fruchtbare Boden urbar gemacht, indem man nur das wuchernde Gras und die köstlichen Blumen abgebrannt! Das macht mir den Ort schon verdrüßlich. Er malte auf einem großen, aber eben nicht hohen bemoosten Steine. Ich sah in die Gegend. Ganz von weitem erblickt’ ich Lisanna und Doctor Toland, welche kamen — Herrn Clarke zu besuchen. Ich hatte nun freilich keine Augen für sein fertig werdendes Bild.

Nach ziemlich langem, verdrüßlichem Schweigen sprach er zu mir: „Freilich, wenn man die beste, gelungenste Landschaft, die der Geist der Erde, wie Tydal sagt, durch die Maler gleichsam ein zarteres kleineres Mal nachgeschaffen hat, mit diesen natürlichen Landschaften hier vergleicht, so kann man nur unsern Herrgott für einen Meister halten! Menschliches Wesen ist Schülerwerk; und doch versteht man nur diese schöne Welt als ein großes Kunstwerk, vollendet ausgeführt bis auf die feinste Ader im kleinsten Blatte, und das schimmernde Sandkorn, wenn man versucht, durch Kunst das so nachzumachen. Die Kunst schließt den Künstlern den Geist auf, und die Natur; Kunstwerke aber dann wieder den Menschen. Damit muß ein Vernünftiger zufrieden sein, wenn auch keins seiner Werke nur die entfernteste Aehnlichkeit mit den lebendigen leuchtenden Werken der Natur hat — in denen man spazieren gehen kann — keins seiner Marmorbilder dem Meisterstück der Natur, dem schönen Menschen, gleicht — das mit uns reden, uns lieben kann — nicht das wärmste frischeste Gemälde seinem Urbilde. Dazu sind sie auch nicht; sie stellen nur vor, was man in sich tragen muß, um sie nur zu erkennen. Denn auf dem Bekannten beruhen sie, gleichsam in den Himmel aus einem Prisma hinausgestellt, wie der Regenbogen beruht auf Wolken und Sonne.“ —

Dabei that er etwas stolz. Ich fragte ihn nur in aller Unschuld: Hat denn nur der die Gabe, die Natur zu verstehn, der sie wieder darstellen kann, der Künstler? Sind nur die Künstler die Glücklichen? Aber ich kunstloser Mensch verstehe doch Gedichte, auch zur Noth ein Gemälde, und wer Kunstwerke versteht, sollte doch die Natur weit leichter verstehen, Clarke! — Das kommt mir vor, sprach er, wie einen Goldfasan mit Federn eher essen zu können, als einen gebratenen, Lambton! —

In der Rede sieht man kein Komma, und sie klang mir gar zu besonders! Doch sagt’ ich ihm nun, wie ich denke: Ich halte den Menschen für unglücklich, der keinen Sinn, keine Fähigkeit hat, Gottes Werke selbst aufzufassen, und so arm ist, ihren Anblick, ihre Fassung zu betteln beim Künstler. Liebe als das Mittelbare ist mir das Unmittelbare, das allen Menschen unendlich schöner, reicher, neuer und umsonst Gegebene, nur um den Gang, nur um ein Weilchen Harren! Und erst die stillen Wunder der Pflanzenwelt, nur die Staubfäden, den Staub, den Schimmer und Glanz! Wie Wenige sehen, was Allen da ist! Von Felsen stürzen, schäumen, oder hoch ragen, ja Feuer speien muß, was sie locken und rühren soll. Eine einzige Blume ist ein Weltwunder — aber sie ist vielmal, ist immer wieder da, sie kostet kein Geld, der Mensch hat sie nicht gemacht, sie ist nicht — gemalt! —