„Das kann ein Kind begreifen!“ sprach Adam; „freilich der Kaiser; denn ein ganzes Volk läßt sich nicht absetzen von seiner Menschenwürde oder auf den Thron stoßen! Darum sind alle Kanonen nur auf Ihn gerichtet, welche freilich den armen Franzosen Arme und Beine zerschmettern oder den Leib aufreißen, weil ein Potentat nur aus anderleuts Gliedmaaßen besteht. Aber nur ein schwangerer Mann wird ihn überwinden; denn mit einem solchen Elephanten-Unternehmen trächtig gehen, ist kein platter Spaß, sondern ein höherer Ernst, ihr Leutchen! Sein Sieger muß glauben, einen Elephanten gebären zu sollen. Nur wie man das einmal auf’s Theater bringen will, oder malen, ist meine Sache nicht; aber auch eingebildete Dinge sind wahr, und wär’ es ein junger Elephant. Das Blut muß aber doch vergossen werden.“
Und dann wird Friede? frug Christel fröhlich und getrost.
„Das kann ein Kind begreifen!“ sagte ihr Adam. „Aber, meine Frau Christel: ein Donnerwetter im Frühjahr ist nur eine sichtbare, hörbare und wandelnde Schaffung der Blüthenzeit auf der Erde. So soll und wird der bekannte gemeine Krieg nicht aufhören, damit der bekannte gemeine Friede wird, sondern damit der reine große ewige Krieg wieder anheben kann, welchen die Menschheit unter sich tagtäglich kämpft. Denn Leben ist der Streit und das Ringen nach Weisheit, Recht und Freiheit; und in diesem soll bewährt werden die Liebe und die Tugend; denn die Thränen und Wunden, die Schmerzen und Tode in dem stillen Kriege der Menschen, der da Frieden heißt, sind unaussprechlich tiefer, schwerer und tödtlicher, und millionenfacher — als in dem lauten Kriege. Darum bete ich um Frieden, auf daß der wahre Krieg wieder seinen großen Verlauf beginne; und der leibliche Krieg muß nicht mehr geduldet werden von keinem Volke, weil er den Welt- und Geisterkrieg nur unterbricht. Und da müßte Einer oder Mehrere blind, stock — blind sein, wenn sie nicht sehen, daß das deutsche Volk nun aufsteht die Auferstehung, die mit dem nie dahin begrabenen Kaiser im Kyffhäuser gleichsam begraben liegt, seine große, ganze Auferstehung! Nicht dafür, daß Jeder wieder seine vorher so beglückten Leute wieder so wie bisher beglücken soll; denn das kann ein Kind begreifen: das Volk steht nicht begeistert auf für Andere, sondern für sich, von einer großen Ahnung voll: das große gemeinsame Vaterland soll leben und dastehn, nicht Heinze oder Kunze, die als Sterbliche doch bald umfallen. Für Heinzen und Kunzen opfert es also scheinbar auch sein Blut; deutlicher aber schon: um die Schande los zu werden, daß es ein fremder Tyrann nach seinem eignen Gefallen beherrscht. Und Deutschland wird durch seinen Sturz sich emporrichten; den ihm Niemand abgewehrt, den im Gegentheil ihm Viele lange herbeigeführt haben durch Habsucht und Uneinigkeit; und Deutschland wird durch seine Erniedrigung erhöhet werden, wozu ihm nur Gott der Herr hilft. Und das weiß das Volk — und Gott! Und das Volk wird siegen mit Gott!“
Jetzt erdonnerten hundert Kanonenschüsse rund um die Stadt, aus feurigen freudigen Schlünden, wie Triumphhall; die deutsche Erde bebte, und die deutschen Augen weinten auf dem Berge. Aber Adam setzte sich traurig nieder, sahe auf Mainz hin und weinte auch, aber ingrimmig; und der Mann schien eine feurige Flamme, die aus der Erde gefahren, und aus der Flamme sprach es: „Ja, jubele nur Du unschuldige Stadt, Neu-Bethlehem, Du Stadt des Unheils der unschuldigen Kinder, um das Wort der Weisen zu Schanden zu machen: daß die Erlösung nun da sei und das Licht geboren! In Dir wird man hören aus thörigen Kindern, was — die Erde will, und um dieser Kinder willen wird man ein Netz über alle Lande legen, ein eisernes Netz, das zehntausend Millionen Goldstücke kosten wird, und in einer Sommernacht zerreissen wird wie von Spinnenfäden, und dann keinen Kreuzer mehr werth sein wird, wie ein zerrissenes Kreuzspinnennetz! Denn die Kreuzspinnen werden es spinnen, und eine große Kreuzspinne mitten darin still sitzen und Spinnen brüten, und hineilen, wo nur ein Fädchen sich lösen möchte. Aber das Netz hat der Spinne letzte Lebenskraft gekostet; sie kann es nicht wieder verschlingen, nicht mehr verdauen, um es neu zu weben, so lange der Himmel bleibt.“ —
Da erscholl mit erschütternder Wirkung vom Thurme des Domes Posaunenhall durch die Nacht, und himmlische Luft trug unter den heiligen Sternen und über der heiligen Erde die Worte her: „Herr Gott, Dich loben wir!“ — „Herr Gott, wir danken Dir!“ —
„Er hat schon geholfen!“ schrach der Leineweber. „Mir ist, als spielte ich das Lied mit meinem Basse mit, und striche furchtbar dazu, daß es die adligen vornehmen Todten in den Grüften beim Altare hörten, und die gemeinen Bauern-Todten draußen in schlechter Erde auf dem Gottesacker! Blaset nicht mehr! Ich halte es nicht aus — ohne meine Baßgeige! Hört auf, ihr Menschen!“
Und gleich auf der Stelle trifft das ein, was Ihr voraussagt, Herr! sagte Christel. „Das Netz soll zerreißen“ — und gleich danken sie Gott dafür in Mainz!
„Nicht nur in Mainz, meine Christel!“ sprach Johannes. „Aber besinne Dich nur! Denn Du vermischest seine wahre Rede mit ihrer falschen Freude; — eigentlich posaunen sie Unsinn! Sie sind nur zum Narren gehabt!“
„Aber nicht Narren! — Hilf Deinem Volke, wirklicher, nicht nur sogenannter Herr und Gott! Das trifft gewißlich ein;“ meinte der Leinweber.
„Alles Gute trifft ein. Denn das Gute ist Gott! Und Gott ist nicht todt zu machen, und Gott bleibt nicht aus! Er ist immer da und nah! Gebt acht!“ — sagte Adam Müller. —