— Ich habe dieß Alles in tertiâ personnâ von Lambton erzählt — ganz natürlich ist mir das eingekommen, da ich es von mir per Ich! Ich! Ich! aus bitterer Scham doch unmöglich konnte, unmöglich Mich zu dem närrischen Menschen bekennen, der ich, oder er, da war; denn ich bin’s ja nicht mehr, und war es vorher nicht! „Ich“ wird siebenzig Jahr alt — der Mensch sollte alle Tage anders heißen, oder kurz weg: Anders! Immeranders! — Und doch war das der Wendepunkt meines Lebens.
Aber die Verlegenheit war damit nicht aus! Die Verwirrung ging nun erst recht an! Daß ich erst spät, spät nach Hause kam, war natürlich. Daß ich bloß an unserm Stübchen horchte, war natürlich. Daß Hobday mich anlachte und sagte: „Der Maler Clarke ist in die Wochen gekommen, und hat den Schulmeister Lambton um die Kinderruthe und die Schule gebracht“ — natürlich! so entsetzlich ehrenrührig es auch war — das heißt, Gott sei Dank nur für mich armen Schulmeister sein sollte. Aber meine Unschuld war — natürlich; Kindergeschrei — natürlich. Daß Lisanna die Hände rang, sich einschloß und schluchzte, daß ich es unter ihrem Fenster hören konnte — gleichfalls natürlich — wenn sie mich liebte! scilicet. Und daß die alte Russel alle Hände vollauf zu thun, und nicht Beine genug zu laufen hatte, war Alles natürlich! Aber unnatürlich, daß sie mir nachschrie „Ein schöner Schulmeister! ein schöner Maler! Es ist nur noch ein tausendes Glück, daß wir dahinter gekommen sind, ehe unsre Lisanna den Clarke geheirathet hat! Was daraus Alles hätte entstehen können! Nun Gott sei ewig gedankt! Man denkt, man ist in van Diemensland, in Hobarttown, wo altes Elend bloß abgebüßt wird! Aber, du lieber Himmel, es ist hier wie in Rowlandhill, in London, in England, in Europa, in der ganzen Welt!“
Ich ließ sie hausen, lief in die Nacht und in das Freie hinaus und dachte: Iliacos muros intra peccatur et extra! Aber Wer gesündigt hatte, und vielleicht extra, sc. muros schon — das wird schon zur Welt kommen, wie das unschuldige, liebe Neugeborne. Und doch that ich die ganze Nacht kein Auge zu, bloß um Lisanna, die Ich erst so ungerechter Weise mit Clarke beeifersüchtigt hatte, — besonders zuletzt auf dem elenden Steine — so gewiß es an sich möglich war! — — Aber o Gott, wenn sie nur auch wirklich über mich weinte! seufzt’ ich — Dann ist mir geholfen, und Ihr zu helfen. Ueber was weint sie denn aber sonst, und worüber kann sie weinen? Ueber — die Ausnahme von der Regel, die heut zu Tage bald die Regel ist? Ueber ein neugebornes Kind? Mein Gott, das weint ja selber genug! Aber, aber wenn Sie so schlecht ist, von mir, von Lambton, so schlecht zu denken — ach, wie ich doch schlecht genug gewesen war, von Ihr zu denken, einen Augenblick einen bösen, den elendesten Augenblick meines Lebens — wie sollte ich ihr da am Morgen vor die Augen treten? Wie sollt’ Ich ein Wort herausbringen, mich zu entschuldigen, wenn es nicht Clarke that — oder vielleicht der — Vetter Tydal! Da ging mir ein Licht auf, grade mit der Sonne, und so froh, wie sie, daß ich endlich einschlief, wie die Menschen in England, bei denen sie jetzt unterging. Man wird ganz confus in diesem Lande! Dort gehen sie schlafen, hier wachen sie auf! Ich möchte wohl wissen, wer eigentlich Recht hat?
