Laß es das Leben allgemach sich schmücken

Auf reinstem Wege, wie dem Menschen ziemt.

Die Einzelnen nur mögen Reue fühlen,

Dem menschlichen Geschlecht ziemt Reue nicht,

Ziemt alles Große, Würdige und Schöne;

Und sicher seines Tags, in mildem Stolz,

So wandelt’s rein zum reinsten Erdenglück.«

Ich führe diese Gesinnungen deswegen an, weil sie darauf einen geheimen Contract zwischen dem Vater des Leuthold und Herrn Erwin zur Folge hatten, worunter ich mich nur als Zeuge mit unterschreiben mußte, ohne jetzt mehr zu erfahren, als daß beide Theile dabei das Beste ihres resp. Vaterlandes besonders im Werke führten. So viel jedoch konnte ich mir abnehmen, daß die Sache einen Austausch von Einwohnern oder Unterthanen betraf, wie sie für jedes Land am zweckmäßigsten wäre! Ich sollte dabei höchlich interessirt seyn, und vorzüglich wirken. Ich! Und somit ward ich in die Welt verwickelt. Wer lebt, kann in Alles gerathen. Ein Kind kann groß wachsen, ein Erwachsener kann Soldat werden, ein Soldat kann — Nelson erschießen! oder Moreau! die auch einmal Jungen gewesen sind. Denn dieß ganze Geschlecht besteht aus großgewachsenen Jungen und Mädchen, und die Kinder spielen nun Leute. Darum kann ich immer keinen rechten Respect vor allen den Herren bekommen! Und was ich selber thue, kommt mir immer nur wie ein großer Kinderstreich vor! Und wenn mich ein alter Bauer »Hochwürden« nannte, so mußte ich mich recht zusammennehmen, um das Amtsgesicht zu machen! Wie mag das dem Papst erst schwer werden! Nur nicht, wenn er bedenkt, daß alle seine Vorfahren und Pfaffen ja eigentlich auch nur Kinder sind. Im Nebenzimmer, unter vier Augen steckte mir der Fürst den kostbaren Ring an den Finger, den sein Leuthold getragen — als ein Andenken für meine schöne liebe Tochter an ihn. Die Vornehmen erfahren und vermuthen doch Alles, weil Jeder sie für seinen Beichtvater hält, dem er Alles aus dem Herzen schütten muß, und der alle Sünden vergeben kann. So war auch meine Tochter verrathen — oder ihr zur Ehre nur der gute Leuthold. Ich kehrte aber die großen funkelnden Steine des Ringes in das Inwendige der Hand — und mußte noch obendrein mich bedanken. Es kam aber nicht besonders heraus. Mehr Freude machte mir ein Beutelchen Gold zum Abschiedsfest der Auswanderer im Lager, damit sie »Einen guten Tag« in Deutschland, hätten. Und wir Andern, die sich selbst hinauspracticirenden Adligen, die Wohlhabenden, kurz wir Alle feierten das Abschiedsfest mit ihnen, unter ihnen als alle nun: Neue Landsleute! Amerikaner! Das Fest war sehenswerth, mehr aber hörenswerth, am meisten jedoch bedenkenswerth.

