Ich sah eben England! und konnte nichts als weinen, weil ich da meine Lisanna verlieren mußte! Wir segelten an der Küste hinauf bis an den Meerbusen von Forth, in den Hafen von Aloa. —
Im Gasthause schrieb Doctor Toland sogleich einen Brief an Sir Horazio, den Baronet, nach Rowlandhill; und ich überschickte heimlich Marion sogleich ihre 100 Pfund nebst Interessen 6 pro Ct. richtig, nur mit der Bitte, es Niemandem zu sagen, bis ich entschuldigt wäre in Aller Augen. Denn, daß man selbst eine Pflicht nachholt, giebt uns gerade den Schein einer Pflichtverletzung. Ich war freilich ein besserer Bote nach dem Tode, als nach Gelde, doch ein ehrlicher, der nur einen kleinen Abstecher von 18,000 Seemeilen gemacht. — Sir Horazio antwortete, daß er nach Aloa kommen würde, und bestimmte den Tag.
Je näher nun dieser rückte, je ängstlicher ward mir; ich hätte mich lieber in die Erde verborgen! Und so that ich auch wirklich. Denn als Elisa, Toland und ich, uns die ungeheuern Steinkohlengruben besahen, welche 2000 Fuß tief sich unter dem Schwalle des Meeres hinausziehen, faßt’ ich den Entschluß, mich zur Ruhe zu setzen und Steinkohlen zu graben. Meine Schulmeisterstelle war besetzt; an andern Orten fehlten mir die Gönner; ich schämte mich vor allen Menschen, aber am meisten Sir Horazio und Lady Theano vor Augen zu treten, deren einzige Tochter ich so herabgewürdigt hatte. Aber hier unter der Erde und unter dem Meere zugleich, mein Schachtlicht vor der Brust, wußte ich nichts von der Welt und ihrem Geräusch und Treiben — nicht, ob über mir Schiffe fahren im Sonnenlicht oder im Mondenschein, ob der Donner rollt, Blitze ein Schiff zerschmettern, ob es sinkt und versinkt über meinem Kopf — mich kümmert es nicht, mich trifft es nicht — unwissend sing’ ich mein Abendlied, und verdiene mir morgen es wieder zu singen! Ach, wäre ich nur eher hierher gegangen, als nach Hobarttown! Wie selig könnt’ ich hier leben! — Doch war es hier noch am besten; ich ließ mich zu der Arbeit dingen und verschwand den Tag vor Sir Horazio’s Ankunft. Denn die letzte Nacht fragte Elisa mich noch, so ganz im sorgenlosen Flusse des Gesprächs: „wie ich wohl würde einen Knaben nennen?“ und ich sagte, nichts ahnend, und wie einen Spruch betend: „Er soll Aeneas heißen!“ — bis mir die Frage auffiel, centnerschwer. Nun war kein Bleibens mehr! Ich schied selbst ohne Kuß von ihr — ohne mehr sie anzusehen. Das war ein Jammer! — Nun Gott segne Sie, Sie! für sich und mich, für Sir Samuel und die Russel! für Horazio und Theano, für die ganze Welt! — Das fleht’ ich im Fortwanken und Weinen. Wo ich hinging, hatte ich auch dem Doctor Toland verschwiegen. Nur bat ich ihn, mir Nachricht zu geben von Lisanna, vom Ausgange der Schlacht des Weibes, wie Euripides sagt, — und ließ ihm meine Adresse. Denn eines Tages, als ich mit Lisanna die Stadt, ihre Glas-, Tauwerk- und Segeltuchfabriken und die Schneidemühlen besah, traf ich den alten Kleinhändler Oldham aus der Taverne im Hafen zu Portsmuth, hier an seinem Wohnorte wieder an. Er erkannte mich, führte uns in sein Haus, zeigte mich seiner Frau, und dankte mir, daß ich ihren Augen hätte geholfen, den Staar stechen! Ich verneinte das; er bejahte es und erklärte, daß ein geiziger Arzt es nicht habe umsonst, noch auch nur ein Auge um weniger Geld als seine Taxe, thun wollen; darum habe er die Häfen durchstrichen, wo die Matrosen gewöhnlich das Geld wegwerfen, um es nur los zu werden. — So waren meine Leidenthaler Freudenthaler geworden! Nun wußte Lisanna, was ich damals selbst nicht wußte. Diesem dankbaren alten Oldham entdeckt’ ich nun auf sein Gewissen, wo ich zu finden sei; und an diesen wies ich den Doctor Toland, den Menschenfreund, wenn er mir einmal schreiben wolle. Dazu lacht’ er nur, und sagte: Wir müssen uns freilich trennen; wir werden Euch aber schon zu finden wissen! Gebt die Adresse! Gedenkt an Euere Zeilen von der Geduld, und kommt uns ja nicht nach! —
Das war doch gewiß keine Einladung, mit nach Rowlandhill zu gehen, noch Sir Horazio abzuwarten! Er zwingt ja sonst die Leute zum Guten, also muß es wohl etwas Böses sein, daß ich dort erscheine! Aber hat doch Elisa die große, wundervolle Gruft gesehn, worin Ihr Lambton sich selber beigesetzt! Doch ach, Ich lebe! und Sie unter dem Himmelsgewölbe ist für mich todt! Ich kann mich gar nicht mehr satt an dem Morgenstern sehen, wenn ich meine Nachtschicht abgefahren habe und hinaustrete unter das Firmament, und wenn Er mich noch immer ansieht, wie damals an Lisanna’s Seite! Mstr. Oldham hatte ein Lied unter seinen Liedern „Der Morgenstern,“ das ich einsteckte. Das Lied spricht mir ordentlich aus dem Herzen, und das sollen die besten Lieder sein, die allen Leuten gleichsam aus dem Herzen sprechen und singen. Das Lied sing’ ich dann in der Frühe:
Die Sterne thaten überaus geschäftig,
Sie regten sich, und hatten ihr Begehn,
Sie blinkten gar so silbern, frühlingskräftig;
Doch ach, wer hatte Zeit hinauf zu sehn?
An Ihrer treuen Brust so treu geborgen
Verweilt’ ich bei ihr, lang’ und gern;