Christel, auf den Heimweg fortgeschlichen, hielt öfter ihre — mit den Ellenbogen wie in die Luft gestützte Hand vor die Stirn, wollte eilen, und ging, von Demuth ganz gebeugt, dennoch nur langsam. Denn sie betrachtete, daß das alles um ihrer und ihrer Kinder willen geschehen sei, und erklärte es sich aus gutem Herzen so: — „Johannes liebte sie; das sahe der Großvater; — und dieser liebte als Vater seinen Sohn, der wiederum sie und die Kinder liebte mit seiner Liebe.“ So war es gekommen. Darum beschloß sie, zu Hause nur wenige aber herzliche Worte zu reden, nicht aber zu schweigen, damit Johannes nicht meinte: sie behalte das Schwere auf ihrem Herzen. Und so ward dieses neue Unglück ein neues Band um sie und Johannes; denn jeder Verlust und jeder Gewinn, jeder Segen und jedes Unheil zieht ein gutes Weib nur fester ans Herz ihres Mannes, mit dem sie das Leben trägt, und um dessen willen sich ihr nur Alles begiebt, das Traurige und das Frohe.

Johannes aber stand vor ihr, als sie eingetreten, und frug nur: „Weißt Du?“ — Und sie antwortete nur: „ich weiß!“ Und nach zeitlangem Schweigen setzte er nur noch hinzu: „Deine schönen Kühe sind auch fort!“ — Sie aber versetzte heiter lächelnd: „aber die Kinder — die Kinder sind alle — ach nun alle die wir noch haben — gesund und fröhlich — bis auf den Daniel, der mich begleitete, und ihn nun pflegt, Du kannst Dir denken: Wen!“

Sie schwiegen darauf beide — aber übereinstimmend — und gingen an ihre Geschäfte, diese wahre Wohlthat des Lebens, oder das Leben des Einfachen selbst, der in ihren nöthigen Kreis unvermeidlich gebannt, nicht Zeit hat, ein Gespinnst aus den Gedanken und Gefühlen darüber zu machen, sondern seine Leiden und Freuden in seine Geschäfte hinein arbeitet oder hineinwirkt, wie ein Weber seinen Einschlag — und das Gottgeheißene willig und still vollendend, ein Mensch ist, ein ächter Träger der Zeit — wenn er bei Andern auch nur ein Handwerksmann, oder ein Bauer heißt.

Der junge Herr von Ellenroth, der Christel entgegen gegangen war, und sie verfehlt hatte, kam darauf; aber er erfuhr nur von ihr, und noch als ein großes Geheimniß kaum verständlich zugeflüstert: Daß Dorothea nichts gethan: — als eine Thüre zugemacht, eine Gewölbthür im Unterstock des Schlosses, — Das Mädchen derselben aber habe ihr, auf ihre weitere Erkundigung gesagt: „in dem Gewölbe habe ein großes Kohlenbecken mit glühenden Kohlen gestanden.“ — Mit diesem unverständlichen Bescheid wollte der verstoßene Bräutigam wieder nach Frankfurt reiten, aber — er nahm seinen Weg über Breitenthal, um zu erfahren: Wie „eine Thür zumachen“ seine Braut und ihn scheiden, und sie oder doch ihn so trostlos machen können.

So war denn im Hause wieder Ruhe, oder doch von Ordnung beherrschte Unordnung, und von Mühe und Sorge bezwungene Noth mit so vielen Gästen, die sich müßig pflegten und schonten bis zum Lord- — Todesschmause auf dem großen grünen Schlachtfeldstische, wobei sie die Speise sein sollten, nicht aber mitspeisen, höchstens ins Gras beißen, oder Erde kauen; — „so wie Bauern beim Schachspiel, welches morgenländische Herrscher mit lebendigen Figuren spielten oder noch spielen, und den verlornen und gewonnenen, vom Stehen müden Statisten die Köpfe abhieben oder noch hauen, abhauen lassen oder es befehlen; ohne daß die armen Schelme ein Wort vom Spiele erfahren als die Parole; oder einen Gewinn davon genossen, als — den Braten gerochen, den sie wie Jäger, noch grunzend im Walde für ihres gnädigen Herrn Wildpretskammer geschossen, und der ihnen den Leib mit den Hauern aufgerissen hat;“ wie Wecker gesagt.

