Auch ist sie ja Herrn Tydal nur aus Liebe hieher gefolgt, nahm Herr Roßborn das Wort; und um das Glück ihrer Verbannung mit ihm zu erlangen, täuschte sie nur mit schwerem Herzen! und langte nur mit ihren sehr niedlichen Fingern in Strandstreet im Laden nach dem — freilich nicht ihr gehörigen — unbedeutenden Malergeräth, das ihr aber ganz Hobarttown werth war! Auch ist sie selbst so darüber erschrocken, und wie versteinert stehen geblieben, daß die schwerste That — sich selbst zu verrathen, ihr leicht gemacht ward von ihrem reinen Gefühl. Herr Prediger Patrik wird sie dann trauen, und ein Viertelstündchen nachher das Kind taufen, damit doch einigermaßen die Ordnung hergestellt werde, was unsere Pflicht ist! —
Ich ward bald blaß bald roth, und herzte die Knaben links und rechts. Am meisten beschämte mich Capitain York’s Toast auf mein-Wohlergehn. Er dankte mir, zur Rede aufgestanden, „daß ich das Schiff Sr. Majestät durch meine Bemühung erhalten“ — ohne auf das Wunder Rücksicht zu nehmen, das uns gerettet. — Er sagte „ich hätte das Wort Gnade noch einmal über 100 Menschen ausgesprochen.“ — Ist mir ganz unbewußt! — „Und es müsse und werde mir hier und dort wohlgehen.“ In van Diemensland und in England! dacht’ ich bei mir; denn Der in dem wahren Dort weiß Alles das ja besser. — „Unterdeß wird sich Sir Samuel für uns Alle abfinden.“ — So kann es Einem gehen, wenn man nicht ertrinken will! dacht’ ich bei mir; und wenn ich recht gehört, so weinte Lisanna in dem Jubel. Herr Roßborn erklärte mich für frei, und dankte gleichfalls, bat aber nicht um Verzeihung. „Ich habe meine Schuldigkeit gethan, sagt’ Er, und Sie, Herr Lambton, sind so ein pflichtdurchdrungener Mann, daß ich mir von Ihnen meine Pflicht nicht darf vergeben lassen! Ich werde mit dem Gouverneur Macquarie sprechen, der dieser Tage hier ankommen wird, und einen guten Gehalt als Lancaster- und Sonntagsschulmeister, wenn Ihnen Beides nicht zu viel ist, kann ich Ihnen im voraus versprechen — wenn Sie bleiben wollen. Aber Sie wollten doch nur gute Menschen aus Kindern bilden in ihrem Rowlandhill — und hier sind Kinder! und hier ist Rowlandhill!“ — Ich konnte für so viel Glück und Gnade gar keine rechte Worte finden, und bat nur Sir Samuel mit Thränen, mich in seinem Hause zu behalten! — „Ist denn mein Haus Ihr Glück? oder in meinem Hause?“ sprach er, mich lächelnd von der Seite anblickend, und dann sich im Zimmer umsehend. Lisanna verbarg sich hinter Talo, welche für sie und für sich ein gleichsam doppelt lächelndes Gesicht annahm, und nach Sir Samuel sah. „Daß ich gut gegen Sie denke, sollen Sie erfahren, Herr Lambton;“ fuhr er fort. „Ein Schulmeister muß eigene Kinder haben, wenn er Anderer Kinder lieben soll. Die Liebe zu Andern ist bloß eine Uebertragung unserer Liebe zu den Unsern: auf Andre. Aber als diese Versetzung oder Phantasie ist sie noch alles, und alles von Allen zu fordernde Mögliche, jedem nun klare wohlthät’ge Himmlische; und zu Kindern gehört, meines Wissens, eine Frau nothwendig; und für diese Noth hab’ ich Rath und That. Moses hat bei Jethro Schafe gehütet, und ist Moses worden. Jacob hat um Rahel 7 