Sie sprechen fast wörtlich aus Patrik’s Predigten, bester Lambton! Aber hören Sie! und wenn Sie Lisanna lieben, werden Sie um Ihres Glückes willen Ihr eigenes Glück mit in den Kauf nehmen.

Selbst um mein Unglück! sprach ich hastig. Es wird wohl so sein! —

Hören Sie ruhig zuerst mein Unglück! und wer ein größeres kennt, als ein treuloses Weib, dem will ich nachstehen; sprach Sir Samuel. Doch nach und nach gewöhnt sich der bessere Mensch, nur das für Glück oder Unglück anzusehen, was Er Gutes oder Böses thut, nicht was ihm gethan wird. Ich habe 15 Jahre nicht geweint, bis zu Ihrer Trauung; denn Lisanna konnte mein sein, meine Tochter sein von meinem Weihe. Aber als ich erst unglücklich ward, war ich das Unglück nicht eben gewohnt; das ist das Unglück des Unglücks; und leider wird man erst besser durch schlechter sein, als gut ist. Das mag mich im Voraus entschuldigen! Jetzt bin ich im Klaren, und wenn ich Allem nachdenke: so fehlt’ ich zuerst gegen die alte Regel, und glaubte nicht, daß eine Tochter so wird, wie die Mutter gewesen ist. Das Schicksal begünstigte mich wenigstens mit keiner Ausnahme. Mir hatten Canova’s glatte Weiber und die Venus von Medicis den Kopf verwirrt — mich reizte nur die schöne Form, ohne mit Augen zu sehen, daß man sie auch dem Marmor aufdrücken kann. Die schönsten Blumen riechen nicht, die schönsten Vögel singen abscheulich; Ihr Schmuck ist ihr Werth, und die Schönheit ist gewiß das Anlockendste für den Liebenden. Aber das Weib muß mild sein, schweigsam gleich der Natur, sich immer gleich, wohlthätig, uneigennützig, ja großmüthig; sie muß den ewigen Sinn der Natur, so weit ihn eine menschliche Seele fassen kann, aus sich kund geben, das heißt: lieben! — Daß davon Gelehrsamkeit, — nicht weiser Sinn; Schautragen von Schönheit und Reizen, — nicht Schönheit und Reize; Werthlegen auf weltliche Güter, — nicht ihr Besitz selbst, ganz ausgeschlossen sei, ist eine Bedingung, die unerläßlich ist, wenn der Mann nicht bloß Menschliches, Weibisches, Gemeines in ihr erkennen, und — Sie fliehen soll! nicht sehen soll, daß sie Viele, oder nur Zwei liebe, also Ihn nicht, und überhaupt nicht liebe. Denn die Liebe ist das Erfülltsein von Einem, die Liebe liebt Eines, das Einzige, Schönste für sie. Deßwegen sind Schönheit, Rang und Gold auch wiederum nicht im Stande, so die Jungfrau zu gewinnen, als die süße Sprache des Herzens, voll Gefühl, Tapferkeit, kurz alles dessen, was überhaupt den Mann sie ahnen läßt. Feigheit — nicht Versöhnlichkeit, Verschwendung — nicht Armuth, kaltes oder gar schlechtes Herz — nicht ein begrabenes, und vollends Lächerlichkeit, die Travestie der Menschenwürde, zersetzen gewiß, und oft plötzlich, die Liebe auch in den vorher befangensten Jungfrauen. Wir sahen daher so viele, schöne, reiche und vornehme Männer, die nie geliebt waren, weil ihnen Eines fehlte: das Gemüth! der Sinn zur Natur, zu welcher das Weib auch dann, und dann erst eben recht und weiblich hinstrebt, wenn sie dem Manne sich ergiebt. — Mein Vergehen, das mich hieher geführt, auf meinen und meines Weibes Fehler gegründet, liegt in diesen Worten eingehüllt. Es half mir nichts, daß ich mein schönes Weib liebte, unaussprechlich liebte! Sie wissen, Lambton, um mich Ihnen verständlich zu machen: wenn Zwei Substantiva zusammenkommen, so steht das Eine im Genitiv, oder: die Liebe hat auch das mit dem Magnet gemein, daß sie positiv und negativ zugleich in den Liebenden ist, wenn auch die Pole wechseln. Ganz gleich lieben sich nie zwei Liebende, oder Eheleute, und wenn sich auch beide noch so sehr lieben! Ich liebte mehr — und stand also im Genitiv! Daß wir kein Kind, zu unserem Erbe hatten, war ein Antrieb für ihre ausgelernte, weltlichgesinnte Frau Mutter, dem Verführer eine Brücke zu ihr zu bauen, und für Sie selbst — sie zu halten. So thöricht macht ein großes Besitzthum die Menschen: sich Erben für dasselbe zu ersündigen, oder einzuschwärzen — die doch dann Ihre Erben nicht sind! Und wenn auch alles Andere ungewiß ist, was die Weiber sind, so sind sie doch kinderliebend gewiß; und was man liebt — begehrt man. Indeß wäre meine Theano so schnell nicht gefallen!