Nun in dem kummervollen Schlafe in der Morgenkälte hatte ich wunderliche Träume auf meinem Steine; aber ich war auch wieder in England, in Rowlandhill! Ich sahe einmal die alte Anna, und die Schulkinder, und freute mich, daß mir die Glieder zitterten, und die Zähne klappten. Sir Horazio besuchte mich in der Schule, und ich machte ihm lauter gehorsame Diener. Das mußte mir wohl von dem öfteren Nicken und plötzlichen Vorfallen des Kopfes im Schlafe, im Traum einkommen! denn mich erweckte mit einem tüchtigen Stoße vor die Stirn unser großer Ziegenbock, der an mich gewöhnt, jetzt früh zu mir gekommen, mich nicken gesehen, und geglaubt hatte, sein Präceptor wolle sich heute einmal zu ihm herablassen, und sich mit ihm stoßen; und auf meine wiederholten Aufforderungen: „Butz! Butz!“ hatte er es gewiß erst mit schwerem Herzen gewagt und gestoßen! und ganz freimüthig, also tüchtig und derb-gehorsam als tüchtiger Ziegenbock. Er hatte mich auch überwunden, und stand über mir wie ein vierbeiniger Triumphbogen, mit seinem Bart, und leckte mir nun mitleidig das Gesicht, und funkelte mich mit den Augen an. Ich war ganz naß vom Nachtthau und zitterte noch vom Morgenfrost, und hatte Ohrenklingen, wie das Bild Memnonis beim Aufgang der Sonne. Daß ich meine Linden, meine Kinder, meine Anna wiedergesehen, hatte mich heiter gestimmt; daß mein untergebener Bock mich so subordinations- und respect-widrig behandelt hatte, brachte mich zum Lachen! und wer in irgend einer Lage lacht, der lacht; und der lacht, er mag wollen oder nicht, versteckt zugleich über seine ganze Lage; denn der ganze Mensch lacht, und auch weinen kann man nicht mit Einem Auge. Ich lachte und ärgerte mich dann wirklich weit weniger. Dennoch ließ ich mich nicht sehen. Denn man konnte ja — da man mich einmal schuldig glaubte, mich nun noch gar für schamlos und frech halten, wenn ich kam! und ach, auch wiederum für hartherzig, daß ich nicht nach Mutter und Kind sahe; wie es bloß die vornehmen Herren können, wenn sie ein armes Mädchen unglücklich gemacht haben. Darum wäre ich bald hingegangen! Aber Lisanna, Lisanna! Ich war so böse auf sie, daß ich sie auch bald Anneli — — gescholten hätte. Mich für so schlau, so versteckt und so verstellt zu halten, daß ich unter dem Deckmantel der Liebe zu ihr — — Aber war der Schein nicht wider mich, und Clarke’s Schönheit? Und in dem Liebes-Rechtshandel trat ein vierbeiniger hölzerner Zeuge, der für zwei lebendige Zweibeinige gelten konnte — das frühere Eine Bett — gegen mich auf; das Zusammensein, das Schwatzen mit Clarke bis tief in die Nacht. Doch that er mir leid — wie mußte ihm zu Muthe sein! Und nur das Vertraun auf Doctor Toland den Menschenfreund, und auch meinen, beruhigte mich über seine Behandlung, wenn etwa das Mädchen oder Weib — ja ja Weib, das ist mir eine Herzstärkung von ihm zu vermuthen — nun büßen sollte, was Clarke der Maler durch seine Kleidung verschuldet. Vielleicht auch nicht.
