»Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark!

Der Abschiedstag ist da.

Schwer liegt er auf der Seele, schwer,

Wir müssen über Land und Meer

In’s heiße Afrika!«

Und so trugen die alten, im Volke unvergeßnen und jetzt neu lebendig gewordenen Töne meine Seele in dem nun entsponnenen Gespräch mit dem willkommenen Gaste, dem Amerikaner.

Ihre Kunde, sprach ich am Caminfeuer mit ihm sitzend, darf ich als Wegweiser wohl benutzen, denn Wegweiser sollen etwas mehr wissen und eher als die Wegwandler — Auswanderer.

»Also wirklich! Sie wollen auswandern? — — Auswandern?« sprach er ernst. »Auswandern, sich selbst verbannen! Sich selbst ermorden! — um der Kinder willen. Seinen Leib, sein Herz, seine Seele aus dem Leibe reißen — um der Freiheit willen. O schwer, o bitter, das Bitterste auf der Welt. Sterben wir, so ist hoffentlich Land und Erde vergessen. Meine ich. Aber! Wandern wir aus, so geben wir Vaterland und Leben verloren — es bleibt Alles, Alles hinter uns, wie hinter einem Lebendigbegrabenen. Denn so eng, so dumpf und schweigend und leblos, so jammervoll ist es um den Ausgewanderten, sagte mein Vater uns Kindern bei jeder Gelegenheit, bis in das Alter, noch oft; selbst auf dem Sterbebette — bald leise, bald laut; und im letzten Traume sprach er erst recht bewegt von der Heimath, hier drüben von dem Berge! von dem Vaterhaus — dem Schlosse hier drüben — von den alten Linden — so daß uns in der Fremde geborenen Kindern zu Muthe ward, als wäre ein weltfremder Mann, ein gutmüthiger Wilder — ein Sohn der Sonne unser Vater! Ich führe das nur an, so wie er auch sagte: Selber Bäume, einen ganzen Wald würde man für desto rasender halten, wenn sich die Bäume alle selber ausrissen, über Felder und Berge und das Weltmeer liefen, und drüben mit den Wipfeln oder Köpfen sich in die Erde pflanzten, und die Wurzeln hoch in die Höhe kehrten, daß sie grünten und blühten und Früchte trügen! Doch wenn ich euch ansehe, Kinder, sprach er auch wohl, sehe ich doch, in der Welt ist Alles möglich! . . . . wenn es nöthig ist! Das Unglück ist das einzig wahre Saamenkorn des Glücks! Die Noth, die äußerste Noth ist dem Menschen die Todtenerweckerin, die unbarmherzige Aufschreierin seiner tiefsten, gewaltigsten Kräfte, die ihn über bloßes Menschenseyn mit zwei Beinen und Armen erhebt, und ihm Flügel giebt über das Meer. Es giebt ein kleines Insekt, der Vater wies es mir oft, das hat zwar Flügel unter den Flügeldecken, aber es läßt sich von den Kindern jagen, martern, stechen, brennen — und erst, wenn man ihm die Flügel ansreißen will, dann fliegt es fort, hoch in die Luft, und macht sich unsichtbar seinen Marterhölzern von Menschenfleisch oder Menschenfleischern. Der Mensch ist noch lebenszäher als ein Polyp, der sich umkehren läßt, das Innere heraus, die Haut hinein, und fortlebt — das vermag der Mensch bei Herz und Seele im Leibe — aber mein Vater kam mir doch vor wie . . . . wie eine nackte Seele, so immer wund, so immer schauernd, daß mir erst wohl ward, als er mir seinen Segen gab, der gewaltig klang und voll Verheißung triefte wie Gottes Wort. Aber sein Schloß, seine Kinderstube, seine alten Linden hier mußte ich doch sehen. Wahrlich, mich trieb nicht das Capital, welches noch von ihm her auf diesen Gütern steht. Es mag stehen bleiben, wenn es sicher ist. Sonst will ich sehen, was hier zu unternehmen und auszuführen ist — nach seinem Testament

Ich denke, es steht sicher; sprach ich, nicht ganz überzeugt, meinte aber, daß die Sequestration, die jetzt eingetreten war, das Capital desto sicherer stellte. Der Amerikaner war also der Sohn des vorigen alten Herren der Baronie, und der jüngere Herr von Steinbach, und Herr von Steinbach wollte ich ihn nennen, als er nicht unanständig, aber gnugsam lachte, und sprach: »Ich heiße Winhing, mein Bruder Johannes, meine Schwester Sabina, und auch meine Mutter heißt Susa, so daß alle Vornamen der Straßburger Familie sich in uns einmal wiederholen. Aber dem a und de Steinbach haben wir Ade gegeben und den Taufnamen Erwin zu unserem Familiennamen gemacht, da wir einen Mann haben, der den Geschlechtsnamen erst durch Verstand und Fleiß und Kunst geadelt. Das ist nicht ganz zum Lachen, und nicht ganz des Vergessens werth.« Er lachte aber. Und doch freute er sich über mein Weib, auch eine geborne von Steinbach, also eine Mitenkelin vom alten Erwin von Steinbach, der den Straßburger Münster erbaut, und blos als Andenken zeigte er mir das Wappen auf seinem Petschaft —: das gekrönte Kind, das aus blauem Meer auftauchend eine weiße Rose in der rechten Hand hält.

»Mein Vater!« erzählte er dabei, »ging aus dem Wunsch aus Europa: kein armer Adliger mit unglückseligen Sclaven oder sogenannten Unterthanen, wie man sie hier nennt, zu seyn, sondern lieber ein reicher, freier, bloßer Mensch; durch Landbesitz, den er für sein Geld erworben, also adliger, als jene ersten Adligen in Deutschland, die mit gewaffneter Faust einwandernd Leute und Land behielten. Mein Vater hat mir in seinem Testamente vermacht und aufgegeben — und Geld dazu: — in meinen männlichen Jahren eine Colonie verarmter Adliger und bauergutsloser Rittergutsbesitzer nach unsrer Union überzusiedeln, und ich habe schon sechzig Familien, freilich kaum ein Hunderttheil der ganzen Trauerliste. Aber entschließen sie sich? Sie hängen wie Faulthiere am abgefressenen, eingegangenen Brotfruchtbaume, bis sie verschmachtet herabfallen und dann kaum weiter schleichen können auf den neuen Lebensbaum.«