II.

Nur der Kosak schrie auf — menschlicher Weise gedenkbar: selbst in der eigenen Wuth noch erschrocken über das — Kriegsglück, daß er statt des Feindes, das Kind durchbohrt. Aber es war ein Schuß gefallen; denn der bedachte, absichtlich handelnde Franzose hatte sich gleich wieder auf ein Knie gerafft, richtig den Augenblick ergriffen, sicher gezielt und sicher getroffen, und der Kosak lag am Boden. Niemand konnte erkennen, daß er ein alter Mann mit silberweißem Barte war, kaum daß er ein Mensch sei, wenn es nicht die übrige Gestalt noch hätte schließen lassen; denn über Augen und Gesicht floß lichtrothes Blut von der Stirn, unter der rothen vierlappigen Mütze hervor, und überfloß den breiten Bart, als sei er aus blühendem Fuchsschwanz künstlich gemacht; und die gerötheten Zähne im Munde klapperten vor Schmerz oder Wuth; denn er war gleichsam nur ein blautuchener Schlauch voll deutscher Beute.

Die indeß genahten Franzosen hatten mit einer Salve der reitenden Artillerie die Kosaken wie sechsbeinige Hasen aus dem Dorfe gebürschet. Man hörte in der Ferne nur schreien und reiten, und sah wieder die Straße brennen. Im Dorfe aber und in Johannes Hofe war es still. Der Franzose hatte den Schimmel am Zaume aufgegriffen, und an der Linde angehangen, stand ruhig, putzte seine Flinte rein, und ladete sie wieder, während er mit finstern Seitenblicken zu dem Kosaken auf die Erde zwischen den Zähnen murmelte: Moskowiter! Ismaeliter! Esauwiter! — Da liegst Du — und Ich nicht! — Du bist mein — und Ich nicht Dein!

Wecker war in heiliger Entrüstung indeß bei dem alten Frommholz vorüber, herausgeschritten, und in Bezug auf den in seinem Blute schwimmenden Asiaten sprach er mit innigem Bedauern und herzlichem Wohlmeinen zu dem Franzosen: Kain! Kain! Kain! o fliehe! fliehe! — Du hast Deinen Bruder erschlagen! Wir wollen unsere Augen indeß zudrücken, daß wir nicht wissen, wohin Du geflohen!

Und so drückte er seine Augen zu, und stand mit geröthetem Angesicht harrend. Da er aber nur ein verwundertes Lachen hörte, schlug er die Augen wieder auf, sah den Lachenden mit Erstaunen an, und frug ihn, ganz irr’ an sich und der Welt: Nun so sagt: Wer hat Euch das Recht gegeben, den Mann zu erschlagen?

Ihr seid verrückt! entgegnete der Franzose.

Das habe ich schon von Andern gehört! entgegnete Wecker; aber, mein Freund — — denn auch Ihr seid noch mein Freund — aber auch so ein Ungeheurer, wie ich, kann fragen; also ernstliche Antwort: Wer hat Euch das Recht gegeben, geliehen, geschenkt oder vermeint zu geben, zu leihen, zu schenken!

Das Beispiel! närrischer Mensch. Die Trommel, der Feldwebel, der erste Kanonenschuß, das Wort „Marsch!“ Kein Mensch hat es uns eigentlich laut gesagt.

An der verschämten Art haben sie wohl gethan! sprach Wecker mit einiger Freude; aber gemeint haben sie es doch!

Und das recht redlich! Die Hohen befehlen, die Kleinen thun, die Alten thun es vor, die Jungen nach.