„Theano!“ rief ich, und schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. Doch erzählte er eisern fort: Aber Sir Horazio, mein Freund auf Reisen, lud uns nach Schloß Rowlandhill.

„Rowlandhill! — Horazio!“ rief ich nun wieder. Nun war es richtig! Da sanken mir die Arme wie gelähmt. Mir war, wie gewissen Abergläubigen, denen ihre Götter und ihre Göttin in den Koth gefallen — und Ich sollte sie aufheben, rein waschen und allen wieder als ungefallene Götter aufstellen! Doch er erzählte eisern fort: Ich jagte sein Wild im Walde, Er indeß das meine im Hause. Er feierte Feste und Bälle . . . . und die Lust ruft die Lüste, die Lüste die Laster. Alle sanften Vergnügen und Empfindungen erweitern das Herz, alle rauschenden verengen, bedingen es. Der Mensch steht dann dem bloß sinnlichen Geschöpf, dem Thier, näher als der Gottheit; und ein leises Uebergewicht, so sinkt er zu ihm hinab. Die rauschenden Feste und Lüste sind furchtbarer, als man glaubt, oder aus Drang dazu sich gesteht; sie lösen das Herz auf; über alle süße und gewohnte Bande fühlt sich der Mensch emporgetragen, sein Sinn taumelt und raset über die schon bedingenden Schranken; er fühlt sich frei! Scham und Sitte stehen im Hintergrunde, die Frechheit naht sich wohlbekannt, und gern verkannt; das Ohr hört günstig den Verführer, der Mund lächelt wenigstens selbstzufrieden über die gepriesenen Vorzüge, wenn er auch nichts erwiedert — und das geduldete Böse wird das verschuldete. Alle Sünden des Herzens werden durch auflösende Lust begründet, alle Verbrechen der sanften Leidenschaften begangen. Nur die ungeheuern Verbrechen des Verstandes kommen nicht aus der Lust, als Verrath und Meuchelmord. Sie werden in der Stille, im giftigen Winkel neben der Kreuzspinne ausgebrütet und angeknüpft, aus vergällter — Lust, und vergifteter — Liebe. Und so war auch das meine! Ich will mir nicht wieder das Herz zerreißen durch Nachgefühl des Jammers bei meinen Entdeckungen. Vielleicht war ich zu rasch, zu rachsüchtig, zu gewaltthätig, zu guter Kenner böser Weiber und Männer, und trieb mein Weib durch meinen Verdacht, durch meine Veranlassung erst zu dem Verführer, dann in das Verbrechen, erst als sie sich aufgegeben sahe von mir. So schmeichelt es mir noch heute zu muthmaßen — doch es wäre zum Verzweifeln, wenn ich Unrecht gehabt, wenn Theano unschuldig, nur Freundin meines Freundes — wenn Horazio ein ehrlicher Freund gewesen und also Lisanna doch meine Tochter wäre! Denn auch — bei Weibern ist nichts unmöglich. Aber — an den Weibern muß man den Verdacht strafen, den sie erregen; so thut schon die Welt — und ich wollte nicht klüger sein, als sie. Weibliche Sünden sind unsichtbar, und Geister fängt man nicht. Darum verlangt das kein Richter. Ich konnte Horazio nach unserm Gesetz am Beutel strafen; aber was half es mir, ihm zu nehmen, was er genug hatte, Geld! Weibertreue ist unschätzbar, und Untreue hat keinen Preis, wie eine zerbrochene Perle. Eine untreugewordene Frau ist schon zuvor nichts für uns werth gewesen — als unser zerflossene Wahn. Und welche Schande für ein Weib sich mit Geld ersetzen zu lassen. Die frechste Strafe ist immer und überall die Geldstrafe: der Reiche lacht dazu, — was er eben wohl nur soll, muß man wirklich