Ein weißer weiter Frühlingsnebel bedeckte das Vaterland am Einschiffmorgen. Wir sahen die Sonne nicht mehr. Nur einzelne Stimmen ließen sich vernehmen, und ein gewisser Krüppel sang wieder sein unvergessenes Lied: Frisch auf, Cameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! — Wir umarmten die bleibenden Freunde am Ufer, empfahlen ihnen die Abschiedsbriefe in die Heimath, und saßen dann wie die alten Helden — im Pferdebauch. Kanonenschüsse donnerten, so daß wir in der Seele recht hell erwachten und einen Blick in die Welt thaten. Der Lootse, ein Kerl wie ein Bär aus Helgoland, sprang aus dem Nebel auf das Verdeck, der Anker ward eingeladen und wir schwammen! Das nächste Land, das wir sahen, war Amerika, und dazwischen lag nur die Meereswüste, wie vor den Kindern Israel ihre Sandwüste, um in der einsamen heiligen Zeit unsere Sünden abzubüßen und neue gute Entschlüsse zu fassen. O Weltmeer, mit deinem blauen Gewölbe, worin des Tages nur Eine große Lampe vorübergetragen wird, und des Nachts viel tausend goldene Lampen — welcher Tempel vergleicht sich dir! Wo man den Menschen vergißt, da erscheint Gott! Und Deutschland lag mit seinem Gewimmel, seinen Thürmen und Hütten hinter uns, wie den Nachhauseziehenden eine kleine Stadt mit ihrem verlöschenden Jahrmarkt, wenn es drinnen finster werden will. Nur als draußen auf offener See am Abend der Mond aus der Fluth aufstieg, als ich glaubte zu Hause zu seyn, und nur die Tochter neben mir stand, da wurden die Augen mir feucht, und ich lehnte mich an sie. O was ist ein Kind in der Fremde! Wir sehen uns an — und wir reisen nicht; wir sind daheim; da wo wir auch zu Hause daheim sind, wenn wir uns ansehn. Nur die Mutter hatte mir das Herz schwer gemacht; denn das Postschiff hatte uns draußen bei Wangerooge noch eingeholt, Briefe nachgebracht — und meine Frau schrieb mir: »Ich komme! Segle vor dem Zwanzigsten ja nicht ab! Ich bringe unsern Gustav Adolph mit. Es hat sich hier viel verändert!« — Und das las ich bei vollem Winde den Achten des Monats! Zwölf Tage zu spät! Ich hatte ihr geschrieben, daß Steinbach unsere Tochter zur Frau von mir begehrt, und daß ich sie ihm zugesagt. Das war gewiß Eine von den Veränderungen, die sie bestimmt hatten, mir sogleich nachzufolgen. Und nun war ich fort! Mit einem schweren Seufzer mußte ich auch Das gut seyn lassen, wie tausend Andere in der Heimath! Ich verschwieg aber der Tochter die Nachkunft der Mutter, meine Sorge und die Verwirrung, welche nun entstehen mußte. Die Männer müssen verstehen, das Schwerste allein zu tragen. Darum sind auch noch die Weiber und Kinder so lustig in Deutschland. Dafür wußte ich Einem Vater drüben Freude zu machen, durch die zwei Knaben, den Anselm und Wilhelm, die mir anvertraut waren. Vom Schulmeister Tolera unterstützt, hielt ich Vor- und Nachmittags Schiffsschule mit den Kindern der Auswanderer, und trieb vorzüglich nur Neueweltkunde, Geographie und Naturgeschichte. Die Kinder lernten alle wie Genie’s! Denn das Interesse lag vor uns — nicht rückwärts! Das ist die Ursache, daß so viele Candidaten, besonders der heiligen Theologie, den Repuls bekommen! Die Ältern hier aber erlebten Freude und saßen mit gefalteten Händen an den Borden umher. Bisweilen sangen in der Morgen- und Abendstunde auch die Rothkehlchen dazu, und die Staare schwatzten. Denn ein Freund der Natur hatte eine kleine Arche voll Singvögel mit eingeschifft: Leipziger Lerchen, 50, je ein Männlein und ein Fräulein; Polnische Sprosser, 50, je ein Männlein und ein Fräulein. Bayersche Staare! Und Oberlausitzer Haidelerchen, die Vögel mit dem wehmüthigsten Gesange auf Erden! Und auch den fröhlichsten, liebsten Vogel der Kinder — den Kukuk! 12, je ein Männlein und ein Fräulein.

War der Mann mehr ein Menschenfreund? Oder ein Freund der Vögel, der diesen da drüben neue unermeßliche Wälder schenken wollte? Ich weinte fast, wenn ich die lieben Sänger ansah, und war voll von tausend Frühlingen. Der Inhaber derselben frug mich lächelnd: »Bin ich der Herr von Habenichts? Ich will durchaus wissen, ob ich drüben der Herr von Kannnichts seyn werde; das will ich wagen und prüfen! Die geheime Macht ist die größte; und das geheime Wissen und Können, was Jedem einwohnt, ohne daß er es weiß — das ist das Herrlichste. Was für ein Esel hat mein Ahn und Ihr Ahn — Adam geglaubt zu seyn, als ihn der Engel zur Auswanderung aus dem Paradiese genöthigt; und ward er nicht ein herrlicher Landpfleger in Asia, der Normalbauer, auch Schaafzüchter der Heidenheit! Und o wie schwer mußte dem Herrn von Adam das Leben unter nicht einmal bürgerlichen, sondern thierischen Canaillen werden — da er das Paradies geschaut hatte und drinnen gelebt! Wie viel tausendmal besser haben es wir — die wir bei uns nichts vom Paradiese gesehen haben, als Schwarzkittel, Regimenter Engel mit dem Schwerdt, und wenig Freudenhäuser — als die privilegirten! Und ist jeder Bauer im Schiff hier nicht ein Auserwählter des Herrn, wie Noah in seinem Kasten! Damit wir gesegnet würden, durften Millionen nicht ersaufen, sie durften auf trockenem Lande bleiben! Und was fand Noah, als er ausstieg? — Recta Nichts! Und was finden wir? — Recta Alles! Bis auf die Singvögel, und die bringe Ich!«