Endlich eines Abends überholten wir in einem dünnen Walde, im Sandweg, Auswanderer! Deutsche Auswanderer nach Amerika. Scheckige Ochsen zogen langsam einen Wagen fort, darauf Grabscheite, Hacken, ein Gebund Betten und kleine Kinder saßen, während die Väter, Mütter, Söhne und Töchter von drei Familien nebenher zu Fuße gingen. Ein andrer Wagen mit Pferden fuhr die letzten oder ersten nöthigsten Sachen, Säckchen mit Sämereien und allerhand Zusammengehäuftes von mehreren Haushaltungen. Wenn Swift ein Gebet über den Besenstiel verfertigt, so wäre mir gewiß jetzt ein rührenderes »Gebet über ein Grabscheit« gelungen, deren Eisen mich glänzend anblitzte. Die Leute gingen anständig gekleidet, aber stumm, wie der Sprache beraubt. Nur eine Jungfrau frug uns: »Wie weit ist noch Bremen?«
Dort liegt es ja! antwortete ich selber überrascht. Die Wagen hielten, die Männer nahmen ihre Mützen ab, Alle falteten die Hände und beteten ein stilles Vaterunser, ein Walte-Gott, oder ein: Nun danket alle Gott! vermuth’ ich. Nun standen die Thürme der Stadt uns auf aus der Hoffnung, der hohe Angariusthurm, die Liebfrauenkirche, das Rathhaus, die Domkirche, die Sternwarte, alles in dem geschmückten grünen Wall umher wie Spielsachen in dem Raum eines Geburtstagskuchens. Dann die Masten der Schiffe! Seiler spannen hier Schifsstaue; dort schmiedeten Männer in Hemden große Anker. Dann umfing uns die enge Straße mit Häusern voll Erkern, über und über vorn mit Fenstern, wie eine streifige gläserne Weste, die Gott vor Schloßen bewahren möge. Endlich die lange Brücke, die liebe Weser und das große Wasserrad. Ein schöner junger Mensch begegnete uns, der unwillkürlich sein englisches Pferd anhielt, wohlwollend, ja fast zärtlich uns . . . ich glaube, zumeist meine Tochter, ansah, den Kopf senkte und dann erst still des Weges ritt. Zufall! Schicksal!
Denn mein lieber Master Erwin kehrte bei einem Handelsfreunde ein; ich, bei meinem redlichen, guten, besten Freunde, dem Doctor Professor Weber. Wir stiegen hinauf, er kannte mich nicht; ich aber wußte, daß er es war, ich brachte ihm Grüße von meinem Bruder, den ich gar nicht habe — und nun fiel er mir um den Hals. Seine schönen Kinder standen um uns und hielten den Athem an — meine Tochter hatte er nicht gesehen, und es ist wohl die eigenste Befriedigung, die schönste Lösung des heiligen Lebensräthsels: einem Freunde die erwachsene Tochter zu bringen, zu zeigen. Und das gute Mädchen stand vor ihm befangen, ja gefangen da, wie eine unbewußte Schuldnerin von unabwehrbarer Neigung und Liebe, die ich dem theuren Freunde im Herzen bewahrte. Er führte sie zu seinem Weibe, der auch ich gleich wie ein naher Verwandter war; und meine Augen hingen an seinen Knaben, wie an Ablegern einer köstlichen Nelke, die der Gärtner bisher nur immer allein gesehen hat! Und nun hat sie sich verdoppelt, vervierfacht, verjüngt, verschönt. Er fand mich im Verlieren, ich wollte nach Amerika, und die Glocke der Freude zersprang. Und so sagte er mir im Vertrauen, daß sein werther Freund und Gönner, der Graf B . . . . . St . . . . . . . ihm den jungen, incognito hierher gekommenen Prinzen empfohlen, der neben ihm wohne und den Titel eines Herzogs in seiner ursprünglichen Bedeutung den Deutschen auffrischen wolle — und als Führer der Auswanderer aus seinem nicht gar großen Ländchen auftreten, da sein Vater sich noch nicht entschließen könne, dem das Amt eigentlich zukomme. Denn, sage er, mit einem Schwarm junger Bienen, welche den alten Mutterstock verlassen, und in die neue, von den Spurbienen gesuchte Bäute schwärmen, zieht nicht ein junger Weisel, sondern der alte erfahrene Weisel des Stockes, als rührendes Beispiel für Menschen! Die Herzöge der alten Deutschen seien es auch nur für die Zeit des Zuges oder der That gewesen, und in dem drüben angekauften freien Lande möchten ihn die Seinen nun ferner zum Haupt wählen, oder einen Andern, wenn er nur brüderlich für sie gesorgt, bis wo sie sein und des Vaters nicht mehr bedürften. Er meine eine große, deutsche, zeitgemäße