Schiff Argo, am Johannistage 1820.

Ach, was soll ich sagen? Ach, meine Schule hab’ ich nur gegründet! Von meinen Kindern hab’ ich mit Thränen Abschied genommen, und sie von mir! Ich schreibe schon im Schiffe auf der Fahrt in das Vaterland, und Lisanna begleit’ ich, und Toland begleitet uns. Sie sitzt und weint; aber ich kann mir nicht helfen. Warum ist sie nicht Lisanna! Warum bin ich Lambton, und bleib’ es vielleicht, vielleicht auch nicht! Sir Samuel hat nicht wohlgethan!

Aber warum kriecht auch die alte Russel immer in die Rauchkammer? nach Zungen, die Leckerzunge! Warum fällt auch die Thür hinter ihr zu? Warum fällt uns keinem die Rauchkammer ein, wo sie weinen, dursten, husten und niesen sitzt, zwei lange Tage lang. Denn wir suchten sie außer dem Hause und überall, nur nicht, wo sie war, und hörten ihr Gedonnere nicht auf dem Boden noch obendrein in dem Sturme, der so wüthete, daß Hobday sagte: die Russel hat sich gehangen! was Sir Samuel gar nicht bezweifelte. Der deportirte Phylax war ihr Retter, der, immer von ihr gefüttert, nun hungrig, sie gesucht und gefunden, kam und uns anboll, zerrte und voran lief. Und als wir sie endlich erlöst, von allem Jammer sterbensmatt, von all’ den aus Hunger gegeßnen geräucherten Würsten sterbenskrank, und vor Durst ganz verlechzt, von dem unendlichen Husten ganz aufgedunsen, mit ganz roth-gebeizten Augen, und die Thränen und den Rauch im ganzen Gesicht herumgewischt, — da war sie fast selbst geräuchert, und sah’ aus wie eine schwarze so genannte ägyptische Marie. Warum stellte sie Doctor Toland doch wieder her! Er war ja kein Arzt, kein Carrhadis unter van Diemensländern, welche ihn zur Dankbarkeit mit der Lanze erstechen, wenn der Kranke stirbt. Wir Europäer bezahlen den Tod ja mit schwerem Gelde, sonst lernte auch keiner mehr curiren. Und was bezahlt’ ich nicht erst für der Russel ihren! Warum gaben die hängenden Schinken ihr nicht ein schweigendes Beispiel? Warum war ihre Zunge wenigstens nicht geräuchert, verzeihe mir Gott die Sünde, daß sie Herrn Patrik beichten konnte; daß dieser Herrn Roßborn verlangte, daß Beide schrieben, Zeugnisse aufnahmen, und selbst Sir Samuel in die Enge trieben mit lauter Menschenliebe! Denn, obgleich Sie nun besser ist, so ist mir doch schlimmer! Sie hat nur den Rauch des Fegefeuers gekostet, mich hat sie wirklich hineingestoßen!

Acht Tage nach ihrer Erlösung, aus der Marterkammer nämlich, besuchte mich Sir Samuel des Abends, und lud mich zu einem Gange in’s Freie ein. Wir gingen schweigend und weit hinaus, und lange stumm wie unsere Stöcke. Es war bald lächerlich — nein, sehr bald zum weinen! — Herr Lambton, sprach er endlich, was ich Ihnen zu sagen habe, ist ein Glück für Sie und Lisanna! —

Ich verlange kein größeres, noch Lisanna; unterbrach ich ihn nicht grade, denn er hielt von selbst inne, und wußte nicht recht anzufangen, und kämpfte mit sich selbst. —

Freilich! begann er wieder: wer ein Glück nicht begehrt, den macht es nicht glücklich; es ist ihm fremd! Jeder kann nur in der Lage glücklich sein, die ihm natürlich ist. Denn jeder Mensch, ja jegliches Wesen hat sein eigenes Glück, das in dem allgemeinen beruht, was der Welt überhaupt, und seinem Geschlechte in’s Besondere zugetheilt ist. Nur durch Vertauschung unserer angeborenen Zustände werden wir unglücklich! — Der Esel im Pallaste, der Lachs im Punsche befänden sich beide schlecht. Dem Biber ist in seinem Häuschen wohl, der Spinne in ihrem Netz. Aber wer die meisten, die Edelsten Bedürfnisse hat, die er befriedigen kann, ist der Glücklichste, und diese hat vorzugsweise der Mensch. Ein sicherer, bequemerer Platz auf Euere Art in’s Größere zu wirken, reicher bewußt zu leben, kann Euch nicht schaden, und ich bin gezwungen, Euch in denselben zu verpflanzen! —

Zu was ist das die Vorrede? Sir Samuel! fragte ich traurig.

Zu großem Vermögen, und hohem Stand; sagt’ er, nicht ungerührt. Wer immer reich war, an dessen Glück verzweifl’ ich; wer arm, glücklich war, kann auch reich glücklich bleiben! und das hoff’ ich von Euch, und wünsch’ ich.

Aber was haben Sie mit uns vor, Sir Samuel! fragt’ ich ganz erschrocken. So viel haben ist genug, als man selbst bewalten kann! Alles dieß schon, jedes Einzelne, sei es nun ein Kind, ein Lamm, ein Pflug, macht uns Sorge, es zu erhalten, und beunruhigt uns schon genug, wenn es nicht in dem Stande und Gange ist, wie wir es brauchen und wünschen. Diese Sorge aber wohnt dem menschlichen Leben unabänderlich und nothwendig bei, und Jeder muß sie ertragen. Haben wir aber nun mehr, als wir selbst bewalten können, selbst bedürfen, dann wird unsre Sorge so groß, so vielfach, als sie der Mensch eigentlich nicht haben soll, wenn wir uns so darum kümmern, wie es Dinge, die wir besitzen, doch immer erheischen! Kümmern wir uns aber nicht um dieselben, sind sie unsern Gedanken nicht täglich da, bilden sie nicht den Kreis, in welchem wir uns bewegen: so besitzen wir sie wiederum nicht, und sind so arm, wie die Uebrigen — und die Hoffnung des täglichen Brotes, der Erlösung von dem Uebel, hat jeder täglich, der das Vaterunser betet. — Verschonen sie uns also, verschonen Sie uns, Sir Samuel!