15.
So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der — Abreise saß Johannes in trüben Gedanken und Kummer, die Seinen zu verlassen. Ach, sprach er bei sich — die Strafe hab’ ich verdient, die Welt ist einmal so, und was die Großen verbieten oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden oder thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine Erlösung auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint mir doch zweierlei, die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden, wie der Apotheker und der Lizentiat, — der Schulmeister hat mir das wohl erklärt — und einen armen Mann wie mich zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest steht im Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker Bettelmann, dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt. Aber davon wissen die Gesetze nichts, und die nichts, die sie unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die wahren Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt; und ein Gerichtshalter ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle seine stummen Gesetzbücher, die ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt! pro firma, wie Wecker sagt; ja, dieser Herr Amtsschreiber schon ist mehr als selber der Landesherr! ein wahrer Pilatus, der züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die Sache dem Principal vorträgt — um ein Paar Eier. Gut, daß mir das Beispiel einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein ganz andrer Johannes ganz Anderes litt!
Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es selber für rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wir einmal aus der Noth kommen! Ich kann Dich nicht länger so sehen, Du grämst Dich mir ordentlich ab, und die Jacke ist Dir so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten.
Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen schon durch, seufzte Johannes.
Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht klug, siehst Du noch immer nicht, was wir haben, und wie mich die Kinder erfreuen werden, wenn Du weg bist. Ich — ich stelle mir tagtäglich vor: das ist ein großes Glück, zu besitzen, was ein großes Unglück wäre zu verlieren. Da hast Du’s! Sag’ einmal, würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder nicht haben wollen? Oder uns haben wollen — und arm sein, wie wir sind, und doch nicht sind! —
Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann man denn nicht die Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder dazu? sprach Johannes. —
Also bist Du mit mir und den Kindern nicht ganz zufrieden? erschrak fast Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es jetzt eine Zeit lang besser haben als wir, Du wirst Dein gutes Essen haben, die Beine unter anderleuts Tisch stecken, ich will Dir’s ja nicht beneiden — komme nur wieder! wenn Du auch lange bleibst, und laß einmal schreiben! —
Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf auf den Tisch. Der Vater aber sahe durch das Fenster, wie der erste Schnee herabtaumelte, wie er aus dem ganz gesenkten flirrenden Himmel sich hinab in den Teich stürzte, und wie aus dem Spiegel des Teiches zugleich die stürmenden Flocken aus der Tiefe herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten sich auf der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden, verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie die Kinder barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle wälzten, auf einander setzten, einen Stock durchsteckten und die Arme mit Schnee bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe in die Hand gaben und ihm Augen und Nase und Mund von Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie dann umher tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur Kleider auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht in den dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen, stand dabei und fror, und doch warm angezogen, und den einzigen großen Hut im Hause auf dem Kopfe, der ihm bis auf die Achseln ging, daß er kaum hervorsehen konnte; er fror, und doch freute er sich und zitterte, weil er noch nicht mitspielen konnte.
Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach bei sich: — und sie nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß ihnen doch lieb sein! und Christel nennt mich: lieber Mann! ich muß ihr doch lieb sein, — ich muß ihr doch gut sein, und wenn mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen könnte — lieber Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte!
Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem Siebe gefangen, und es war Jubel im Hause, daß die Mutter Ruhe gebieten mußte, weil die alte Frau Redemehr, die Wirthin, schlief und krank war.