Capstadt, den 30sten Juni 1819.
Capitain York hatte mir einen feinen warmen Oberrock und eine Bibermütze mit Ohren geschenkt, muß Ich sagen, Er aber sagte nicht einmal, gegeben, sondern ich fand beides nur eines Morgens für Reinschrift einiger Papiere. Die Morgen und Abende, ja die Tage bis in die Gegend von Trafalgar waren ziemlich kalt, und Rock und Mütze waren mir hier lieber, als in England 100 Schafe und 50 Biberfelle. Doch wie geschahe mir darin! Eine junge nette Witwe war gar noch nicht zu uns an den Tisch gekommen, sondern hatte, aus Unbehagen, in ihrem Zimmer, so zu sagen, gelebt, das 3 Ellen lang und 2 Ellen breit ist, und ihr wöchentlich 3 Guineen kostet; vielleicht wollte sie doch ordentlich den theuren Miethzins absitzen. Ich weiß nicht, was ich an mir habe, das ihr gefiel. Sie kam alle Tage in andrer, immer reizenderer Kleidung. Einige Irländer hatten mich einem jungen Manne ihrer Bekanntschaft zum Verwechseln ähnlich gefunden, und es kam nachher heraus, daß er ein bildschöner junger Mann sei. Ich ward über und über roth und bitterbös — und die Mistriß, deren Tischnachbar ich war, trat mir sanft auf den Fuß. Ich sahe die Dame groß an, welches wohl unhöflich und unpassend sein mußte, denn sie erröthete ganz. Der feine Clarke aber, den der Capitain seiner Vorzüge wegen mit an den Tisch genommen, lächelte sie an, zog die Augenlieder leise über die Augen und erhob sie gleich wieder, so etwa wie die Augen Ja! sagen müßten, wenn sie redeten. Ich fragte nachher Freund Crabben, wer die Lady sei, und erzählte ihm, was geschehen. —
Die Reise kann Euer Glück sein! Lambton, sprach er, mich betrachtend; sie ist steinreich, aus Martinique, und die Martiniquerinnen sind leicht und lustig, und heirathen so geschwind, wie bei uns eine Frau Thee kocht. — Sie heißt Mistriß Distreß. — Aber kennt sie Euch denn? —
Ich verstand Crabbe’s Frage erst einige Tage später, als mich Einer „Herr Schulmeister“ nannte, grade als die Mistriß mir Etwas sagen wollte. Sie behielt aber die Rede bei sich! nur erst nach einiger Zeit sprach sie in Gedanken vor sich hin „Schade, Schade!“ und drehte sich auf dem Absatz herum. Ich hatte es gleich weg, und dachte: so geht es, wenn man auf gewisse Art eine Respectsperson ist! Vielleicht hab’ ich ihr auch zu geistlich gesprochen. Einer Frau wegen ändere ich meine Rede nicht! Es ist mit aber lieb so. „So“ ist gut, spricht Crabbe. Denn, wenn ich nur Guineen hätte, so könnte ich eben so gut „ein Zwanzig-Ender“ werden, nicht ein Hirsch, sondern ein Rector, der zwanzig Pfarreien zugleich hat und — niemals predigt. Das getraue ich mich ohne Ruhmredigkeit.
Ich werde bitter, ich muß abbrechen; aber man bleibt ein Mensch, auch wenn man ein Schulmeister ist. Die Weiber haben den Rang, nachher erst das Geld lieb. Wenn ich aber auch in allen andern menschlichen Dingen nichts weiß, nichts habe, nichts gelte, so bin ich doch in meiner Schule zu Hause. Ach, wenn ich nur zu Hause wäre! Meinen schwarzen Rock will ich aber als Ehrenkleid tragen, die vornehmen Herren-Kleider machen mir nur Schande und Aerger. Was giebt Respect? das Wissen! Was giebt Andern Ehrfurcht? die Unwissenheit! Denn wenn ich einen Knaben frage: „Wer bringt den Caravanenthee?“ und er weiß es nicht, und Ich sehe ihn an wie allwissend, und gehe ein Paar Mal schweigend auf und nieder — dann hab’ ich Respect! Wenn die vornehmen Herren und Damen nur dürften gefragt werden, sie sollten schon Respect bekommen! So tröstete ich mich; aber an die Mistriß Distreß will ich denken, und nie einer vornehmen Frau trauen.
Nun hatt’ ich ein langes Aergerniß, so lang wie die Küste von Afrika. Von so einem Ungeheuer von Lande, das allen Schiffs-, Macht- und Geldinhabern zum tausendjährigen Spectakel daliegt, soll man den Kindern immer so viel erzählen, und Unsereiner selbst möchte und möchte gern. Aber wenn man sich nicht in das alte Aegypten zu spielen weiß, das gar nicht einmal mehr in Afrika liegt — selbst Stephan fragte neulich ganz superklug, wo Groß-Griechenland liege — im tempore praesenti so Etwas zu fragen! — so ist man so bald damit fertig, wie mit dem Russischen Reiche, welches sich so um die Erde schmiegt, daß die Sonne niemals drin aufgeht, oder wie Andre lieber sagen, drin untergeht. Würde man nun die Lancastersche Methode auch auf das Reisen anwenden, würde man scilicet ein Regiment Reisende hinschicken, die sich schützten, ernährten, untersuchten, nur etwa den Niger hinauf: so müßte das auch bei Uns zu Tage kommen, was dort am hellen Tage liegt. Aber Lancaster wird jetzt noch nicht recht begriffen. Doch Gott segne ihn, ich bin sein Schulmeister und bleib’ es, auch ohne Schule! Gott wird mir helfen!
Ich hatte den Pico nicht gesehn, es war Nacht, als wir Teneriffa vorbeisegelten; ich hatte St. Helena nicht gesehn, weil der General, der Generale scilicet, dort bewacht wurde — jetzt am Johannistage, wo wir im Gasthause zum Cap der guten Hoffnung ankamen, regnete es die ganze Zeit für uns frisches Wasser aus der ersten Hand, daß ich nicht einmal den Tafelberg erkennen konnte. So reiset man! Nicht einen Hottentotten, nicht eine Kuh hab’ ich mit Augen gesehn, noch mit Ohren gehört. Schiffe lagen viele im Hafen, aber alle segelten um diese Zeit nach Morgen. Eines, nach Altengland, war gestern abgegangen, als ich mich erkundigte. So saumselig ist man! An einem andern, das gleich im Eingange des Hafens lag, war ich im Boote vorüber geeilt. Das Gute soll immer weit sein! Man fährt in eine Stadt und glaubt, der Freund, den man sucht, wohne tief in den Gassen, am Platz; man fährt hin, und dann wohnt er am Thore, wo man hereingekommen! Zwar besucht’ ich noch Eins; aber es war so beladen, und so besetzt, daß der Capitain lachend sagte, wenn ich im Mastkorbe beim Teufelsdreck mir es gefallen lassen wollte, könn’ ich von der Gelegenheit Gebrauch machen. Ich hätte mich noch auf den Schnupftabak verlassen, und den Vortheil erlangt, daß mir alles nachher Zeit Lebens wie Blauveilchen roch; aber das Schiff ging noch zuvor nach den vereinigten Staaten, nach Neu-York. So blieb ich denn in Gottes Namen bei meinem alten York.
Hobarttown auf van Diemensland,
Michaelis 1819.