glauben; den Armen beraubt sie. Geld paßt nur als Ersatz für das, was Geld Alles vorstellen kann, selbst Arbeit und Zeit. Für alle Seelenleiden, alle Ehrenkränkungen, für verlorene Freiheit, verlorenes Weib und Kind, kurz für alles, was der Seele des Menschen verdient theuer zu sein, als ein unschätzbar Gut, dafür mit Geld zu bezahlen, es bis auf den Bajoch auszurechnen, und das empörendste der Werke herauszugeben, dazu gehört das ausgebrannte Gemüth eines armen Italieners — wie heißt doch schon der Mann? Und doch verkaufte auch Ich mein Weib, nach unserm Gesetz, dem Horazio, aber Ihr, der Verliebten, zum Schimpf nur für Ein Pfund — Sterlinge. Ihn konnte ich nicht strafen, als dadurch, ihm wieder an’s Herz zu greifen, wie er mir gethan, — und an Einer Stelle ist Jeder verwundbar, von Achill bis auf den gehörnten Siegfried. Die Gelegenheit fand sich erst nach 5 Jahren. Denn dem Horazio ward seine junge süße Tochter Elisa auf dem Christkindmarkt in London geraubt, während er einen Freund begrüßte, und sie von der Hand gelassen. Unrecht Gut gedeiht nicht! Die bestrafte Theano versprach die lockende, für ein Kind wie Elisa noch immer erbärmliche Belohnung von 10,000 Pfund, nebst Interessen — jetzt 15,000 Pfund — au porteur! Aber wer sie geraubt, brachte sie nicht aus Furcht der Strafe; das Mädchen mußte von Andern erkannt und verrathen werden — nur von Mir nicht! Denn in einem begonnenen Gemälde meines Freundes, des berühmten Malers L . w . . . ce, erkannte ich Elisa in dem Mädchen Maria, welches die Stufen zum Tempel hinaufging, um dem Hohenpriester vorgestellt zu werden, der sie oben mit ausgebreiteten Armen erwartete. In der Ecke, welche die Treppe mit der Mauer bildet, saß ein altes Weib und verkaufte Maria’s Mutter junge Tauben zum Opfer. Das ganze Bild erinnerte fast zu sehr an Tizians „Präsentation der Maria“ in der Carità zu Venedig. Ich ließ das Werk vollenden, nur bat und bewog ich meinen Freund, dem angelegten Hohenpriester meinen Kopf zu geben, und Maria’s Mutter das Gesicht der Theano, deren schönes wohlgetroffenes Portrait ich von seiner eigenen Hand, noch in meinem Schlosse gemalt, besaß. Ich wollte das Bild Lady Theano in die Hände bringen, abwechselnd aus Mitleid und Wiedervergeltung. Ich sahe hinter einem Vorhange verborgen die Scene, fast meine Eifersucht verwünschend, und das Weib in der unbeschreiblichen Mutter vergessend, als Theano Elisa erkannte. Sie rief nach ihr, wollte in ihrer Betäubung sogar den Fuß auf die gemalte Treppe setzen, ihr Kind herabzuziehen, und glühte und starrte in der Unmöglichkeit, es in dem Bilde, wie in dem Spiegel eines See’s zu erreichen, indeß das Kind, ihre jammervolle Klage überhörend, den nach ihm ausgestreckten Armen schweigend entgegen ging! — Ich hatte längst Bekanntschaft mit der Russel gemacht, welche die Taubenhändlerin im Gemälde, und die Modell-Zuführerin des Malers war, die er ihr ohne Weiteres nannte. So ward denn dieser der Raub des Kindes zugeschrieben. Nicht mir — dem Erkäufer der Russel. Ich brachte Elisa in Sicherheit. Meine Russel leugnete kalt und störrisch, obgleich die Mutter sich ihr im Gericht zu Füßen warf, und sie um des letzten Gerichtes willen beschwur. Sie leugnete — nicht mehr: sie sprach gar nicht mehr, auch