Und Lisanna sprach beschämt: und Du ja auch, Lambton und Sir Samuel, und die gute Russel! Gott segne sie! Und Du ziehst ja mit und Doctor Toland.

„Zieh nur hin, mein Kind,“ sagte er; „dort ist Alles prächtig, Alles spricht schön, dort sind Millionen Kirchen, die zum Ersticken voll sind alle Sonntage, und man betet dort das Vaterunser zu Dutzenden in einer Viertelstunde.“ —

Lisanna freute sich holdselig, und lächelte vor sich hin. Und ich, der ich mich schon vor englischer Rang- und Titelschaft genug zu fürchten hatte, sprach in mir leise: o selige Unwissenheit!


Steinkohlenwerk Aloa, in Südschottland,
den 1. Advent 1820.

Dießmal segelten wir nach Morgen, der Passatwinde wegen, in die Heimath. Zuerst um Südcap auf Tawai-Poenamu mit seiner Bergkette und dem Pic Egmont, frei, hoch und schön, wie — Egmont. Dann um Cap Horn. In Rio Janeiro, wo wir acht Tage lang gleichsam Mittag machten auf unserer Reise, war Elisa krank, aber nicht seekrank, sagte mir Doctor Toland, nicht von Amphitrite, sondern von Aphrodite. Ach, ach! Ich war beständig um sie, und sahe auch hier wiederum nichts von allem Schönen — als Sie! Ach, und alles Andere konnt’ ich vielleicht wiedersehen, immer sehen — Sie hatt’ ich ja nur, so lange das Schiff uns trug! Ich wünschte, die Fahrt dauere ewig; ewig daure die Hoffnung, nach dem Vaterlande zu steuern, und nimmer anzukommen; wie man von bezauberten Schiffen erzählt, die endlos auf dem Ocean umhersteuern, voll Freunde, die nie sterben. Sonst hatten wir keine Beunruhigung als von den Ratten, für welche der Stewart, wie er sagte, eine Lectüre hinlegte, um daran zu lecken und einzuschlafen.