That dadurch zu thun, indem er mit Willen und Liebe sich an die Spitze der Bewegung stelle; aber sein Vater wolle ihn davon abhalten, und werde dieser Tage in Bremen eintreffen, »um den so guten, edlen, feurigen, jungen Sohn auf gute Weise zurückzuführen und wieder einzuspannen in den alten schweren Wagen von Europa, von dem Niemand wisse, wohin er fahre, nur wie schlecht der Weg sei —« wie er selbst ihm geschrieben. Übrigens lagern Tausende von Auswanderern so eben jenseits der Altstadt, nach Elsfleth zu, die ich lieber sogleich gesehen und ausgefragt hätte. Da kam der junge Prinz gesprengt, er sprang ab, er kam herauf, und überrascht, uns . . . . ich muß es sagen . . . . meine Mirjam hier zu finden, sah er noch einmal so schwärmerisch schön aus, seine Augen leuchteten, aber seine Anrede verwirrte sich, selbst sein Gruß stockte, seine Frage blieb aus, und er schlug die Augen wie ein Mädchen zur Erde. Im Geiste hatte er schon seinen Titel abgelegt, und dem gewünschten Incognito gemäß, lernten wir ihn nur als Herrn Leuthold kennen! Leuthold — Publicola — der Name machte mir ihn werth; und als er nun hörte, daß ich die armen Einwohner von zwanzig großen Dörfern hinübersiedeln wolle, überschüttete er mich mit einer Masse von wohlgegründeten Nachrichten aus redlicher Männer Munde, drückte mir die Hände, und es ward verabredet, das Lager der Auswanderer gegen Abend zu besuchen, und auf dem Pianoforte spielte er mir den unvergleichlich rührenden »Gesang der Pilger« aus Hasses Pilgerinnen vor, und sang dazu mit feuchten Augen und bebender Stimme. Ungern schied ich indeß. Denn ich hatte die eben angekommenen sechs Freundinnen meiner Tochter unterzubringen, die sich drüben vermiethen wollten.
Gegen Abend also gingen wir dann. Ich mit dem Freunde; der Prinz führte meine Tochter und sprach in seinem Feuer mit edlem Anstand zwar, doch wenig verhalten zu ihr — als uns der Amerikaner begegnete und als Freund sich uns anschloß. Er gesellte sich aber zu mir, ging mit mir hinter dem Paare, und sahe ernst und blaß aus und sprach nicht, und sahe bisweilen murmelnd lange starr zu Boden, als schimmere ihm unter der Erde ein großes Buch, dessen Schrift er mit Gewalt entziffern wolle. Der immer vorsichtige Mann stolperte jetzt sogar. Zuletzt trug er, wie ich wohl bemerkte, erst Eine, dann beide geballte Fäuste in der Tasche. Wilberforce, sein Neger, sahe, wie ein treuer Hund nach dem Jäger sieht, gespannt nach den Augen seines Herrn. Er frug endlich, doch leise, meinen Freund, wer der junge Gentleman sei, der die Miß vor ihnen führe. . . . . . »Der Prinz . . .« sagte ich ihm, zwar leis, doch etwas unvorsichtig, und er hörte es kaum halb, als ihm recht wohl schien. Es stand ein Lächeln auf seinem Gesicht, das ganz Europa weglächelte, ein kostbares Lächeln, das mich hinriß. Aber meine Tochter war noch Gänschen genug und noch von keinem Prinzen und so verbindlich geführt worden, und ich als Herr Vater und Unterthan steckte auch noch so tief in der Eselshaut, daß ich keine Scene, besonders nicht gleich und hier auf der Straße besorgte. Der schätzbare Master Erwin aber nahm mich unter den Arm, hielt mich zurück, als wolle er mir etwas zeigen; und als die Übrigen voraus genug waren, frug er mich ehrerbietig und lüftete den Hut dazu: »Wollen Sie mir Ihre Tochter gönnen?«
Wie so? — frug ich.
»Zur Hausfrau! — meine ich.«
Ich wußte, wie meine Tochter dachte und fühlte. Ich gestand ihm das; aber auch, daß sie ihm, daß sie der je ihr eignen und freien Neigung entsagt — weil er Sclaven — hundert — fünfhundert Sclaven habe.
Der Mensch in dem Amerikaner, in dem Kaufmann und reichen Plantagenbesitzer ward roth. Er preßte die Lippen zusammen, blickte mit starren Augen ein inneres Bild vor seiner Seele an, und sprach dann: »Schon gut! meine ich. Also Sie meinen sonst Ja?«
Ich zuckte, eigentlich wunderbar froh die Achseln und meinte: Ja!
Da verließ er mich, ohne Übereilung, ging dem guten Prinzen zur Seite und sprach: »Wollen Sie mir nicht erlauben, meine Braut zu führen?«