überwiesen, und ward zur Deportation verurtheilt. Theano ward ohnmächtig hinweggetragen. Ich saß unter den Zuschauern. Ein hartes Wort machte mich zum Ableiter ihres innern Grimms und verdächtig; aber nur verdächtig. Doch kam nun meine bisher verschwiegene — Scene zur Sprache; und als ich dafür zum Deportirten ernannt (eine Stelle, die ich mit Freuden annahm, um meinen Raub zu vollenden) — in van Diemensland eingetroffen, mit der, einem auswandernden Freunde anvertrauten Elisa — Ihrer Lisanna, bester Lambton, vergalt ich der Russel, wie ich konnte, und wie sie fähig war. So hatte denn Ich etwas gethan, was kein Gesetz im Stande ist, nämlich eine unsittliche Handlung bestraft durch eine unsittliche Handlung, und zugleich den Beweis für die Welt, wenigstens meiner Seele gegeben, daß man Unrecht nur durch Unrecht strafen, durch Strafwürdiges Strafwürdiges ausgleichen kann, was nur der Gottheit zukäme, wenn sie nicht die Gottheit wäre. Seit der Zeit ist mir Strafe als Strafe ein Unding, ein Verbrechen. Der Mensch, der strafen will, unterfängt sich Unmögliches, oder Teuflisches. Sieben Mal siebenzig Mal soll Jeder dem Andern täglich Alles, Alles vergeben! Vergebet also auch, Lambton, der Russel und mir!

Ich mußte mich vor Wehmuth wegwenden. Doch hatte ich die Hand schon gleichsam vorräthig in der Tasche — zur Vergebung.

„Und er sprach: Ich will Euch noch mehr Stoff zur Vergebung sagen: Manchmal wollt’ ich das Kind verderben, verwahrlosen! an Geist und Körper zerrüttet seinen Eltern wiederschicken, mit dem ärgsten Verbrecher durch Verbrechen verbunden — wenn der Engel nur das leiseste Versehen hätte begehen können! Wenn ich es nur über ihre Schönheit, ja über die treuen jungen Züge ihrer einst geliebten Mutter vermocht! Denn ich hatte doch einen Ersatz: ich hatte mein Weib wieder — als Kind! als zartes Mädchen — als rosige Jungfrau! Wie ich Jene nie gesehen, wie selten ein Mann seine Frau schon gesehen hat: in ihren Spielen, in ihrer Unschuld, ihrer Entwickelung zur reizendsten Jungfrau — so sah ich Sie! Und, Lambton, ich gönne Euch dasselbe Glück: einst Elisen so zu sehen in ihrer — Eurer Tochter. Es ist gar so süß! Und so muß sich der Mensch das Leben zusammenstellen, wenn er Alles haben will, was es nicht zu enthalten scheint, und doch so wunderbar, so lieblich enthält! Auch ohne daß sich die Russel an Patrik verrathen und dieser sie und mich an Roßborn, der nun auf Wiedersendung des Kindes an seine Eltern dringt, hätte ich Euch eines Tages gewiß zu ihnen geführt; denn meine Zeit hier ist zwar aus, aber nicht mein Ehrgefühl, und die Scham vor den — eingebildeten — Guten und Glücklichen. Wie mein Auge den Thränen, ist meine blasse Wange dem Blute verschlossen, um vor jedem Menschen immer wieder zu erröthen; und man möchte mich für verstockt, für aus- — geschämt halten. Das hält die meisten Entlassenen hier, wie die Gewohnheit den Genesenen im Bett. Hier: bin ich ein Fürst, der Schlangenkönig! der ohne Gift ist, wie der Weisel ohne Stachel. Indeß wird Doctor Toland mit Euch gehen. Elisa’s Anerkennung kann nicht fehlen; es ist Alles dazu eingeleitet. Nur an Elisa — Eure Lisanna — verrathet nicht, wer, wie reich und vornehm ihre Eltern sind! es soll sie überraschen. Doch, daß