Jahr gedient, und gewiß allerlei Vieh gehütet, und auch wohl mit dem Bieseln der Kühe seine tausendste Noth gehabt, wie Sie! und die rothe Brausche auf Ihrer Stirn, die Ihnen heut’ Morgen der Bock gestoßen, wird sich auf einige Weinumschläge verziehen, noch ehe Sie ein Bräutigam werden, wie man sagt. Uebrigens pflege ich Jeden, den ich in mein Haus nehme, zuerst an Gehorsam und Arbeit zu gewöhnen, welche nicht nur verstatten „ein Mensch zu sein,“ sondern erst recht zu werden. Auch Lisanna erzieh’ ich nach alter Weise, welche die einzig wahre bleibt, um sie glücklich zu machen! Denn die alten Königstöchter trugen Wasser vom Brunnen, spannen und webten — und liebten, daß sie vor Freuden vom Cameele fielen, wenn sie ihren Bräutigam sahn, und waren glücklicher als die neuen. War ich oft hart gegen das liebe Kind, so hatte das seine Ursachen, die an Ihr und Mir nicht liegen, deren Wirkungen wir Beide nur dulden — um der argen Welt willen, um nicht zu sagen der „schönen Welt.“ —
Darauf schwieg er mit finstrem Gesicht. Herr Prediger Patrik nahm in dieser Frist das Wort und sprach: Ja, Gehorsam und Arbeit sind die beiden Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft und des allgemeinen Glückes! Wehe denen, die sie nie gekannt, nie gelernt haben und an sie nicht gewöhnt sind! Jeder Mensch darf nur arbeiten, wozu er Neigung hat; und aus den verschiedenen Neigungen, welche weise von der Vorsehung allen verschieden zugetheilt sind, entsteht doch ein mit Allem wohlversorgtes, wohl in Ordnung gehaltenes Ganze. Und jeder Mensch darf nur so viel arbeiten, als die Bedingung gesund zu bleiben erfordert. Faulheit ist die Quelle aller mit Recht so genannten Unthaten; und die Quelle der Faulheit ist die Unkenntniß des wirklich Guten. Denn Jeder ist eifrig, ja unermüdlich nach dem, was Er für reizend und strebenswerth hält. — Und den Gehorsam, die Gewöhnung einem fremden, ja nur dem eigenen Willen unterthan zu sein, o mein Gott, wenn ich diese nur mit Engelszungen predigen könnte! Allen Müttern und Vätern zuerst, die ihn das Volk der Kinder lehren sollen! Denn im Leben verlangt ein Gott den unverbrüchlichsten, ruhigsten, immergleichen Gehorsam gegen die Gesetze seiner Welt von jedem, der glücklich sein will. Er läßt dagegen denken und handeln — aber die Gesetze walten allmächtig und eisern fort, und zermalmen den ohn’ Erbarmen, der sich nicht fest an sie anhält. Denn so nur besteht seine Welt, und gehen seine Sterne so richtig. Welcher Sohn seinem Vater nicht gefolgt, der wird ein Ungehorsamer bleiben gegen Gott und Menschen; und welche Tochter ihrer Mutter nicht Arbeit abgelernt, die wird ihrem Manne und ihren Kindern verderblich sein. Denn wo das Gute nicht ist, da ist das Böse! Wo Frühling ist, da hat der Winter die Macht verloren, und das Menschengeschlecht darf nicht das Böse ausrotten, nur das Gute pflanzen. Deßwegen muß die Schule eine ernste, kirchenheilige Anstalt sein! Ein guter Lehrling wird ein guter Meister, ein guter Schulknabe ein guter Bürger. Denn im Leben ändern sich nur die Gegenstände, die uns beschäftigen — das Gemüth, der Eifer, der Sinn, die Thätigkeit sollen