Der Bruder des Knaben kommt am Ufer heraufgelaufen. Er ist weiter unten glücklich gelandet. Es freut uns nicht. Hülfe kommt; ein Wundarzt; es freut uns nicht. Das edle purpurne Blut fließt aus dem entblößten mädchenweißen Arm des blassen schönen Jünglings; die Hülfe bleibt vergebens — es betrübt uns nicht. Der Vater, der Fürst kommt. Es betrübt uns nicht. Es ist sein einziger Sohn; er hat nicht Viele retten sollen — Einen zu retten, dem er schon Freude gemacht, dem er Vater und Vaterland wiedergeschenkt, das hat er nicht unterlassen können; die abgeschnittene Rebe hat in der engen einzelnen That sich ausgeweint. Meine Tochter weint. Sie soll mit dem Bräutigam gehen. Sie hat sein Wort nicht gehört. Er geht allein. Der Fürst schenkt dem Neger seine goldene Uhr; Wilberforce läuft seinem Herren nach, zeigt sie und frägt: ob er sie behalten dürfe? Der wirft sie gelassen in den Strom und geht. Jetzt eilen wir nach. Wir kommen zusammen nach Hause. Er hat vorher geschwiegen. Er schweigt auch jetzt. Er steht nur einmal still, blickt freundlich ernst auf den Boden — und ist dann der Vorige! So hing denn auch dieses hin, wie so Vieles in der Welt hinhängt, unausgemacht, ungewiß, selber die Sonne am Himmel.

Tolera berichtete am folgenden Tage, daß sich die Auswanderer alle bereiteten, mit Leuthold zu Grabe zu gehen, der ihnen so manches Gute gethan, wie sich jetzt erst hervorthat. Der Leichenzug wäre merkwürdig gewesen. Besonders wenn die guten Deutschen, wenn Diese noch so genannt werden durften, gewußt hätten, daß er ein Prinz sey, der einmal sich an die Spitze des Volkes zu stellen entschlossen war, um Volkswillen auszuführen, nämlich das Volk, wie Moses aus Ägypten. Wir unter uns glaubten, der Vater werde ihn in dem Bleikeller der hohen Domkirche beisetzen lassen, damit er dort unverweslich und unverwandelt als die größte Merkwürdigkeit ruhe und lehre. Der Vater war aber durch des Sohnes Tod, das Andenken an ihn, das Hineindenken in ihn so zum Sohne geworden, daß er ihn wenigstens in den Freistaaten begraben lassen wollte. Aber Amerika weiset die Todten von sich; kein Schiffer schifft sie hinüber. Das nennt man Aberglauben. Ich hatte die Ehre mit meiner Tochter, den Vater an demselben Abend bei meinem Freunde zu sehen, als Leuthold nach der Gruft seiner Ahnen abgeführt worden. Da ihm als Incognito Niemand besonders krumme Rücken und jämmerlich-unterthänige Redensarten zeigte, so sahe man hier, was Behandlung, die Art des Selbstbenehmens, thut. Er war fast wie wir andern. Es waren an diesem Tage mehrere reiche Auswanderer angekommen, denen keine leiblichen Güter fehlten, also nur die geistigen Güter; denn es waren bekannte hochgebildete Männer, und Frauen darunter!

Der Fürst erzählte, er habe mit ihnen gesprochen — und solcher Deutschen Auswanderung habe ihn frappirt — an das Herz geschlagen. Und wie schlugen mir seine Worte an’s Herz! »Europa,« sprach er, »Europa ist das Land wo alle Rechtsinstitutionen zuerst im Großen auf Völker angewendet worden sind. Seit einem Jahrtausend hat es sogar versucht, die Religion auf den Staat anzuwenden, in jedes Haus, an jeden Heerd, bis in das Gewissen jedes Menschen eindringend. Das sind denn wohl ungeheure, höchst ehrwürdige Versuche! Daß ihr Gelingen aber nicht möglich war, und seyn wird, daß Europa an dem Widerstreit seiner alten, ersten und nun hinzugekommenen entwickelten Institutionen untergehen wird und muß, deswegen grade sey es glücklicheren, durch keine alten Fesseln gehemmten Völkern desto ehrwürdiger — weil es rechtlich war! Es hat den Begriff des Rechtes festgehalten, und heilig das Erworbene, Überkommene geehrt; ob es gleich in späterer Zeit nicht neu ertheilt worden wäre, so hat es doch das Bestehende geschützt — um Keinen zu kränken, und lieber den Anschein haben wollen: als kenne es nicht das Reine, Vollkommene; lieber im Kampf mit Ablösung alter Asiatischer Gebrechen untergehen, als mit dem Schritt zu einem Zustande, wie er den Einsichten der entwickelten Menschheit angemessen wäre, die Verbindlichkeiten seiner Erblasser abschütteln, und groß, frei, herrlich . . . . aber schuldig und verschuldet dastehn. Indeß sichern ihm seine niedergelegten Beweise von Kenntniß des Höchsten: die Achtung des Geistes überall; und sein Verhalten: den Adel des Herzens; und sein Schicksal und seine Verlassenschaft: die ewige Dankbarkeit aller spätern Völker. Und seine Grabschrift wird seyn: Es that, was Recht war; darüber ging es zu Grunde, der Welt zum Opfer. Have, anima pia!«

Er schwieg. Er dachte gewiß an seinen Sohn, denn er sprach noch einmal mit feuchten Augen auf Deutsch: »Ruhe sanft, du gute Seele!«

In dieser wehmüthigen Pause zogen grade die Studenten nach Elsfleth vorüber, um sich diese Nacht noch einzuschiffen. Wir hörten die ersten und letzten Verse ihres Liedes nicht, nur diese beiden, die mit Kraft und Jubel gesungen, nicht ohne Eindruck blieben:

Dem Menschen ist nichts angeboren,

Als Maul und Nase, Aug’ und Ohren

Et caetera! Et caetera!

Und hat er nicht den Kopf verloren,