sie mich leichter vergißt, und selbst die alte Russel, die sie, wie das Kind die häßliche Ziegen-Amme, die es gesäugt, unglaublich liebt; daß sie mit Hoffnung nach England zieht sagt ihr, Ihr führet sie zu ihren wiedergefundenen Eltern. Das erlaub’ ich Euch; denn, wie sie fromm gesinnt ist, nähme sie Tagelöhner mit Freuden dafür an. In England aber sagt nicht, am wenigsten ihren Eltern, daß Ihr Elisa’s Gatte seid, so lieb Euch Elisa ist! Auch Sie soll nicht offenbaren: daß sie Euere Gattin ist, so lieb ihr Lambton ist, bis Toland es Euch Beiden gestattet. Nur das sind meine Bedingungen, die Ihr mir mit Handschlag gelobt! Das Schiff geht Montag; die Argo, worauf Ihr Euch das goldene Vließ in die Heimath führt. Gut’ Nacht!“ —

Er ließ mich stehen. Er schied; und was schied alles mit ihm von mir! Was war alles über mich gekommen! Was war alles schon um mich und für mich vorhanden gewesen! Welche Riesenhand vorräthig — wie meine Hand in der Tasche — zur Vergebung. Was wollte mir die große Geisterhand aus ihrer Tasche — der Welt — reichen? Doch nicht bloß die Hand! Wie Ich sogar nicht! — Mein erster Blick war zum Himmel; er war mir auf einmal fremd, so fremd geworden! Die Sterne zogen hoch und glänzten hell. — Ich ging ihnen nichts mehr an, wie ein Sterbender! Die dämmernden Berge, die säuselnden Cocos, die geschlossenen Blumen — sie waren mir gleichsam vom Herzen gefallen! Sie gehörten nun Andern, mir nicht mehr! — die Hügel, die Bäume, der Fluß und die Felsen hatten mir die kurze Scene gebildet, aus der ich — hinausging. Und Lisanna! — Mir war so Angst, als sollt’ ich vom Felsen in’s Meer springen, wie die verlassene wahnsinnige Herzogin! Mir fiel aller Muth. Denn Sir Samuel schien mir immer noch etwas, wie Rache, im Schilde zu führen, ja gerade dadurch, daß er an Sir Horazio und Lady Theano die Tochter zurückgab — jetzt erst, und verheirathet! und mit wem? wenn auch mit keinem Verbrecher, aber doch mit einem Schulmeister; welcher sonst höchstens eine ruinirte, und ihn vollends ruinirende Kammer-Jungfer, so zu sagen, zur Frau erhält, so zu sagen! Ach, ach! ja in der Eltern Sinn und Glauben nicht einmal verheirathet — wie Lisannen und mir bei dem äußersten Verluste zu sagen verboten war! — und doch, ach, ach, war sie gewiß dort Mutter von einem, ach, ach, Kinde! — Und sollt’ Ich der Giftbaum sein, welchen Sir Samuel in den Park des Horazio pflanzte? Das Gespenst des Schlosses Rowlandhill? der Nagel zum Sarge für Lady Theano? und der Schminktopf der zu Miß Elisa erhobenen Lisanna? Und wie paßte zu allen ihren hohen Namen — zu dem classischen: Horazio! zu dem Homerischen Namen der: göttlichen Theano! — wie zu dem Virgilisch-Carthagischen Königinnamen: Elisa! wie paßte da mein geringer Name: Esau Lambton! der mich an den Verlust meiner Erstgeburt jetzt erinnerte, und mich sauer, wie Linsen anroch. Ich sahe Elisa im Geiste sich schon vor mir auf dem Absatz umkehren, wenn sie sich kannte, wie Mistriß Distreß, da sie mich kannte, und höchstens sprach sie nur auch: Schade! Schade! ja sie ward mir die wahre Mistriß Distreß, meine „Frau Unglück.“ — Kurz, mein Entschluß war gefaßt, mich von ihr zu scheiden, bei Ehren zu bleiben — und selber nach Bedlam zu gehen, ehe man mich dahin brachte.

