Auch die Hülfe bereit sei —

Einen ruhigen Freund

Ich küßte den Band und ließ ihn wie Honig in einem absterbenden Baume. Die größte Aufgabe der Indier während ihres Lagers im sogenannten Deutschland scheint mir die Läuterung des durch die herrschsüchtigen Neu-Römer verfälschten Christenthums, und so nahm ich als reines Facit nur »D. August Neanders Werke« und »Reinhards Plan Jesu« mit mir. Von weltlichen Büchern aber ein Buch — wozu ein Volk von Gelehrten gehörte, also die Deutschen, und Jahrtausend alte und reiche Kenntniß es zu schreiben — eine Bibliothek in Einem Werke, mit einem Wort: die unschätzbare »Encyclopädie von Gruber und Ersch.« Wenn einmal ein auf Welt-Unkosten reisender himmlischer Regierungsrath, oder himmlischer geheimer Consistorial-Assessor käme, und auf der Erde Schulexamen ihrer Kinder vorgehalten haben wollte, oder Adam früge: wie viel wissen denn nun meine Kinder durch die Frucht vom Baume der Erkenntniß; so thäte man füglich am kürzesten, dem Vater Adam oder dem himmlischen Regierungsrath oder himmlischen Ober-Consistorial-Assessor die Encyclopädie von Gruber und Ersch als Scriptum der geistreichen Kinder zur Einsicht und Kenntnißnahme gehorsamst darzureichen. Und der Bericht an die Weltregierung, das große Ministerium des wahren Cultus, würde glänzend ausfallen.

Jetzt Abends brachten mir arme Bürger eine Musik. Ich weiß nicht, ich bin bei allen Dingen standhaft, sie kommen mir alle noch weltlich, oberflächlich, menschlich vor. Aber, so wie Musik erschallt, wie Klänge aus der gewöhnlichen Menschenluft da draußen sich regen und hervorbrechen wie rosige Blitze aus Wolken, und wie Donnergemurr und Gottes Rede aus Wolken — dann bin ich hin, dann bin ich erweicht, und die Geister machen mit mir was sie wollen, und das Ereigniß erscheint nun geweiht, es geschieht nun im ewigen schönen geheimen Leben; die Geister des Himmels wissen darum, sie loben, sie preisen, sie verherrlichen es mit ihren Engelszungen, und nur mit höchster Überwindung bring’ ich’s dahin, dazu und darein zu singen, und wenn mir’s gelingt, dann lebe ich mit in dem Leben der himmlischen Heerschaaren! Und nun sangen sie gar: »Befiehl du deine Wege!« . . . und mit erhöhter gewaltiger Stimme: »Und ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehn, so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehn. Was Er sich fürgenommen, und was Er haben will, das muß doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel!« . . . und das Kraftwort: »Mach’ End, o Herr, mach’ Ende an aller unser Noth!« — Da trat der General-Vormund mit meiner lieben Lehrtochter, der Baronesse, zu mir Einsamen herein. Sie wünschten mir Glück, sie empfahlen sich meiner Gunst und Vorsorge. Denn er übergab mir 2000 Guineen als Privateigenthum seiner Mündel, das in der englischen Bank gestanden und den Gläubigern nie mit gehört habe — nur die Baronie — und auf den Fall, daß sie den Gläubigern ganz gehören werde, sollte ich dem armen Kinde reicher Ahnen, der jungen Baronesse, drüben wieder ein Stück Amerika kaufen, so groß es für das Geld seyn werde und könne. Kaufen aber sollte ich jedenfalls; »denn,« sprach der General-Vormund, »in Zeiten muß Jeder für seinen Fall besorgt seyn. Vorsorge ist die wahre Sorge. Alles Andere ist Kummer und Noth.« — Dagegen versprachen sie mir, für meinen Sohn alles Mögliche zu thun, und meiner — Strohwittwe Freude zu machen, die eigentlich nur um des geliebten Sohnes willen dableibe — und die Freysingen gab mir ihr Händchen darauf, aber sie zitterte, sie war erröthet und ihre Augen schlug sie schüchtern nieder und ein Lächeln schwebte über ihr Gesicht und — ich segnete sie . . . . . wenn mein Vaterherz sie recht verstanden hatte, und sie weinte.

»Ja, es ist ein Elend,« stöhnte der General-Vormund; »die alten Burgen wäscht der Regen herunter, und auch alle die Herren von »»die Herren von Hab’ und Gut«« — führt der Himmel auch herab unter die Menschenkinder.«

Am schwersten schien mir der Abschied von meiner alten lieben Großmutter, die in dem Alter von 88 Jahren und staarblind in meinem Hause lebte, still und ungemerkt. Aber er ward mir am leichtesten. Denn die gute Alte segnete meinen Gang und sprach: »Du hast wohl einmal gehört, mein Kind, daß mein jüngster Sohn August, um mich als Wittwe zu kränken, von mir gegangen ist nach Amerika. Das hab’ ich aus Rotterdam erfahren. Er war kaum Chirurgus. Meine Augen waren immer schwach; er wollte mich heilen und sein Mittel machte mich blind. Da stieß ich harte Worte im ersten Schrecken gegen ihn aus. Er solle aus meinen Augen gehn! Ich wolle ihn nicht mehr sehn! — Ich will Sie nicht mehr sehen, meine Mutter; ich kann es auch nicht! sprach er und floh. Mein Gesicht kam wieder. Er blieb fort. Nun bin ich blind! Nun kann er kommen! So lange habe ich gelebt, ihn wieder zu sehen! Und gieb Acht, er lebt noch, Du findest ihn! Ja, so lange sterbe ich nicht, bis er kommt. Und Du kommst auch wieder, mein Sohn!«