dieselben bleiben. Nur andere Zwecke, so ist die Schulstube das Vaterland und die Welt für den Menschen. Wie das Vaterhaus Ihr Vaterhaus war, muß das Haus (Parlament) Ihr Haus — wie der Vater Ihr Vater war, der König Ihr König sein, die Gesetze Ihre Gesetze, und seine Diener im ganzen Reiche Ihre Diener, Alle Menschen umher ihre Gehülfen, Lehrer oder Lehrlinge und Ordner, wie in der Lancasterschule. Wie schon als Kind findet sich dann im Leben jeder berechtigt, zu helfen, zu lehren, zu warnen und abzuwehren! Wenn Menschenliebe, das heißt also menschliche Liebe, in ihnen lebt und strebt, dann bedarf es keiner Gesetze; denn die Gesetze überflüssig machen, allmälig alle einschlafen lassen bis auf das Eine, das Selige: die Liebe zu den Unsern und durch sie zu den andern Bildern des Menschen — das ist der Triumph des Volkes, und der Beweis seiner Bildung. Der Liebe fähig, beladen von ihr ist die ganze Welt; auf Erden haben sie alle Gebilde, alle — niederträchtig oder unbedacht sogenannten Thiere, von Maus bis Elephanten, von Wallfisch bis Biber. Aber die Thiere haben keine Phantasie, und lieben aus eingeborener Kraft und Macht nur sich und die Ihren, aber sie sind furchtbar allen Andern, eben nur ohne die einzige wahre Mittlerin: die Phantasie. Fähig der Phantasie ist auf Erden nur der Mensch, — der Mann, das Weib, die Jungfrau, der Jüngling, schon das Kind mit seiner eingeborenen Liebe, und durch sie folgsam jedem Gesetz Gottes oder der Menschen, wenn es außer Ihr noch Eines gäbe! Der Mensch voll Liebe und, wohlgemerkt, voll aufgethaner Phantasie — der Einbildungskraft, der heiligen Kraft sich in Andere einzubilden, und somit Andere, alle Anderen so treu und lieb zu empfinden wie sich — der Mensch wird kein Gesetz übertreten, Keinen beleidigen, sondern Jedem helfen, wo und was er kann, und unendlich mehr thun, als man ihm vorschreiben könnte. Und wo, wandte sich Herr Patrik an mich, wo werden solche Menschen gebildet, durch Gottes in allen Menschen bereite gestaltete Kraft? Schüler, die einst Führer der Andern zu sein verstehen, künftige Armenpfleger, Vormünder der Waisen, Beistände der Wittwen? Wo, Herr Lambton? — Ich antwortete fragend: Wohl in der Lancasterschule! — Wo, fuhr er fort, hat man nur Eine Tafel mit dem Ordnungsgesetz, und nur Eine mit dem Sittengesetz? Wo lehrt man Einen den Andern lehren, sein Leben ordnen, und es Andern ordnen? Wo, mein Lambton? —
Wohl in der Lancasterschule! versetzt’ ich.
— Ja, wohl, sehr wohl, am besten da! sprach Er. Und wo wird dem Könige, dem Richter, dem Prediger ein gehorsames arbeitsames, wohlgesittetes und belehrtes Volk zugebildet, und dadurch wieder dem Volke wohlgesittete, wohlbelehrte, arbeitsame, getreue Richter, Prediger, und dadurch endlich eine glückliche, selige Menschheit, ein Reich Gottes — Lambton?
In der Lancasterschule! bestand ich mein Examen. —
Und das wollen Sie bei Uns, nach allen Ihren Kräften, allem Ihrem Verstande treu und fleißig thun, lieber Lambton? frug mich Herr Patrik gerührt, und reichte mir seine Hand dar.
— Ich schlug ein, und unter einer rauschenden Gesundheit „Lancaster für immer!“ weinten wir Beide.