Aber was mußt’ ich von Doctor Toland hören, dem Menschenfreunde! Der Capitain fragte ihn eines Tages, ob er in Hobarttown nichts von der Geschichte gehört, die sich in London zugetragen? von einem Doctor, Apotheker und wüthigen Hunde? Toland ließ sich erzählen, daß ein junges Weib von einem läufischen Mops leicht geritzt worden sei, und daß sich darauf selbst bedenkliche Folgen gezeigt. Der Doctor, ihr Mann, habe vergebens die bekannten Mittel dagegen angewandt, und daher den Wirth seines Hauses, einen Apotheker, um das Arcanum gebeten, weßwegen dieser eben mit der Regierung um eine große Leibrente in Unterhandlung gestanden. Der Apotheker habe es ihm zu geben verweigert, um es durch seine, dem Doctor leicht erkennliche Substanz nicht zu verrathen. Der Doctor habe an den Sheriff geschrieben, um den Apotheker zur Herausgabe des Mittels zwingen zu lassen. Dieser aber habe geantwortet: „das Gesetz kann keine sittliche Handlung gebieten, noch alle unsittlichen verbieten; Ihnen nach ist nur das Pflicht, was sie erzwingen können; unrecht und ungesetzlich ist daher zweierlei. Der Apotheker kann nicht gezwungen werden; auch kein Doctor.“ — Aber zwingen kann er! habe der Doctor gesagt, den Apotheker mit dem Mops in Ein Zimmer gesperrt, in welchem er ihn zur Beobachtung aufbewahrt. Von dem nun auch verletzt, habe der Herr Apotheker endlich das Recept für sich und des Doctors Frau gemacht, es ihr selbst eingegeben, was ihm gleich hätte einfallen können, und Apotheker und Frau leben heute noch. Der Apotheker aber habe geklagt, und sei als „unschuldig“ freigesprochen, der Doctor aber nach Hobarttown deportirt worden. — Haben Sie den Doctor nicht etwa gesehen? fragt er. „Der Doctor bin Ich!“ sprach Toland lächelnd. Der Capitain und, wir Andern traten einen Schritt von ihm weg. Er aber sagte mit Nachdruck: „Nur aus Pflichten, die sich auf menschliche, körperliche und geistige Anlage gründen, kann das Haus ein Gesetz machen; und das soll das Haus aber auch. Sittliche Freiheit besteht darin, das Gute nicht thun zu können, Tugend darin, es zu wollen, und bürgerliche Freiheit darin, es thun zu dürfen. Aeußere und innere Gesetzgebung sind daher Eine und dieselbe, obgleich die äußere, das Gesetz, nur die bürgerlichen Pflichten des Menschen gegen seine Mitbürger in Betrachtung zieht und wägt. Aber die Sittlichkeit, die einzig göttliche Kraft der Religion, ist die Quelle aller Pflichten, auch derer, die ich im Gegensatz adlige trennen möchte; und jeder Gesetzgeber im Hause muß die Gesetze aus ihr herleiten, sie immer vor Augen und im Herzen haben, bei Beurtheilung und Unterlegung von Handlungen unter das Gesetz. Denn Sittlichkeit und Unsittlichkeit erscheint auch schon in äußeren Handlungen unverkennbar. Zu diesen äußeren, hülfreichen, mit Einem Worte, guten Handlungen muß auch das Haus zwingen können, auch schon als bloße gemeinschaftliche Sicherheitsanstalt. Denn es ist einerlei, jemanden ermorden, oder nicht das Leben retten. Der Hauptzweck des Hauses aber muß sein, eine sittliche Ordnung einzuführen; das ist Gottes Wille, darum Volkswille. Auch das Strafrecht nimmt sich ja schon die Freiheit, auf die Triebfedern zu wirken. Wer aber den Menschen in die Seele greift, der braucht ihnen nicht in den Arm zu greifen; wo die sittliche Ordnung herrscht, kann die bloß rechtliche, auch Kirchen-rechtliche aufhören, hört mit jedem Gebildeten auf, und hat bei Vielen schon aufgehört.“ — Der Capitain warf ein: „das Haus trägt aber nicht die Schuld, daß wir lieben Menschen noch nicht so gebildet sind, das Gute aus freiem Willen ohne Gesetz zu thun“ — — „das Böse nicht ohne Strafe! wollen Sie sagen;“ unterbrach ihn Doctor Toland. Der Capitain fuhr fort: „und wenn wir keine das Gute gebietende Gesetze haben, so liegt es daran, daß sie sich höchstens geben, lehren, verbreiten lassen; aber Sie wissen ja, es fehlt das eilfte Gebot, die Kraft und der Zwang: du sollst die zehn Gebote halten!“ —

Ich, als von geistlichem Stande, der von dem Hause im Collegio Stipendien genossen, nahm aus Dankbarkeit nun das Haus in Schutz, und sprach endlich auch mit darein, also: das Gesetz, welches das Gute gebietet, ist da! es ist Religion! und da es eben so viele Geistliche, Pfarrherrn, Schullehrer und Vicare giebt, als Richter und Polizeimeister, für welche das Haus sorgt, und die geistlichen Rechte für die höchsten hält, so ist das Haus entschuldigt!

— „Ich entschuldige auch das Haus!“ schloß Doctor Toland. „Nur daß es trennt, was es zusammennähen sollte, ist der Fehler. Die Religionsgesetze sollen die Staatsgesetze allein, und ganz allein sein, was man noch nicht einmal versucht hat! Das Haus soll nicht unterscheiden: Religion und Recht, sondern Wollen und Thun. Das Thun aber wenigstens muß gleich sittlich sein, und nicht nach dem Recht, dem todten Buchstaben des Gesetzes, sondern nach dem lebendigen Wort gerichtet werden, wie es aus ihm geboten ist. Wenn Einer von uns beiden nach Botanybai wandern mußte, so war es — der Apotheker! Dixi!“ — Dabei kehrt’ er sich um. Der Capitain raunte mir in’s Ohr: er glaubt gewiß das Hosenband verdient zu haben für seinen Apothekerzwang! Der ist von der Pfahlwurzel der Radicalen! ein Unverbesserlicher, der glaubt, er denke und lebe recht.

— So Gott will! seufzte ich aus tiefer Brust. Wie Gott will! —