Nur die schöne Talo war mir ein lächerlicher Trost. Hatte sie sich nicht in Clarke verliebt? und hatte Clarke das sinnige arme Kind nicht manchmal mitleidig sogar umfaßt und geküßt, um sie mit geistigem Zuckerbrot zu nähren wie einen Canarienvogel mit dem wahren leiblichen vom Zuckerbäcker. Das gefällt mir jetzt allerdings von ihm. Doch verrieth ich es auch damals nicht, so sehr ich zürnte über allen Scherz in der Liebe, und warnte bloß die kindgute Talo in Lisanna’s Gegenwart, vielleicht etwas zu schulmeisterhaft; zu sehr überzeugt, daß der Scherz in der Liebe der bittersüßeste Ernst sei; denn alle großen Leidenschaften spielen mit dem Leben, und Scherz, Herz und Schmerz reimt jedes Kind zu leicht! Denn Talo, die treue Seele, fing — damals — an zu weinen! und auch Lisanna — als wenn ich Sie auch mit ihm verdächte. Und ich will mich von dem Doppelsinn meiner Warnung nicht frei sprechen! Ich hätte Talo vielleicht — schändlicher Weise — gar nicht oder doch nicht so gewarnt, wenn ich nicht Lisannen warnen wollte! Ach, die Liebe ist wohl der Grund von allen guten und bösen Gedanken und Werken in der Welt! Aber das Böse ist nur der Schatten der Liebe! man haßt den Einen nicht, man liebt nur den Andern; wie der arme Vater Brot nimmt, und seinen hungrigen Kindern bringt! Mir kommt es immer so vor, als wenn er es nur brächte; nur bringen, nicht nehmen wolle. Ich kann auf keinen Menschen böse sein, höchstens thut mir einer leid, recht leid, noch ohne daß er einmal ein Vetter von mir ist! Was muß also nicht erst der fühlen, der ihr Vater ist? Wenn Er immer die Liebe ist: Liebe! Ich getraue mich hierin Recht haben zu wollen. Mir thut es bitterlich weh, daß ich mich auf dem Steine so abscheulich mit Clarke gezankt hatte, oder, daß ich ihn doch hatte so angreifen wollen, und er es sich so zu Gemüthe gezogen, daß er sich sogar entpuppt hatte; was freilich wohl Alles auch ohne mich, vielleicht zu selbiger Stunde, geschehen wäre. Ich hatte das Heimweh so arg, wie eine Krankheit; ich durfte es haben, denn das Patrik’sche Patent-Mittel dagegen, wuchs ja für mich in Altengland nicht — vielleicht auch ja!
Ich sahe in meiner Angst schon am Morgen von der Höhe im Felde in das Meer hinaus, sahe Schiffe kommen, und erkannte zuletzt das meines Herrn Samuel! Mir klopfte das Herz; ich trieb in den dunkelsten Wald. Spät nach Mittage hört’ ich Talo’s Stimme mich rufen. Ich war in keiner geringen Verlegenheit, als ich vor Sir Samuel erscheinen sollte! Aber zur Abendmahlzeit! Was sollte das bedeuten? Talo sagte mir weiter kein Wort, denn sie schämte sich vor mir, wie ich mich vor ihr, und eilte mir voraus. Ich trieb meine Schüler nach der Hürde, langsam und zögernd. Dann schlich ich nach dem Wohnhaus. In der Hofthür begegnete mir Lisanna. Wir standen beide, stumm uns ansehend, vor einander; die Füße versagten mir den Dienst. Ich lehnte mich mit dem Gesicht an die Wand und hielt mich fest mit flachen Händen; sie schlich nur an mir vorüber. Als ich mich umsah, war sie verschwunden. Ich bedauerte herzlich, und mit gefalteten Händen, daß man die Unschuld, die Gedanken, die Liebe nicht sehen kann! Das wäre doch viel besser, und ersparte tausend, ja alle Mißverständnisse, Spione, Foltern, Inquisition und Justizmorde. Auch die Gesandten hätten es leichter. In Summa: dadurch würde eine neue Welt, eine neue Sprache, ein neues Menschengeschlecht, ja ich behaupte: Engelsgeschlecht! Dem Herrn, der so viel Wunderbares eingerichtet, der das Johanniswürmchen erleuchtet, den Diamant durchsichtig geschaffen, war die Kleinigkeit auch noch eine Kleinigkeit! Wie gute Wege den Verkehr verkürzen, so würde, wenn jede Brust ein illuminirter Telegraph wäre, jedes Geschäft viel kürzer, das Leben also viel länger sein. Auch viel süßer und sicherer! denn Jeder kennete seinen Mann, und seine Frau, Notabene. Und wie keine Frau, ja kein Mann mit Flecken im Kleide gehen will, so müßten dann Alle mit reiner Seele erscheinen. Das wäre wohl Manchem und Mancher ein Schweres, es gäbe dann wohl so viele arme Seelen — wie jetzt arme Schelme in Lumpen. Und wenn der Mensch einmal durchsichtig wäre, dann sähe man auch, was jeder im Magen hätte; und welcher Schulmeister ließe gern alle Tage dreimal seine richtigen Kartoffeln darin bedauern? Ich schon nicht! „Das allzuschwere Fleisch,“ wie Hamlet sagt, ist also recht weise den armen Seelen zum Kleide gegeben, wie die Kleider eine Wohlthat für die Häßlichen und Alten sind. Man sieht doch ein Halstuch mit Spitzen; einen seidenen Rücken, feine Casimirhosen und blanke Schuhe, statt magerer Beine &c.; wie man nun feine gefällige Rede hört, statt List und Trug. — „So“ ist gut! sagt ja Crabbe. —
Ich hatte kaum seiner gedacht, als mich der leibhafte Crabbe, wie der Wolf in der Fabel, umarmte! Ich traute meinen Augen kaum.
