Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst, es thue Dir leid, daß Du mich geheirathet hast.
Sie weinte nun wirklich sanft.
Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes.
Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur ruhig.
Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon sind, seufzte Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu einer Arbeitsjacke, ich schäme mich sonst so im Staate.
Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln bekommt der kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber, daß Du sprichst, wir könnten nicht unglücklicher werden — das sage nicht! Da hätte der Himmel noch viel! Bitte lieber, daß wir so glücklich bleiben!
So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das dem Kinde nur bis an die Kniee ging, und Johannes war nun die ganze Zeit in den Weinbergen und kam nur Sonnabend nach Hause. Das wußte nun Niklas.
Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit dem Pferde vor ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger Zeit erst, hatt’ er sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit und anscheinenden Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu sehen und ihr nahe zu kommen und ihr einige Wörtchen aus seinem bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das Häuschen von einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und ungesehen nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und im saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen. Sie sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf einmal die ganze Gewalt seiner Zaubererscheinung empfinden! Er reichte ihr schon in Gedanken die Hand hin, die sie ihm küssen würde — er würd’ es verweigern. — Sie sollte in höchster Verlegenheit sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal den Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe im Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern Schürze, mit weißen feinern Strümpfen wieder hervorkommen und sich gar nicht über die Erniedrigung und hohe Gnade zu gute geben können, daß der gnädige Gottlieb ihre — seine — niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum unvergeßlichen Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die Kinder ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt stellten; darauf sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden; dann wollt’ er ihre Hand fassen, sie drücken, sie halten und sagen: So ein schönes Weib ist der alberne Johannes gar nicht werth! Wie glücklich würd’ ich sein, an seiner Stelle! — Dann wollt’ er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen: Wir müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich bezaubert! Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich Dich gesehen, die Blumen im Schooß. — Dann wand er einen Arm leise und vorsichtig um ihren schlanken Leib — sie bebte, sie zitterte mit den Knieen. Dann küßte er sie, ein Mal, zwei Mal, drei Mal — dann fühlte er leise einen nur angedeuteten Kuß wieder, dann küßte sie deutlicher, länger — dann sog er an ihren Lippen — dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? — Aber sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich bin ja nur ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer, vornehmer Herr, Sie werden sich ja nicht zu mir herablassen. — Du bist ein Närrchen! sagt’ er. Deinetwegen bin ich allein gekommen! Bin ich nicht hier? Hast Du mich nicht? — Aber Sie haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! — Und Du einen grämlichen, einfältigen Mann! — Und nun schämte sich Christel, fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte über die Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie geküßt, und glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd, beklommen und bewundernd in die Augen, als seine ganz unterthänige Magd, der geschehe, wie er gesagt hat. —
Oder:
War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn, wenn er kam, nur an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er fortging, und sah’ sie ihm nach — bat sie ihn wieder zu kommen — sah er sich genöthigt, die Schule mit ihr durch zu machen, so gab er große Lectionen auf einmal, und die Schülerin schritt mit großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten, aller Mitteltinten der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe hier auf dem Heerde immer mit denselben Disteln hundert schöne Stieglitze nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen immer nur mit frisch eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war er überzeugt, daß dieselben Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit auch dieß Mal heilen würden.