Aber wann werde ich bezahlen? —

Wann Ihr könnt! Ihr seht, der Himmel hilft Euch in die Welt, er wird Euch auch in der Welt helfen. —

Wenn nur nicht aus der Welt! Herr Capitain; Seefahren ist gefährlich! seufzt’ ich nicht ohne Ahnung; denn mir fielen die Worte meiner sterbenden Mutter ein, die zu mir sagte: „mein Sohn, wenn Du nur noch ein Jahr überstanden hast, dann — dann — dann!“ — Dann starb sie! —

„Seefahren ist nie gefährlich,“ entgegnete mir der Capitain, nur Landen manchmal! Lambton — doch still davon, das ist kein Schiffsgespräch, und verboten: Geht essen, damit Ihr Muth bekommt, und seid munter und guter Dinge! Denkt, Ihr habt Schulferien, oder Euere Schule ist abgebrannt. —

Behüte Gott die Schule! sprang ich auf. Ein Hahn hackte ihm aus dem Korbe in die Waden, so ging er fort.

Ich bedankte mich, wie billig, hinter ihm drein, mit ihm — natürlicher Weise — unsichtbaren Complimenten wenigstens für seine Güte; dann stand ich noch lange in Himmelsangst, die sich nach und nach auswölkte, wie ich mich, nicht ganz unkluger Weise, in mein Schicksal und in die Themis ergab. Und so schlich ich — doch etwas schnell — in das Cabin des Steuermanns, sah den gedeckten und besetzten Tisch und ließ mir das angerathene Frühstück aus verzweifelter Verzweifelung schmecken. Darauf kam der abgelöste Crabbe, der mir die Hand gab und sagte: Was ein Kind thun kann, das noch nicht reden, noch keine Hand rühren kann! Wäre dem Capitain York nicht noch gestern ein kleines Yörklein geboren worden; ich weiß nicht was er mit Euch gemacht hätte! Vergebt dafür auch dem Stewart! Ich mußte an’s Steuer — und ihm trug der Capitain auf, als er richtig mit dem Winde kam, gleich die Sachen aufzuheben, die er mit an Bord brachte. Der eine Anker war bald aufgezogen, nun schwimmen wir! und kein Wind darf versäumt werden, sonst fehlen die Postpferde, wann man ausspannt. Ihr versteht das nicht, wie der Wind auf der ganzen Welt zusammenhängt, wie er aller Orts Alles spedirt. Warum habt Ihr Euch auch nicht selbst gemeldet! Doch es ist nun einmal so, und „So“ ist gut.

Ich dachte aber: „So“ ist freilich gut; doch anders wäre besser. Ich schlug ihm vor, den Capitain zu bitten, mich wieder auszusetzen, in Brest, in Boulogne, in Cadix doch wenigstens! aber es fiel mir selbst ein, daß das für mich noch schlimmer wäre, als im Schiffe bleiben. Auch schlug es mir Crabbe rund ab, und sagte: Ein Mensch gilt nichts zu Schiffe, todt oder lebendig.

Das war genug gesagt! und hatt’ ich Flügel, so hätt’ ich sie hängen lassen. Und doch wollt’ es gar in mir singen und einen Jubel anstellen. Denn wie viel Vorbereitungen hatte mir diese Ueberraschung, wie man ein wenig Einheitzen nennt, erspart! Paß, Empfehlungsbrief, Geldsorge nota bene, Einpackerei, einen Vicarius in meinem Amte, Reiseapotheke, Bücher, Excerpte, Landcharten — kurz allen den Tand, ohne den ich nicht glaubte eine Reise nur antreten zu können, geschweige durchzusetzen und auszuführen; ich hätte mich erst alt und blind studirt; und jung muß man reisen, und scharf sehen muß man können „Ich bin ich selbst allein“ sagt Richard, und ich sag’ es getrost; denn die Welt ist reich genug, wenn man auch noch so arm ist, nur Augen, Herz und Gedächtniß hat, oder eine alte Feder. Aber ach, was mußte aus meiner schönen Lancaster-Schule werden! Waren die Kinder nicht eine Heerde ohne Hirten? Mußte sich alles Gute, das ich sie gelehrt, nicht im Leibe umkehren, nicht in Falsches verwandeln, da der Mann ein Falscher gewesen, der es gelehrt? Denn was der Lehrer ist, das bedeutet die Lehre. Von einem Bösen ist nicht gut lernen; und so mußt’ ich erscheinen! War ich in Marions Augen mit dem Gelde nicht durchgelaufen, in alle Welt gegangen, weil sie den langen Daniel mir vorgezogen? Oder glaubte sie — wie die Weiber sind — ich habe mir wohl gar ein Leides gethan? Die Angst verdiente sie! Sie thut mit leid, aber ihretwegen, nicht meinetwegen. Nun ich hin bin, ist sie mir hin; denn wenn man scheidet, dann erst soll man ja wissen, wen man zu Hause lieb hat; und, die Kinder und die alte Anna ausgenommen, kann ich mich auf Niemand besinnen! Aber der Baronet, der keinem Menschen etwas Gutes zutraut, der allen noch so braven Handlungen lauter Eigenliebe unterlegt, muß ich, ich ihm nicht seine frevelnde Ansicht bestätigen? Aber der arme Mann soll von seinem einzigen Freunde schwer betrogen worden sein; auch hat er keine Kinder, und solche Menschen wissen niemals recht, was ihnen fehlt. Doch Lady Theano — — o Gott, was hilft es mir nun Zeit meines kurzen Lebens ehrlich gewesen zu sein, wenn ich nun ein Landläufer, ein Dieb geworden bin? Ja ja, ich verdiene nach Bontanybai exportirt zu werden! Aber endlich komm’ ich einmal wieder! und wenn auch mein Amt schon besetzt ist, wenn Marion lange den langen Daniel geheirathet hat, so will ich doch wieder meinen Ehrenplatz in den Herzen einnehmen, und die Kinder sollen nicht länger als den ersten Tag mit Fingern auf mich weisen! — Ich verfaßte daher einen Aufsatz, Inhalts: daß ich nur „durch ein Versehn“ nach van Diemensland „gereiset“ sei, und bat den Steuermann Mstr. Crabbe, den Capitain York und den Stewart das Zeugniß zu unterschreiben, was sie willig thaten.