Ja, ja, sagt’ er lachend, Wir sind die Seekälber, die Herr Samuel das Mal mitgebracht hat! Das war ein wüstes Leben in der Wüste, wo wir mit dem Boot in der Wasserhosennacht gestrandet! —
Phylax, der mir nachgekommen, sprang an Crabbe in die Höhe, und grüßte ihn mit Gebell. Nun herein! rief Crabbe, hinein! Dabei drängt’ er mich so in das Zimmer, daß ich sehr uns schicklich und plötzlich vor der Gesellschaft darinnen erschien, und der freundliche Stoß sie um meinen gehorsamen Diener brachte. Capitain York bewillkommnete mich schon von weitem, Stephan und William hingen an meinem Halse, und selbst Mistriß Distreß freute sich, daß sie mich wieder sahe. Das konnt’ ich ihr glauben. Wer sich freut, daß er einen Andern wiedersieht, der lebt ja selber! Mich aber freut’ es am meisten, auch um meinetwillen, den Vetter Tydal zu sehen! Auch der gute dicke Roßborn fiel leicht in die Augen, und die Stimme des braven Predigers Patrik war nicht zu verhören. Heut, hier, lernte ich mir ihn nun ordentlich auswendig: Ein sehr schöner, hoher, hagerer Mann mit schwarzem kurzem Haar, schwarzen glühenden Augen und länglichem edlen feinen Napoleonfarbigem Gesicht; ein Napoleon an Freimuth und Kraft und durchdringendem Verstand, mein unvergeßlicher Patrik, redlich und offen, furchtlos und kindgut, wie kaum ein Mensch jemals wo und mehr in der Welt. Jeder König hätte Muth bedurft ihn zu hören, ja jeder Geistliche; den allergrößten Muth aber hätte der Papst zu einem öffentlichen Colloquio mit ihm bedurft. Denn Er, nämlich, versteht sich Patrik, leuchtete ganz vom Geiste der Wahrheit und brannte freileuchtend, wie ein großes stilles Gestirn — am nächtlichen Himmel. Und mir war er — Freund. Es ging gleich zu Tische. Auch Lisanna war dabei; und jedes Wort, das Capitain York sprach, mich zu legitimiren, war mir in Ihrer Gegenwart eine Guinee werth. Doch als man zuletzt Herrn Tydal eine Gesundheit „auf die Bevölkerung von van Diemensland“ zutrank, als der Vetter zum Vater ward, da ertrug es das gute Kind nicht länger, und ging vom Tische. Sie sprang auf Talo zu, schien ihr etwas zu sagen und hielt sie dabei umarmt. Sir Samuel schien noch etwas ungehalten, aber er hielt sich doch, und Frau Russel war am meisten darüber unwillig, daß sie sich mit all’ ihrer Klugheit doch getäuscht hatte!
Doctor Toland besänftigte Beide und sprach: Die Deportirten kommen ja nicht ohne Fehler hierher, sondern grade sie abzulegen; und der kleine lebendige Fehler der Miß Clara ist so munter und holdselig, daß wir ihrer Schamhaftigkeit schon vergeben müssen, wenn sie lieber länger das Ansehen eines lobenswerthen Jünglings, als eines tadelnswerthen Mädchens haben wollte! —