Mache doch Licht an! — sagte ich zu meiner Frau, die in der Feierstunde am Fenster saß, zu welchem die wie jung gewordenen ersten Frühlingssterne vom dunkelblauen Himmel herein glänzten; — mache doch Licht, liebe Frau! Es ist Webers Gretchen!
Meine liebe Frau aber regte sich nicht; oder vielmehr, sie legte sich mit dem Gesicht in ihre weißschimmernde Arbeit vor ihr auf ihr Tischchen. Ich seufzete unhörbar, ging selbst, zündete einen Streifen Papier an meiner Luftfeuermaschine an — woraus die Flamme mir blitzschnell dienstfertig herausfuhr und mich dadurch sehr erquickte; und als das Licht brannte, sprach das liebe kleine Mädchen, wie nun erst getrost, recht freundlich: »Schönen guten Abend!«
Guten Abend, mein Kind! sagte ich ihr mit dem Gefühl, das ihr, ihren armen Ältern, und der ganzen armen gepeinigten Gegend recht gute Tage wünschte. Sie gab mir die sechs Dreier Reisegeld nach Amerika, lauter Kupferdreier, mit Grünspan belegt, also aus dem Salzgelde, denn der Weber verkaufte nur Salz. Du bist die Erste, die mir bringt. Gieb mir Deine Hand und Deinen Segen, mein Kind! sprach ich halblaut, meiner Frau wegen, und mit nassen Augen, des übervollen Herzens wegen. Ich trug den Weber in das dazu bereite Buch, gab ihr eine Quittung . . . . damit man den Amerikanischen Kaufleuten nicht zur Schande nachsagen möge, daß sie über jede Kleinigkeit in ihrem wohlgeordneten Lande ein Quittung geben, selbst über ein bezahltes Halstuch; und das liebe Kind schied mit einer verlegenen »Guten Nacht!« an die Frau Pastorin, und mit einer getrosten guten Nacht an mich.
Die Nacht möchte nicht gut werden! dachte ich. Ich trat zu meiner Frau, legte meine Hand ihr auf den Kopf, den sie seitwärts wandte. Mein Kind! Meine liebe Frau! sprach ich so mild als möglich. Sie regte sich nicht. Und so fuhr ich fort in meinem Styl: Laß uns betrachten! Wie wäre es denn — wenn ich ein Missionair wäre? Müßte ich dann nicht? . . . . Oder hättest Du mich dann nicht geheirathet? . . . . Und bin ich nicht wirklich ein Missionair, ein Abgesandter von dem, der uns sagte, uns, mir also auch, und in der Noth erst recht laut: Gehet hin in alle Welt! Und unter aller Welt ist doch gewiß die neue Welt, und so Gott will, die beßre Welt, auch mit begriffen! Ihm war Himmel und Erde bekannt, und gewiß auch Amerika, das in der alten Welt ja auch bekannt war, den Tyriern und Sidoniern; und wenn sie sich auch vor dem Wasser fürchten, doch auch den Juden, und dem weisesten Juden, der so viel und gern am Meere wandelte und lehrte. Und soll ich zeitlebens, oder um meine zwanzig Amtsjahre nur immer geredet haben? Soll ein Geistlicher nicht auch thun? Mit gutem Beispiel vorangehn? Mit Muth! mit Erfahrung! Wer ist denn noch überall der stille Freund und Tröster des Volkes, als die Geistlichen, die Weltgeistlichen? Bin ich’s nicht auch? Habe ich mich nicht um meine schöne laute Stimme gepredigt? Habe ich mich nicht um allen meinen eigenen Trost getröstet, so daß ich selbst wie ein Irrlicht schwebe, nicht wie ein mächtiges Licht, so stark, daß es selber steht! Habe ich mir die gute redliche Brust nicht verdorben, daß nur eine weite Seereise mich herstellen kann, aber gründlich herstellen wird, wie der Doctor sagt. Gönnst Du mir das nicht? Soll das Volk verkommen, verzweifeln, da in aller Welt doch Hülfe für alle Welt ist? Soll ich nicht reisen und ihnen die Ruhestätte der Lebendigen helfen bereiten? Soll ich sterben vor Leiden und Qual? Leide ich nicht? — denn seh’ ich nicht leiden? Laß mich leben! Komm Du mit!
»Das ist mein Tod!« sprach meine liebe Frau, sich aufrichtend, und, sahe von mir weg, hinaus, hinauf unter die Sterne. Aber sie hatte ihre rechte Hand herabhangen lassen, und das hieß von ihr — wie ich aus Erfahrung wußte: — sie hatte mir ihre Hand gegeben.
»Du gehst als ein Volksspion!« sprach sie jetzt, wie für mich sich schämend, aus ihrem edlen liebevollen Herzen.
. . . . Volksspion? wiederholte ich ohne es zu wollen. Aber, mein Kind, sprach ich mit ruhigem Selbstgefühl, haben die Hirten der Heerden nicht ihre Gesandten, die ihnen alles berichten, was ihnen frommt? Sollen die Völker nicht ihre Gesandten haben? Und willst Du den Apostel Paulus, den Columbus, den Vasco da Gamma, den berühmten Reisenden schlechtweg, und den Prinzen, einen Volksspion nennen, weil am Ende jede Reise, jede große Entdeckung, jede kleinste Erfindung für das Volk ist! Halte mich lieber für eine Taube Noäh, oder einen Raben! Und heiße ich nicht Volkmar? Was Volk ist, weißt Du; und was mar bedeutet, habe ich unsrem Gustav Adolph erklärt. Also Volkmar will ich auch seyn!
»So oft er den Soldaten, dem Volke, wie man, nach Deinem Worte, mißbräuchlich und unchristlich sagt, nachläuft, dann nennst Du den Jungen: Volks-Narr! und Du, Du willst ihm vorlaufen! Verstanden?« sprach sie; stand auf und ging hinaus, um das Abendbrot zu besorgen.
Ich aber schämte mich für Alle, die sich des Volkes anzunehmen schämen, nach Kräften, kniete auf ein Knie nieder, beugte mein Haupt und betete: O Volk, o deutsches Volk, Dein bin ich, so lange ein Athem in mir weht, der Athem Gottes. Denn in dir, o Volk, lebt derselbe alte Vater heilig, aber jetzt hier recht erbarmungswürdig, Gottes unwürdig! Denn Gott soll für alle seine Gaben doch nicht hungern und dursten, nicht halbnackend frieren, und so bekümmert aussehen, wie die theuren Menschengesichter hier alle weit und breit um mich. Gott soll kein Schloß vor dem Munde haben, Gott soll man nicht lebendig begraben, in seinem Sohne, seinen Kindern allen, dem Volke! O Gott, gieb, daß Alle erkennen, Wer, welch heiliger Wer in dem Volke lebt. Darum Dein bin ich, o Volk, so lange ich einen Tropfen Blut in den Adern habe, eine Zunge im Munde; denn ich weiß, wer es ist, der Es! — Es blitzt! Es donnert! Es regnet über die Saaten! Es reißt mir am Herzen. Es führt mich fort! —
Ich stand auf, ich konnte nicht mehr. Aber ich war ruhig.