Da ging die Thür auf, und blieb offen stehn, es schallte Gescharr und Wirwarr herein. Was war zu sehn? — Hobday hatte Crabben vorher schon weggewinkt, und Crabbe wiederum Stephan und William. Und wahrlich nunmehro ganz zur Unzeit brachten sie lärmend den von den Lichtern geblendeten stutzigen Bock, als Sieger bekränzt, hereingeführt und nachgestoßen an unseren Tisch, wo ihn jeder besah, am Barte bezupfte und mit Dessert fütterte. An Mistriß Distreß stieg er, unter einem lächerlichen Hurrah! auf die Hinterbeine, und ließ sich ihren Blumenstrauß schmecken. In dem Aufruhr schlich ich in die Küche, wo Lisanna beschäftigt stand, ein Häutchen aus einer Eierschale zu schälen. Schweigend sah ich der Schweigenden zu. Kein Wort, kein Blick. Dann trat sie vor mich, strich mir die Haare aus der Stirn, und ein wenig auf die Zehen gestellt, legte sie mir es auf, mit einigem sanften Schlagen wohl mehr als nöthig war. „Das hätte eigentlich gleich geschehen sollen!“ sprach sie. Ich aber, um indeß nicht die Hände steif am Leibe hinunter zu halten, und die schlank Ausgedehnte im Gleichgewicht zu erhalten, daß sie mich nicht berühren müsse, nicht an meine Brust antreffen — legte meine Hände sanft in ihre Seiten, hielt den Athem an, und schloß die Augen. Aber ich fühlte doch Ihren Hauch — ach, wenn Sir Samuel Sie mit dem Glücke gemeint hätte, was ich ganz leise leise in meinem dunkeln seligen Kopfe meinte! Und ich weiß nicht, sie lächelte doch horchend, als ich sie wieder ansah, stand noch ein Weilchen — erröthete, und schwebte dann von der Flamme des Herdes beglänzt hinaus. — Denn Doctor Toland kam — und gab mir — was gab er mir wieder — mein Tagebuch! Heben Sie es besser auf! sprach er zu mir. Doch werden Sie mir vielleicht und dem Schicksal danken, daß ich es fand, und als das beste Recept für Lisanna’s Krankheit, es ihr verschrieben. Denn die Russel, gestern Abend, um den leidenden Zustand des lieben Kindes ernstlich besorgt, hatte mich zu ihr geschickt, und als ich leise zu ihr eingetreten, verrieth sie sich selbst durch schwere Seufzer und Klagen über einen gewissen Lambton! Ich schlich wieder aus dem dunklen Stübchen hinaus, holte Licht und kam nun laut geschritten, und setzte mich zu Ihr, um etwas vorzulesen. Sie ließ Alles geschehn. Ich las, sie ward still; sie setzte sich auf in den Kleidern; sie sank wieder hin, und weinte wieder, aber Freudenthränen, Reuethränen — ich las nun von Ihr — dann sprang sie auf, sie! mir um den Hals — ja sie küßte mich sogar still und fest, und versiegelte mir Lippen mit Lippen, und lachte und jammerte und war zornig auf mich und Euch. Sagt was Ihr wollt, aber jede Verwirrung ist eine Krisis, je ärger, je kräftiger! kürzer! Die krumme Linie ist auch ein Weg! der Gestirne Weg durch den Himmel! Alles verdankt Ihr Clarken! Verdankt es ihm auch! Sie, die nunmehrige Clara Tydal, läßt Euch bitten, ihr Kind aus der Taufe zu heben. Das Heft hatt’ ich in Miß Clara’s — und Eurem Zimmer gefunden, — auch Sir Samuel hat heute schon darin geblättert und die Russel mit der Brille ihm über die Achsel gesehen. Nun, werden Euch auch Sir Samuel’s, Roßborn’s und Patrik’s Tischreden verständlich sein! und wer das Gedicht an das Nordlicht gemacht hat — Ihr ließet Euch ja nicht sehn. Nun frisch, angezogen, und Pathe gesessen meinetwegen, wenn Ihr vor Freude und Scham nicht stehn könnt. Talo wird auch getauft! —
Ich glühte über und über! Er war wie verschwunden, während ich auf mein Heft sah!