Nach Allem endlich schliefen wir zum letzten Male im Hause zusammen. O das letzte Lichtauslöschen! Das letzte Gute-Nachtsagen! Und die Glockenschläge der alten Uhr vom alten Thurme! Und das letzte Tagabrufen des Nachtwächters! O die Welt ist entsetzlich tief und schauerlich! Und das Menschenherz ist sehr stark, und unzerreißbar von allen Erdbeben und Stürmen, die unter Gewitterwolken es zittern und klingen lassen von unbegreiflichen, hinreißenden Melodieen des Lebens. Und die Träume kamen; die alten Träume, die weinenden, kamen lachend; und die neuen Träume, die lachenden, kamen weinend! Und ich schlummerte ein wenig, und die Träume weinten viel, aber die Thränen standen am Morgen mir in den Augen. Und ich dachte, so ist schon Hunderttausenden gewesen, in alten Tagen und neuen! So wird noch Millionen seyn, so Gott will. Alle Thüren im Hause standen offen, als ginge es auf einen großen Jahrmarkt . . . . ich jagte noch unser Rothkehlchen hinaus in die Freiheit; ich lies den Zeisig aus dem Gebauer in die Freiheit — die Katze blieb und der Hund lief mit! Und sonderbar — ich schied von Nichts und von Niemand schwerer, als von Jemand, den ich doch mit mir nahm — von meiner Tochter! Wohl weil ich sah, wie sie Mutter und Bruder und Heimath verlor. Man muß die Augen zumachen wie ein Todter, den man hinausträgt, sprach ich zu mir. Mit offenen Augen schiede er selber schwer! —

»Du kommst wieder!« sprach mein Weib zum Abschiedswort, und blieb fest in der Hausthür stehen, »Komm’ wieder, Vater!« sprach mein Knabe, und kroch mir noch in den Wagen nach, um mich noch einmal zu küssen; — denn ich hatte Pfefferkuchen bei mir!

Ein Wagen ist so dumm nicht erdacht; nach hinten und an den Seiten zu — nur nach vorn, nach der Zukunft offen! Die Tochter saß neben mir, mein Schulmeister gegenüber und mein ältester Sohn, der mich begleitete. Der Schwager stieß in sein Horn . . . . mein Gott! ich hatte die Nacht noch Abschied nehmen wollen von Vater und Mutter auf dem Kirchhof — und nun mußte ich denken: wir lassen nur Staub hier; was die Todten uns gewesen und was sie noch sind, das besitzen wir, das sind wir selbst, das nehmen wir mit. Sie waren auch überhaupt nicht von hier — sie sind auch noch weiter ausgewandert! Sie mußten. Wir müssen. Und in den frischen Morgen klang das Horn in den Wald hinein, in den Gesang der Vögel, den Berg hinan, dann den Fluß entlang — und die stillen Wellen reiseten ja alle so Tag und Nacht, so still nach dem Ocean! Die Morgensonne trat auf die Berge und lächelte uns an, die große Reisende, die gestern das Land gesehen, wohin wir wollten, und sie leuchtete uns dazu, gewiß dazu! Meine Frau hatte mir ein Blatt Papier beim Scheiden gegeben, ich entfaltete es; es war ein Notenblatt, das Lied: »Dir folgen meine Thränen!« Da that ich einen Morgenschlaf im Wagen, und die Ändern wurden still, und schliefen wohl auch. O Schlaf! Zwei Augen zu — und die Welt ist still, und das Herz wird leicht und rein, als schmölze der Schlaf es ein, läuterte das Gold, und gösse es nun in die Form des neuen Tages, die ihm die Hoffnung gegeben und reizend geschmückt. Im bestimmten Nachtquartier fanden wir uns mit dem Amerikaner und seinem Neger Wilberforce zusammen. Als er auch meine Mirjam aussteigen sah, schien er sehr froh — er diente ihr höflich-amerikanisch; er frug lächelnd: ob nicht der Diaconus mitgekommen? Sie sah ihn an, er sie; und sie errötheten Beide so flüchtig, wie eine Schwalbe vorüberfliegt. So kamen wir nach und nach, geschwind genug, durch vieler Herren Staaten, über Grenzen und Grenzen, durch mannigfarbig bemalte Schlagbäume, erhielten mancherlei kleines Geld heraus und bekamen nach mancherlei Ellen gemessen. Wir sahen das Bewegen, das Hinundherregen, das Umherdrehen von Soldaten, Fuhrleuten, Landleuten. Nur zu einer Übung in allerhand Privatkleidern sagte der Amerikaner: »Vergessen Sie das nicht!«

Und als wir so viele mißmuthige, verdroßne Gesichter gesehen, und wenig von Lust und Freude gehört, sagte er wieder: »Vergessen Sie das nicht! wenn Sie unsere Gesichter sehen. Kind und Greis sehen einerlei gleichgültig aus, und innerliche Betrachtungen und Überlegungen hemmen Hand und Fuß und Auge und Leben. So tanzen wir auch noch nicht. Die Seele ist zu steif dazu.«