Da kam meine Tochter Marie, oder Mirjam, wie ich sie ihrer Ahnfrau zu Ehren am liebsten nenne. Sie eilte auf mich zu, sie sank mir an die Brust, und ich hielt sie umarmt an dem treuen Vaterherzen. Ich weiß nicht, eine Tochter erscheint dem Vater immer so wunderbar eigen, wie seine Mutter und sein Weib zugleich, und doch wie das zarte schöne Herzblatt des eigenen Wesens selbst. Heut rührte sie mich doppelt. Sie war in ihren Sonntagskleidern, weiß und sauber und lieblich angezogen; sie kam so hastig, ihre ganze Gestalt wollte wie eine vollgedrängte Knospe brechen; ihre Augen, ihre Lippen wollten tausend Dinge, die ganze Welt mir erzählen, vertrauen, preisen! Sie schien eine Flamme, die nicht lodern will, eine Lilie, die nicht gesehen sein will, so kam mir die Jungfrau verändert vor — aber wodurch? Wie so schnell? Denn am Nachmittage war sie auf das Schloß gegangen, das auf einem Hügel mitten in der Stadt liegt, um ihre Freundin, ihre Jugendgespielin zu besuchen, zu trösten. Denn der jungen Baronesse Freysingen war erst vor Kurzem die Mutter gestorben, eine musterhaft gute Wittwe; denn alle Weiber werden als Wittwen gut, besonders aber diese, die schon als Weib unvergleichlich gewesen. Denn um nur Eins zu sagen: sie hatte alle Einwohner der zwanzig großen Dörfer ihrer Baronie frei gegeben ohne Entschädigung. Die Mädchen waren beide siebzehn Jahr alt, also wahre Jungfrauen, ich hatte sie beide zusammen unterrichtet, und aus voller Seele mich bemüht, sie in allem Herrlichen redlich zu confirmiren. Was thut ein Vater nicht! Auch mein ältester Sohn, mein Marbod, hatte Theil an meinen ausländischen Worten, an dem Unterricht in der englischen und französischen Sprache Theil genommen. Viel Augen können Ein Licht sehen, viel Ohren Einen Mund hören, und Kindern gegenüber ist der Vater ein feuriger, reiner, undurchdringlicher Lehrer. Die Kinder waren wie Geschwister. Meine Mirjam hatte den Abend auf dem Schlosse bleiben wollen, und sie kam schon nach Hause? Zu mir? Es war also etwas vorgegangen, geschehen, ihr geschehen, und ich frug sie, was sie mir bringe?

»Mich!« antwortete sie. »Dir . . . oder, wollte ich sagen, Ihnen, lieber, lieber Vater!« Dabei drückte sie mich heftig.

Hat Dir die Mutter draußen gesagt? — Ach die Mutter! Du weißt, daß sie schon ein Jahr und länger her nie ein Wort dagegen gesagt, daß ich nach Amerika will, auf Probe; aber um wirklich sagen und fühlen zu können, wie Auswanderern um das Herz ist, wie ihnen also in Wahrheit geschieht, bin ich mit Gott entschlossen, auf immer auszuwandern. In den zwanzig Dörfern sammeln die Vorsteher . . . . das arme Reisegeld; hier aus der Stadt brachte jetzt ein Kind an mich die ersten sechs Dreier. Nun also ist Ernst! Das Reden ist aus, das Thun geht an, und nun spricht die Mutter: das ist mein Tod! — nicht meiner, mein Kind, sondern ihrer, meint sie — und das macht mir den schweren Gang nur schwerer, denn ich gehe — und sie wird bleiben! Nun, soll ich allein gehen? Oder — kommst Du mit? Denn unser Marbod bleibt hier in der Pfarre als mein Vicar, mein Substitut, cum spe succedendi — sag’ ich Dir heut. Und bleibst Du auch bei der Mutter, so reis’ ich allein mit meinem Gustav Adolph und Gott! Und euch befehle ich Gott!

Ich hielt inne. Du weinst? frug ich dann. Ja, Scheiden ist schwer. Scheiden von Lebendigen schwerer, als von den Todten; denn da hat die Natur geschieden, das Schicksal. Wer aber von Lebendigen, von Geliebten scheidet, der kommt ihnen vor wie ein übermüthiger, leichtsinniger — Narr! Denn so hat mich die Mutter genannt — Volksnarr!

»Ach, mein Vater!« sprach sie leise, »wie soll ich Ihnen nun gestehen — sagen, wollte ich sprechen, daß ein Amerikaner hier ist! Im Schlosse! Den zweiten Osterfeiertag reist er schon fort nach Bremen, sich wieder einzuschiffen. Er will Sie mitnehmen. Sie sollen ihn heut besuchen. Ich soll Sie holen! Ach! —«

Mir war ernst, mir war froh zu Muth. Und doch kam mir meine Tochter noch räthselhaft vor. Ich war bewegter als sie. Denn Alles in meinem Hause, in der Meinen Herzen hat mir immer das Wichtigste geschienen. Und scheinbar gleichgültig frug ich meine Tochter nur: Ist er jung?

»Zehn Jahr gewiß jünger als Sie, mein Vater!«

Also dreißig! — Ist er verständig?

»O wie es sich ihm zuhört! Und dann hat man doch nichts verstanden, nichts gemerkt! Ich könnte kein Wort treu wiedererzählen!«

Also ist er schön? frug ich eben so gleichgültig.