Es war mir ordentlich ein Stein vom Herzen, als säh’ ich ihn mir als eine Ehrensäule aufrichten, als ich das Blatt zusammen faltete. Nur der Gedanke peinigte mich noch, daß der Fähndrich Daniel nun Marion, ohne Geld, nicht heirathen werde! Es soll sogar Menschen geben, die eine Frau bloß um ihres Geldes willen nehmen, besonders Lieutenants. Aber die Weiber wissen, daß sie mit dem Gelde Eine Person ausmachen, und sind guter Dinge, wenn sie nur welches haben; und wo ihr Schatz ist, da ist auch ihr Herz. Vielleicht aber ersetzt ihr Lady Theano die verlorene Ausstattung! Denn sie selber ist unglücklich, und empfindet also Unglück. Sie ist so gut wie schön, und hat ein weiches Herz. Hat sie doch 10,000 Pfund, sammt anlaufenden Interessen, für den Wiederbringer ihres einzigen Kindes niedergelegt, und bringt gleichsam die Bill alle Weihnachten vor das Publikum, wie Wilberforce die seine in’s Parlament — Doch konnt’ ich mich den ganzen Tag nicht freuen, und auch die Nacht that ich kein Auge zu; ich schlief auf dem Fußboden, mit Kaputzen zugedeckt: denn alle Betten waren besetzt.

Wie der Herr aber auch für einen Schulmeister sorgt, davon bekam ich am andern Morgen einen Beweis; denn das Essen und Trinken auf Borg schmeckt ehrlichen Leuten bitter. Capitain York hatte meine, nun ja, saubere Handschrift in dem Zeugniß gesehn; er hat seinen jüngsten Bruder William bei sich, und Stephan, den Sohn seiner Schwester, einer steinreichen Plantagenbesitzerin. Diese sollt’ ich unterrichten. Um richtig eingreifen zu können, examinirte ich die Knaben in seiner Gegenwart. Ich fiel auf die Zahlenlehre, und fragte William: Wie viel sind 3 Aepfel und 4 Birnen? — Das ist schon summirt! sagte er. Ich freute mich. Dabei wollt’ ich wissen, ob er in der Pflanzenkunde einen Anfang gemacht, und fuhr fort: Ich dächte nicht! ich glaube es sind doch Sieben — aber was? — Aepfel! sprach er; die Birne ist eigentlich ein Apfel: malum-pyrum. — Was ist sie denn aber uneigentlich? fragte ich weiter, um ihn auf das nichts bedeutende Wort „eigentlich“ aufmerksam zu machen, und so mich in das Stilisticum zu spielen. — Uneigentlich? wiederholt’ er — je nun: eine Birne! — Ich freute mich reichlich, und gab ihm die Hand; der Capitain lobte mich ganz unverschuldeter Maßen. Nun nahm ich meinen Stephan vor, größer zwar als William, aber dick und stumpf und aufgeblasen. Mein Stephan! fragt’ ich, in welches Reich der Natur, als Mensch, gehörst denn Du? — Ins Steinreich, erwiedert’ er stolz. Der Capitain lachte laut, und sprach: das kommt daher, daß ihm seine Mutter immer gesagt hat: er sei steinreich! Aber es ist gut, daß ich mich daran erinnere. Für die 6 Monat Unterricht auf der Reise soll er Euch gut bezahlen, Herr Lambton, und zwar so viel, daß Ihr auch die Rückreise an ihm verdient. Die Meister sind rar auf der See, und was rar ist, ist theuer. — Wer war froher als ich! „Ihr sollt vom Evangelium leben“ beruhigte meine Bedenklichkeit; nur dem Ochsen, der nicht drischt, soll man das Maul verbinden; aber mein Gott, ich wollte ja dreschen! — Nun war mir geholfen! Wenn ich einmal wiederkomme, bin ich ein berühmter Schulmeister, Victoria! Denn wer nur etwas Gescheidtes gesehn hat, den hält man selbst für gescheidt.