IX.

Das Weihnachtsfest kam während deß herbei, aber nicht als ein dankbar-heiteres Fest der Geburt Christi, sondern als ein irdischer Lärm, und als eine Gelegenheit: das wenige Wohlschmeckende noch zu verzehren, was über den unfruchtbaren Winter hinaus bis zu den neuen Gaben der Erde hatte langen sollen. Darum fehlten die Kinder nur Christel am meisten — denen sie Freude machen konnte! Und doch bereute sie nicht ihre übereilte Furcht, aus welcher sie dieselben in die sichere Stadt gebracht. Denn wenn sie jetzt auch nicht am Leben gefährdet schienen, so war ihr kindliches Herz und ihre junge Seele doch in Gefahr der Verwahrlosung durch die rohen Gäste; und bei jedem frechen Worte und jeder frechen Geberde und That derselben, welche die Kinder nicht sahen und nicht hörten, dankte Christel Gott, und empfand nur Freude, als fromme Mutter, welche die Weise gefunden hatte: die Welt sich immer gut zu deuten in dem ihr entgegengesetzten guten Herzen.

Sie wollte den Kindern selbst bescheren gehen, saß in stiller Nacht vor dem Backofen und buck jedem sein Christbrod; und jedes gedieh sehr schön und ward groß; — selber das Christbrod, das sie für die kleine umgekommene Tochter Clementine, voll guter Sachen und voll großer Rosinen mitgebacken, ging hoch auf, und färbte sich lieblich braun; und Christel sah es mit feuchten Augen und weinte und dachte: „es geht Dir also wohl im Himmel, mein Kind, das seh’ ich an diesem Zeichen! Deine Bescherung aber soll ein armes Kind bekommen, das dagegen ohne Mutter ist, wie ich ohne Dich!“ — Auch für den verschollenen alten Hausfreund Wecker soll sein Christbrod groß und lockend daliegen, und der neue Rock dahängen — bis er kommt! Und zum Weihnachtsfest, oder doch zum Neujahr kehrt ein Jeder gerne heim. Sie freute sich auf Weckern, sah ihn im Geist das liebe Gut verzehren und hörte ihn wieder wie sonst dazu sprechen: „Daß wir durch des Christkindes Geburt nicht mehr Sklaven der weltlichen und geistlichen Tyrannen sind, sondern daß wir armen alten Schulmeister, ja jedermännig klüger sind, auch wohl besser, als anderleuts Narren zu sein oder nur zu scheinen, das verdient wohl, daß man ein paar Tage Christbrod ißt, oder wohl gar ein delikates Stück Mohnstriezel, der einem im Munde zergeht!“

— „Oder auch zwei Stück!“ sprach Christel dann fast laut, und legte ihm in Gedanken noch ein tüchtiges Stück hin; und Daniel legte ihm still das Seine auch dazu — und Wecker bedankte sich nicht bei ihr und dem Knaben, sondern bei dem Herrn Christus, besonders aber bei dem fast ganz aus der Acht gelassenen, ja wie in die Acht erklärten heiligen Geiste, dafür, als welcher es eigentlich so weit gebracht, daß Christbrod in der Welt sei — und gute Menschen!

Darauf weinte sie im Stillen vor alter Freude, und zuletzt vor neuem Leid. Aber das künftige kannte sie nicht, und ahnete es kaum; wie Niemand an bunten warmen Herbsttagen den Alles weiß bedeckenden Schnee. Und doch war ihr Herz voll Angst und Furcht vor der Zukunft, die sie gern gewußt hätte, nur ein Augenblickchen gern hinter den Vorhang der Jahre geguckt, oder nur hinter die Nebelwand, die vor dem nächsten Jahre hängt, um zu sehn, was für Gestalten dahinter standen; blutig, glänzend, wohlthätig, oder schrecklich — alle aber vom Himmel gesandt; — oder schon auf Erden wandelnd, aber ihre eigenen künftigen Thaten und Werke noch nicht kennend, und unerkannt unter der Menge wandelnd; bis ein Engel mit seinem Finger vom Himmel herab auf ihn deutet, laut seinen Namen nennt, ihn anruft und spricht: „Nun sei du selbst! Werde und wirke!“