So stand ich vor meiner Schule; ich hörte Lisannen draußen im Hause frisch gebackenes liebes Brot mit anklopfendem Finger prüfen, ob es wohl gerathen sei — o wie dauerte sie mich bei solchen Geschäften armer Leute, mit ihren weißen Armen im Backfaß zu kneten, mit den vornehmen Händchen zu wirken! statt Spitzen und Hauben! Und wie man sonst mit dem Finger nur an die Stubenthür anklopft, klopft’ ich schon an der Hausthür an. Sie glaubte, ich wollte sie necken, und ihr antworten auf das Brotanklopfen, und sie klopfte wieder, die arme Seele! und trug es hinein. Dann blieb ich an der Stubenthür stehen, wie man bei vornehmen Leuten steht. Lisanna war mir auf einmal eine Respectsperson geworden, und ich blinder Thor, ich sahe nun wirklich erst, daß sie die, — nur junge, kummerlose, schöne Lady Theano war! Sie stand so hoch, so blendend über mir, daß ich nicht wagte, sie anzuschauen, mich demüthig vor ihr verbeugte, und wehmüthig die Hand küßte, aber die Augen nicht zumachte, damit die Thränen ihr ja nicht darauf fielen. Ach, sie glaubte, ich scherze, verneigte sich, küßte Mir die Hand und sprach: „Ihre Dienerin, mein Herr Schulmeister!“ — Das waren lauter Dolchstiche! Nun ging es zum Abendbrot, das heißt: Brot des Abends. Gott, wie schonte sie für sich die Butter, wie bestrich sie mir es fett; wie geduldig, wie munter aß sie, mit welchem geringen Messer; wie bald war — die Tafel — und das Brot aufgehoben! Nur die Bananas in ihrer Hand freute mich, die ganze! in England bekäme sie nur ein Schnittchen! Vor ihrer Zärtlichkeit, ihren Küssen blieb kein Mittel, als mich vom heutigen Abend an, auf das liebe neugebackene Brot, Gott verzeihe mir die Sünde! das mir von ihrer Hand sonst immer so wohl, so süß, aber wirklich heut’ etwas bitter geschmeckt — mich krank zu stellen! Wenn ich nur vorher nicht immer so ein rüstiger Mann Gottes gewesen! Sie wollte die Nacht noch im Regen zu Doctor Toland. Ich heuchelte nach einander nun Chiragra und Podagra, Gesichtsschmerz und Schmerzen an allen Gliedmaßen, daß sie nur von fern um mich schleichen, mich nicht anrühren durfte! Ich that ihr so leid, so leid! und sie mir, wenn sie nahe vor mir kniete, zu mir herauf sah, oder die Haare auf meiner Schulter doch in ihre Hand nahm, und sie streichelte und küßte statt meiner! Das war wohl ein Jammer! —

Doctor Toland hatte sie unterrichtet, sie gehe zu ihren Eltern; sie hatte beschworen, nicht vor der Zeit zu verrathen, ich sei ihr Lambton. Aber sie wollte nicht reisen, weil Ich krank war — und: Ignoti est nulla cupido, auch wenn Cupido selbst, oder Vater und Mutter die Unbekannten sind. So mußt’ ich denn an mir selbst ein Wunder thun, was noch kein Wunderthäter gethan noch vermocht, und mich gesund machen, was spottleicht war — um Ihr das ihr zuständige Glück zu verschaffen. Es that mir wieder wohl, ihr nahe zu ruhen, und mich mit dem Hirten Anchises zu vergleichen, der das himmlische Kind Aphrodite in seine sonnenbraunen tüchtigen Arme — wie meine — geschlossen. Nun erst fühlt’ ich die sammet-weiche Haut an Schulter und Nacken Elisa’s, ganz heimlich und leise, wenn sie schlief! Nun erst sah ich das erhabene Gesicht, auf dem der Adel ihrer Familie lag; sahe die zartgebildete Hand, vornehm und fein, und feiner bis auf die Nägel an ihren Fingern, und das rosige Roth, wie der rosenfingrigen Aurora, wenn sie eben draußen am Himmel die Nachtgewölke zu Taggewölken färbte und die Spitzen der Berge berührte! Dann blickt’ ich wehmüthig zum goldenen großen Morgenstern, und war doch selig und selbst zufrieden darüber, was ich, und daß ich es besessen! um dieß niedrige Wort zu gebrauchen. Ach, dacht’ ich, es ist doch ganz ein anderes Ding um ein vornehmes Kind! Doch, wenn ich nun gar an mein Anchisesloos dachte, dann kann sich kein Grieche so vor dem großen Aeneas, dem Hasenfuß, gefürchtet haben, als ich vor einem kleinen! Der brachte mich um! —