»O Vater,« fuhr sie fort, meine Frage zur Seite lassend, »das Herz klopft Einem vor Freude, endlich einmal einen Mann sprechen zu hören, männlich, frei, stolz — als wenn der blaue Himmel über ihm voll Heldengeister schwebte, die ihn durch frohe Billigung stärkten und zur Feuerflamme machten. Mein Gott! denk’ ich mir selbst den General, den Vormund der Baronesse, oder den Superintendenten dagegen, die mit eingezogenen Achseln stehn, und mit schüchternen Blicken inne halten und lauschen, ob ja nicht etwa ein Minister oder Prinz da oben schwebt, der ihre kriechenden Worte noch nicht kriechend genug findet und sie von oben herab mit dem Finger warnt, daß sie zusammenfahren . . . . . Was habe ich doch gesagt, mein Vater, ja, ja, so kommt es mir vor, als wenn ich bis heut noch keinen Mann reden gesehen hätte, verzeihen Sie, lieber Vater, als Sie auch. Sie können auch reden! — Aber Sie sind ja — mein Vater. —«
Schon gut, schon gut! sprach ich, und wußte genug und seufzte: o Freiheit, wie machst du den Menschen schön! Mein armes Mädchen, dachte ich, auch Dir ist es geschehen! — Ist er verheirathet? ist er reich? frug ich weiter.
». . . Würde er so weit reisen, wenn er eine Frau hätte . . . .«
— meinst Du! Du Schelm! schaltete ich ein. —
». . . ich meine nur: er kommt aus Petersburg, über Constantinopel, Alexandrien und Rom durch Österreich, Baiern. In Nürnberg hat er tausend Dutzend Schachspiele bestellt und bezahlt. Gehn Sie hinauf auf das Schloß; ich will noch bei der Mutter bleiben!«
Noch? Du gutes Kind! Du willst also mit mir! Das danke Dir Gott! Freilich. Die neue Zeit ist wunderbar, oder die neuen Menschen, die den alten elenden Menschen ausgezogen haben, den neuen anziehen wollen, und indeß schauernd stehn wie Bettler. Decke den Tisch.
Die Mutter wollte das Essen noch nicht auftragen. Ich bestand auf Eile: und sie folgte mir zwar, doch mit einer Miene, als wenn ich mich um eine Freude brächte. Warum aber heut am Sonntag Abend ein gebratenes Huhn? — Warum heut Alles so besser als sonst, das erfuhr ich, als zwei Reiter in den Hof gesprengt kamen, und bald darauf ein Husar in der Mutter Armen lag, und in der Schwester Armen. Denn es war mein Sohn, mein Vicar! noch in der bunten Soldatenraupe. Mein Ersatzmann! Die Ankunft des Sohnes bedeutete der Mutter ganz sichtbar meine Abreise, meinen Verlust, und so hatte sie ihn ohne lauten Ausruf, nur mit stillen Thränen empfangen. Darauf setzten wir uns zu Tisch. Ihre Augen hingen immer an seinem — schönen Gesicht; denn warum soll ich als Vater blind und stumm seyn? Sie aß wenig und nichts, er allein fast alles! Denn mein Gott, wie war überhaupt der junge Mensch verwandelt! Einen fein gebildeten jungen Mann hatte ich vor Jahr und Tag fortgeschickt, unter die Soldaten, einen Candidaten der frömmsten Wissenschaft, einen Nachfolger der Jünger Christi, der nie zu laut sprach, wie ein Mädchen erröthete, sich einfach kleidete, die Kartenkönige und Ober nur vom Amtmannspiel her kannte, der nicht tanzte, nicht Pistolen schoß, nicht Wein nicht Branntwein trank, nicht Tabak rauchte, nur von belebenden Dingen, wenn auch froh und heiter, sprach — und ach! was mußte ich jetzt von ihm hören! Nichts wie von Pferden, Jagden und Hunden, von Spielgewinnst, von vortrefflichem Tabak, und noch edlern Tabaks-Pfeifen; von Bällen, von schönen Mädchen in den Quartieren bei der Musterung, Geschichten und Abentheuer von seinen Cameraden, wie sie vielleicht heut an andern Orten seine Abend- oder Nachttheuer erzählten! Und seine Sprache — wie baßrauh, cantormäßig ausgetrunken seine Stimme, sein Auge so zu sagen frech, sein Ansehn — dem Ansehn nach gesund . . . . aber ich bin Kenner, ich sah mit Vateraugen. Da muß ein Vater Freude haben! seufzete ich herzinniglich. Da müssen tausend Väter jetzt Freude haben, denen ihre Söhne so wiederkommen. Alle redliche Mühe der Mütter, alle Sorgfalt der Väter, alle Zucht im Hause, aller heiliger Zorn über die kleinen Keime von Unarten der Knaben, alle Lehren in den Schulen, alle