In meinen Rock war bald gefahren, und mit erleichtertem Herzen ging ich die Treppe wieder nach unserem Stübchen. Darin fand ich die ganze untere Gesellschaft schon versammelt, den Bock ausgenommen. Miß oder in Wahrheit und Ehren: Mistriß Clara, in dem weißen Sonntagskleide der Lisanna, sehr blaß und lächelnd, hieß mich willkommen, wie einen bekannten Freund, oder Bruder. Sie putzte an dem Kinde, welches Talo auf den Atmen hielt; und diese schien nun, anstatt in Clarke, in das Kind verliebt! — Wunderbar! — Tydal machte den Kindtaufen-Vater, stellte den Tisch in die Mitte, half ihn mit dem weißen feinen Tuche behängen und die 4 Zipfel aufstecken, stellte das silberne Becken darauf, und die gefüllte silberne Kanne darein, und fühlte noch mit dem Finger nach der Wärme des Wassers. Lisanna nahm nun das Kind von Talo’s Armen, und die schöne, vor heiligem Zagen blasse Talo trat nun mit dem sinnigen, friedevollen Gesicht als Taufkind vor den Tisch. Herr Roßborn, Doctor Toland und Mistriß Distreß, stellten sich als Pathen um sie, dieß Mal alle Drei der unmöglichen Mühe überhoben, das Taufkind zu halten, und für dasselbe dem Teufel zu entsagen. Nach einer schönen Rede, die ich leider nicht erhalten konnte, weil sie Herr Patrik aus dem Kopfe, nein, aus dem Herzen sprach, tauft’ er die rührend Hingebeugte. Sie weinte in Einem fort, nur nicht störend, wie ein kleines Kind; aus ihren Augen tröpfelte der fromme Thau in das ausgegossene Wasser, und sie ward mit ihren eigenen Thränen getauft. Dann trat sie zurück, sahe Alle mit himmlischem Lächeln an; fiel mir als ihrem Lehrer in die Arme, und wollte mir danken, aber sie schluchzte nur. —
Herr Patrik stand indeß mit gefalteten Händen, und erwartete das Brautpaar. Bei der Trauung von Tydal und Clara hörte ich mit Erstaunen ihren wahren Namen. Welch vornehmes Kind! welcher reichen Eltern! Ob aber der Malerkunst wegen in Tydal verliebt, oder Tydal’s wegen in die Malerkunst, das ließ mir ihr unwidersprechliches Talent zu lieben und zu malen, nur zu errathen übrig.
Talo war deßwegen zuerst getauft worden, daß Sie — zugleich mit Lisanna und mir, nun bei Clara’s Kinde Pathe stehen könne. Frau Russel bemerkte halbleise gegen Sir Samuel: „der Taufstein trennt! Sie dürfen nicht zusammen stehn!“ — Er zuckte die Achseln, aber, sich fügend, winkte er Herrn Patrik auf die Seite, und sprach heimlich und lächelnd mit ihm; dazwischen ließ er ihm etwas Goldfunkelndes — gewiß zwei Ringe, in die Hand fallen, und sie klangen leise! — In Gottes Namen, sagte nun dieser ganz laut, trau’ ich sie erst. — Wen konnt’ er meinen? War Talo ein Mann, wie Clarke ein Weib! und wollt’ er Talo und Lisanna trauen? — das wäre herzbrechend! — Oder war gar Lisanna ein Mann? — das wäre entsetzlich! wenn sich gleich Talo darein gefunden und ergeben, daß Clarke Clara war! — Ich sahe sie an — nein, sie war ein Weib! in vollem Wuchse, voller Schöne, in der Halle der Jugend, mit einer Hand noch die Jungfrauen, ja die Kinder haltend, mit der andern von den Weibern gefaßt und gezogen, ihre Königin zu werden. — Oder wollt’ er mich und die Talo traun? War Sie das Glück in Sir Samuel’s Hause? Ach, Talo hatte ja vorhin ihm zugelacht und genickt! Mein Gott — und Talo sahe mich jetzt auch lächelnd an! Um Gotteswillen, was wird daraus werden? Muß ich mir denn geradezu Alles gefallen lassen, weil ich — Lambton bin! Doch so schön auch Talo war, ich hätte am Altare, denn das bedeutete nun der Tisch abwechselnd mit Taufstein, am Altare noch Nein! Nein! Nein! um Hülfe gerufen! Herr Toland aber, der Menschenfreund! faßte meine linke Hand und — Lisanna’s rechte — ja die rechte! und führte uns, die wir uns ansahen, anglühten — zögern wollten, nein, nicht wollten, nur vor Entzücken scheuten, und doch führen ließen vor den Tisch des Herrn. Frau Russel, deren Fortschleichen ich gar nicht bemerkt, kam jetzt leise hinter Lisanna getreten, und setzte ihr einen grünen Jungfraunkranz von den schon schlafenden Myrten leicht in das Haar. Sie ahnete ihn mehr als sie ihn fühlen konnte, und erröthete rosig im Antlitz, und rosig über, Nacken und Brust. Herr Patrik nahm das sechste Gebot zu seinem Text, als Casualprediger, und bearbeitete ihn so, wie ich es in meinem Leben nicht gehört. Und doch weiß ich die Worte nicht mehr, ich fühle sie nur, ihre Glut durchrollt mich warm, wie ein Fluß, von der Sonne erwärmt, die schöne Sommernacht noch lieblich dahinfließt, wenn nur der safranfarbige Nachtschein in ihm glänzt. Trauen sehen, und getraut werden, ist doch ein Unterschied! Das kleine Zimmer war mir nicht allein eine Kirche, ach, der Himmel! Mutter und Vater erschienen mir im Geiste, und der Großvater stand hinter ihnen mit einem Heft Lieder mit goldenem Schnitt, wie Hochzeitgedichte unter dem Arm — aber er stand da in seinem abgetragenen, braun gewordenen grauen Rocke, seine alte Mütze in der Hand, daß es recht gut war, daß er unsichtbar war! Sogar die alte Anna erblickt’ ich; sie hielt die blaue Schürze vor die Augen und weinte, und wandte den Kopf seitwärts und horchte auf die Traurede. Auch Marion stand vor mir da, und beurtheilte Lisanna, und Sir Horazio, und seine Theano mit dem Kopf auf seine Schulter sich lehnend — und über Alle sahe der rothe Daniel hinweg, und kümmerte mich wenig. Nun war Ich so weit, wie viele Tausende vor mir. Nun sollt’ Ich die Erde füllen, so sprach Gott zu mir und meiner Lisanna, das erste Wort, was er zu Menschen geredet. Meinetwegen hatt’ Er von Adam die Ribbe genommen, der gute Vater! Meinetwegen hatte Lisanna’s Mutter Schmerzen ertragen, Nächte durchwacht. Die gute Mutter! Gott segne sie! Wer und wo sie sei! — Aber Lisanna blieb — Lisanna! Ihre Eltern unbekannt, und ich mußte sie nehmen, und nahm sie voll Freude, wie eine köstliche Blume voll Pracht des Wuchses, der Bildung und der Farben, nur unbenannt. Sir Samuel weinte laut während der Trauung, und ich hörte ihn sogar seufzen: „O wie glücklich könnt’ ich sein!“ Nach der Einsegnung schloß er Lisanna in seine Arme, und mich Frau Russel in die ihren! Polizeidirector Roßborn, Capitain York und Steuermann Crabbe unterschrieben sich unter Patrik’s Trauschein als Tranzeugen. Ich weiß nicht, was ich geredet, gehört und gesehen habe, und was geschehen, bis Tydal’s Kind — das Gott sei ewig Dank, nicht Lambton hieß! getauft wurde. Ich war so von Kräften, daß ich wirklich nicht stehen konnte, und mußte Pathe sitzen, wie es mir Doctor Toland vorausgesagt. Er hatte also auch alles Andre vorausgewußt, und vielleicht, o gewiß, mir bereiten helfen! Der Menschenfreund! Gott segne ihn, und Sir Samuel, und sogar auch die böse Russel! Sie bedarf Gottes Segen am ersten, am meisten. So betet’ ich im Herzen. Denn ich war ihr nun Dank schuldig, so schönen Dank, wie Lisanna!
Lisanna schwebte dann leise hinaus, hinab, hinüber in den Garten unter die duftenden Brotfruchtbäume. Es war später Abend, oder frühe Nacht, und von dem Tage im Vaterlande schimmerte nur ein Safranschein, wie der Rand eines goldenen Tellers herauf. Aber ich war ihr nahe gefolgt, auch sah sie sich heut’ nach mir um! ja unter den Cocospalmen erwartete sie mich. „Nun muß ich Dir um den Hals fallen!“ sprach sie feurig. „Nun muß ich Dich an das Herz drücken!“ sprach ich. Das war unsre ganze Rede. Dann setzten wir uns in die Blumen, und hielten uns umarmt: Sie lehnte das Köpfchen an meine Brust; ich sahe hinaus über das murmelnde Meer, daraus silberner Duft aufstieg, und in dem Dufte strahlte das schönste Sternbild, das ewige Kreuz, golden hervor mit seinen ewigen Lampen, und stand wie ein Geist, herauf getaucht, auf den Wassern, bis es unsichtbare Engel schienen in den Himmel zu heben. Ueber uns in den Zweigen ließen junge Vögel im Nest ihre zarte Stimme hören, und Mutter und Vater redeten ihnen zu, und zwitscherten sie in den Schlaf. Sterne fielen von Zeit zu Zeit, und drunten im Flusse sprangen die Fische plätschernd aus der schimmernden Flut; in die laue Nacht. — So saßen wir, wer weiß wie lange! denn der Mond ging nun auf, und beleuchtete uns. Darum schlichen wir nach dem Hause. Ich nahm an der Thür zu Lisanna’s kleinem Zimmer gute Nacht mit einem Kuß, und immer wieder; und sie küßte mir gute Nacht, und entließ mich doch nicht, noch nicht! Drinnen aber hatte sich der Mond schon auf ihr Bett gelegt! Und heut’ bedeutete mir sein feuriger Schein des Nordlichts Glanz:
Der wallend in das freundliche Gemach,
Wie eine Rosenflut vom Himmel floß,
Und blinkend schien das reinliche Gefäß
Vom Simms der Wand und schattete sich ab;
Und glimmend, und doch nicht verglimmend, schwamm