Predigten in den Kirchen — Alles umsonst! Von Unkraut erstickt alles ächte, rechte Menschenwesen und Menschensinn. Predigt doch nicht, lehrt doch nicht! Lehrer und Prediger! Lieben Eltern, laßt doch alle Knaben aufwachsen wie Wilde, ja eure Mädchen auch — denn auf der Universität aller Rohheit und Laster bekommt ihr doch Candidaten der Unreligion nach Hause, die euch Gott und Herz und Athem und Lunge ersparen; die mit ausgerenktem und ausgerenkt verwachsenem Herzen verdorben, sie euch doch verderben, euer Leben und ihres. Aber so verlangt es die in Europa eiserne Zeit. — Ich ward immer überzeugter von der Wahrheit meiner innern Worte. Die Mutter hatte die letzte Flasche Wein ihm zu Ehren herauf holen wollen — denn er hatte bescheiden seine Schwester blos um ein Weinglas gebeten — die Mutter aber kam mit leerer Hand wieder, denn ich hatte den Wein armen Kranken hingetragen, und ihr Auge gab mir ihren Dank; der Sohn lächelte und sein Calfactor mußte die Feldflasche mit Arrak bringen — und ich mußte den vortrefflichen kosten! Ich trank den Tropfen aber auf die Gesundheit der Mäßigkeitsvereine in Amerika, und bat den Sohn um Verzeihung . . . . daß ich den Wein, und heimlich, fortgetragen in der Tasche, mit der ich im Finstern an das Geländer der elenden Treppe der armen Leute angestoßen habe, und die guten Kinder derselben hätten mir die Glasscherben aus der Tasche gezogen — und mit hohlen untergehaltenen Händchen den filtrirten Trank der Mutter hingetragen — und auch noch vergossen, weil sie auf die Mutter gesehen, und nicht auf das Händchen.
Da lachte mein Sohn! Und wie Odysseus überlegte ich, ob ich das lachende Gesicht aus väterlichem Zorne ganz einschlagen sollte, oder ihn nur so ein wenig schlagen, daß ihm Kinnlade und Zähne ausfielen — aber er hätte ja vielleicht den Säbel gezogen, und ich hätte ihn dann selber todtstechen müssen, und alles war aus! Meine Fahrt nach Amerika! Selbst meine Hülfe an alle arme Ältern gegen solche Freude an ihren Söhnen! Die himmelschreiende Freude! Ich stand nur vom Tische auf, und meine feinfühlige Tochter Maria hing sich mir an meinen Arm und flüsterte mir beschwichtigend zu: »Vater, liebes Väterchen! Der Bruder wird in drei Tagen, oder doch in drei Wochen ganz anders seyn, wieder wie zu Hause! Vergeben Sie ihm!«
»Habe ich Sie beleidigt? Vater! Womit denn?« frug der Sohn, so unschuldig unbewußt — daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Das war das Ärgste: er wußte nicht mehr, wo und wie er fehlte! Und ich sagte zur Antwort die Wahrheit: Du nicht, mein Sohn! Du hast mich nicht beleidigt, nicht gekränkt. Du hast nur Ordre pariert. Du erfüllst nur das Gesetz. — Und so begriff ich einigermaßen die neue, wahrhaft edle Absicht: die Soldaten nun fromm zu machen, ihnen Gebetbücher in die Hände und Tornister zu bringen, und die Commerschlieder mit frommen Morgen- und Abendliedern zu ersetzen. Nur so ist ihnen zu helfen.
Desto heißer brannte ich auf das Schloß zu gehen. Da kamen sie schon! Meine Augen waren, wie des alten Zacharias Augen, auf den Amerikaner gespannt. Aber vor ihm trat ein junger schlanker Schwarzer ein, ein Afrikaner, der fröhlich und wohlgemuth seinen Herrn meldete. Den Namen überhörte ich, weil er selbst schon mit der Baronesse und ihrem Vormund, dem General, eintrat. Die Weiber beknipten sich, die Männer — nämlich ich mit — krümmten sich wie lange Haarwürmer, die lange in einem hölzernen Violinbogen gesteckt. Der Amerikaner aber grüßte blos durch seine anständige Erscheinung, das heitre gesunde Antlitz, den wohlwollenden Blick aus den blauen Augen, zu welchen das braune Haar ihm so wohl stand. Nach und nach schied sich die kleine Gesellschaft und vereinigte sich. Die Mutter klagte vermuthlich dem General-Vormund die Noth, der Husarenoffizier theilte der jungen Baronesse seine mit Freuden aufgenommene Freude mit, sie wieder zu sehen, wozu Maria mit einer Hand auf dem leisen Harfenzuge des Pianoforte von Zeit zu Zeit die Melodie von dem Volksliede hören ließ: